Affäre um WM 2006:Ein Mythos namens Netzer

Der frühere Nationalspieler, der seit vielen Jahren in der Schweiz lebt, ist ein Mythos. Im richtigen Moment war er immer da: als Spieler bei Borussia Mönchengladbach und Real Madrid, als Manager des Hamburger SV, als Geschäftsmann und Partner des Unternehmers und früheren Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus; und als TV-Kommentator. Er hat für seine Fußballanalysen, die er Expertisen nannte, den begehrten Grimme-Preis bekommen. Es waren schöne Plaudereien mit Gerhard Delling.

Seine berühmteste Szene als Fußballer war das grandiose Pokalfinale 1973: Borussia Mönchengladbach gegen 1. FC Köln. Verlängerung. Netzer auf der Bank. Er steht langsam auf, legt den Trainingsanzug ab und bedeutet dem Spieler Christian Kulik, dass der ausgewechselt werde. Der Trainer, Hennes Weisweiler, greift nicht ein. Kaum ist Netzer auf dem Platz, trifft er in seinem letzten Spiel für Gladbach links oben in den Winkel: 2:1, Pokalsieg.

Andere meinen, das 3:1 der Nationalelf 1972 in Wembley gegen England mit dem Regisseur Netzer sei sogar noch größer gewesen. Da war das legendäre Zusammenspiel mit Beckenbauer. "Ramba Zamba" schrieb der Boulevard über die beiden. Wenn sich heute Cristiano Ronaldo den Ball zum Freistoß zurechtlegt, denken die Alten oft an Netzer, der die Freistöße auch wunderbar zelebrierte, aber ohne das geckenhafte Getue.

Netzer ist ein Glückskind. Er hat nie Lotto gespielt, und ein Fan, der auf seinem Oberarm "Netzer 10" tätowiert hatte, hat ihm mal einen Gewinnschein mit fünf Richtigen und Zusatzzahl geschenkt. Netzer teilte sich den Gewinn mit dem Fan. Das Feuilleton hat ihn fälschlicherweise für einen Philosophen oder einen Rebellen gehalten. Beides war er nie.

Er war kein Herdenmensch und hatte Erfolg in der Menge. Er trug schwarz, ließ die Haare lang wachsen und hörte Rolling Stones und Bob Dylan. Auch sah er nur so aus wie ein Revoluzzer und spielte Fußball aus der Intuition heraus. Und er hat sich, trotz aller fußballerischer und geschäftlicher Erfolge, stets zur Faulheit bekannt. Er leistete sich den Luxus, weniger als die anderen zu laufen.

"Alles sauber abgewickelt"

Im Fall der Fußball-WM 2006 war Netzer einer der Botschafter des deutsches Bewerbungskomitees und zudem mit der Firma CWL im Einsatz, die mit Fußball-Übertragungsrechten für das Fernsehen handelte und zum Konzern des Medienmagnaten Leo Kirch gehörte.

Die CWL vermittelte im Sommer 2000 Freundschaftsspiele des FC Bayern München in Malta, Tunesien und Thailand und kaufte die TV-Rechte für diese Kicks. Aus diesen drei Ländern kamen Fifa-Funktionäre, die über die Vergabe der WM 2006 mit abstimmten. Netzer sprach später von einem normalen Agenturgeschäft, "alles sauber abgewickelt". Einer der Mitstreiter bei der WM-Bewerbung, der Beckenbauer-Intimus und Strippenzieher Fedor Radmann, bezeichnete solche Aktionen als "international üblich".

Wenige Jahre später gründete Netzer mit Dreyfus und weiteren Partnern die Agentur Infront und kaufte den Sportrechtehandel aus der Insolvenzmesse der pleite gegangenen Kirch-Gruppe, inklusive der TV-Rechte für die WM 2006. In jener Zeit soll Dreyfus dem deutschen WM-OK die angeblich von der Fifa geforderten 6,7 Millionen Euro vorgestreckt haben, um sie dann später zurückzufordern. Über diesen Anspruch von Dreyfus soll Netzer 2004 einen der OK-Vizechefs, Horst R. Schmidt, informiert haben.

Als Theo Zwanziger im Spätherbst 2012 sein Buch präsentierte, erschien Netzer nicht. Diesmal hatte er sich selbst ausgewechselt, weil ihm an dem Buch manches missfiel. In dem Werk griff Zwanziger seinen Nachfolger als DFB-Chef, Wolfgang Niersbach, und andere an. Fifa-Chef Sepp Blatter dagegen erhielt ein Lob. Dass Netzer nicht kam, hat Zwanziger so kommentiert: "Ich kann das verstehen." Oder auch: "Ich habe überhaupt kein Problem damit." Jetzt will ihm Netzer Probleme bereiten.

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