Affäre in Mexiko:Ein Kokain-Kartell, das den Fußball ins Straucheln bringen könnte

Affäre in Mexiko: Von den US-Behörden öffentlich ausgestellt: ein Organigramm des mutmaßlichen Drogensyndikats von Raul Flores Hernandez, genannt "El Tio" (Onkel) - mit dem international renommierten mexikanischen Fußballer Rafael Márquez (zweite Reihe von unten, ganz rechts).

Von den US-Behörden öffentlich ausgestellt: ein Organigramm des mutmaßlichen Drogensyndikats von Raul Flores Hernandez, genannt "El Tio" (Onkel) - mit dem international renommierten mexikanischen Fußballer Rafael Márquez (zweite Reihe von unten, ganz rechts).

  • Der frühere Abwehrchef des FC Barcelona, Rafael Márquez, ist in Mexiko ein Nationalheld. Doch jetzt ermitteln US-Behörden gegen ihn.
  • Der Vorwurf: Márquez soll an einem Drogenkartell beteiligt gewesen sein.
  • Sein Fall könnte Einblicke geben in die oft verharmloste Doping- und Drogenproblematik im Profifußball.

Von Thomas Kistner

Fünf Stunden lang hatte der Kaiser bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt. Dann richtete er sich an das Volk und stellte klar, niemals in krumme Geschäfte verwickelt gewesen zu sein. Alles werde sich aufklären, beteuerte er, und er kooperiere voll mit den Ermittlungsbehörden.

Die Rede ist hier nicht von Franz Beckenbauer, der unlängst bei der Schweizer Bundesanwaltschaft weilte. Der Mann, der seit Wochenmitte "das schwerste Spiel meiner Karriere" spielt, heißt Rafael Márquez Alvarez und besitzt im mexikanischen Fußball ein so überragendes Ansehen wie der deutsche Fußballkaiser. Weshalb er auch "Kaiser aus Michoacán" genannt wird.

Mit monarchistischer Schwärmerei ist es nun aber nicht nur im Sommermärchenland vorbei. Rafa Márquez, 38, Mexikos berühmtester Kicker und Kapitän der Nationalauswahl "El Tri", steht im Verdacht, noch in einer anderen Truppe gespielt zu haben: im Drogenkartell von Raul Flores Hernandez, genannt "El Tio", der Onkel.

Dies hat das amerikanische Finanzministerium US Treasury mitgeteilt, als Resultat einer gut vierjährigen Ermittlungsarbeit mit der US-Antidrogenbehörde DEA, mit Zoll- und Grenzschützern sowie der mexikanischen Regierung: Márquez soll über zwei Dekaden als Strohmann und Geldwäscher für El Tios Kokain-Syndikat Los Fuentes gewirkt und dabei selbst zwei Strohmänner benutzt haben.

Márquez organisierte jahrelang die Abwehr des FC Barcelona

Flores, 65, sitzt bereits in Auslieferungshaft. Er soll strategische Drähte zu den Topkartellen von Sinaloa und Jalisco gepflegt und die eigenen Drogeneinkünfte über Scheinfirmen gewaschen haben. Márquez soll dabei so tatkräftig assistiert haben, dass ihm gleich neun der 42 Firmen zugeordnet werden, die die US-Justiz stillgelegt hat. Darunter eine Fußballschule, eine Rehaklinik für Sportler, eine Fußballstiftung. Und der Klub CD Morumbi, wo Flores und Márquez als Partner wirkten.

Der Fall hat Hollywood-Reife. Aber vor allem ist er brandgefährlich für den Fußball. Márquez, 142 Länderspiele, zählt zu den größten Kickern der letzten 20 Jahre. Er war bei vier WM-Turnieren dreimal Mexikos Kapitän; mit dem FC Barcelona gewann er vier Meistertitel und zweimal die Champions League; zuletzt führte er die "Tri" im Juni in Russland ins Confed-Cup-Halbfinale gegen Deutschland. Nach Profistationen in Monaco, Verona und bei den Red Bulls in New York war er zum Heimatklub Atlas Guadalajara zurückgekehrt. Gemanagt wurde Márquez von der Agentur Gestifute des Marktführers und Cristiano-Ronaldo-Beraters Jorge Mendes.

Diese erstklassige, perfekt vernetzte Karriere birgt eine enorme Fallhöhe. Wenn Capo Flores auspackt und all die Leute mit sich reißt, die die US-Justiz als Kartellmitglieder ausgestellt hat, droht das den Weltfußball dort zu treffen, wo er sich am heftigsten gegen alle externen Einblicke wehrt: im Transfer- und Beraterbereich sowie im Feld der Doping- und Drogenprobleme. Wie gut die mediale Abwehrarbeit der Branche überall auf der Welt funktioniert, war zum Beispiel jüngst beim Thema Doping, also in ganz anderem Kontext, bei Mehmet Scholl zu sehen.

Am Donnerstag endete die Zusammenarbeit des früheren Bayern-Spielers mit der ARD, hartnäckig hatte er, auch öffentlich, das Dopingproblem verharmlost. Wie immer es ablief, kein Sender sollte Gebührengelder in Experten investieren, die aktuelle Betrugsenthüllungen zum Fußball als Negativberichte und "fünf Jahre alte" Storys abtun - die nur die gute Laune trüben. Der Fall Márquez kann die gute Laune nun nachhaltig eintrüben, mit der sich just der Fußball, das größte Unterhaltungsimperium des Planeten, aus allen Drogenfragen stiehlt. Márquez ist das Gesicht des mexikanischen Fußballs, in dem auch Kartellchef Flores eine Rolle spielte - überdies steht Márquez für die größte Ära des spanischen Klubfußballs. Denn von 2003 bis in das WM-Jahr 2010 verstärkte er die Abwehr des FC Barcelona. Da stellt sich schon die Frage: Gibt es Verbindungen zwischen Kokskartellen und Kickerbranche?

Für Mexikos Fußball ist das geklärt. Flores, laut Washington seit den Achtzigern im Drogengeschäft tätig, formte im Jahr 2000 das Profiteam Guerreros Autlán aus dem Verein CD Morumbi; gespielt wurde in zweiter und dritter Liga. Als Präsident Flores im Juni 2008 plötzlich hinwarf, offenbarten die Papiere zwei weitere Klub-Partner: Rafa Márquez sowie dessen Ex-Nationalteamkollegen Miguel Zepeda.

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