Ärger im WM-Austragungsland Brasilien:Fans sind nur Farbtupfer

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Im Feld der Uniformierten sind die Fans in ihren Kanarien-Trikots nur noch gelbe Farbtupfer. Dann, kaum hat sich der Stadionsprecher beim obersten Chef der Bundespolizei bedankt, "dass sie uns beschützen", kommt es zu Ausschreitungen. In einer Demonstrantengruppe werden Feuerwerkskörper gezündet, Militär- und Bundespolizei eilt herbei, Blend- und Tränengas-Granaten fliegen, Schlagstöcke werden geschwungen.

Am Ende gibt es zahlreiche Verletzte und 19 Festnahmen. Junge Leute werden in engen Käfigwagen abtransportiert, ihre Mitstreiter bleiben und skandieren Parolen wie "Brasilien, wach auf" und "Mehr Freiheit, mehr Bildung". Die Proteste gehen bis in die Nacht. Da verschanzen sich irritierte Polizeikräfte hinterm Zaun ihres Stationsgebäudes, die vorderste Linie trägt Helme und Schutzschilder. Draußen schreien sich 200 Demonstranten heißer.

Wie brüchig der brasilianische Fußballzauber offenbar ist, zeigt sich auch beim Stadion, das 1,2 Milliarden Reais gekostet hat. Nicht mal zur Eröffnung des Confed Cups ist es voll, knapp 5000 Sitzschalen bleiben leer. Draußen pickt sich die Polizei wahllos Zuschauer als mutmaßliche Ticket-Schwarzhändler heraus. Als wisse sie nicht, dass es auch mit der Verteilung der teuren Karten große Probleme gibt.

Im Inneren ist die gewaltige Betonrotunde eine Baustelle, Kabel baumeln herab, offene Rohre, Eisenbewehrungen liegen in den Ecken herum, Steinplatten, Zementsäcke. Im Aufzug hat jemand am Spieltag rasch weiße Klebebänder neben die Knöpfe gepappt, die erklären, welcher Bereich im jeweiligen Stockwerk wartet.

Auf den Presserängen sind es schwarze Klebestreifen, die den Markennamen der Toshiba-Bildschirme verdecken; dummerweise ist Sony der Fifa-Sponsor. Dass die Telefone so wenig funktionieren wie später die Dolmetscherdienste bei der Pressekonferenz, wundert keinen mehr.

In all dem Tohuwabohu haben Brasiliens Sportreporter ein neues Topthema entdeckt: die Stimmung gegen Rousseff und ihre Regierung. Nur der Fuchs Scolari spielt nicht mit. Er hat sein Team auch darauf gut eingestellt und sich selbst gleich mit. "Ich rede nur über Fußball" brummt der Trainer auf heikle Fragen, so äußern sich die meisten Kicker.

Nur manche, wie der Bayern-Profi Dante, machen aus einer gewissen Zerrissenheit keinen Hehl. "Das ist ein großes Land mit unterschiedlichen Leuten", sagt er vorsichtig, "wir erleben einen großen Moment, die ganze Welt schaut auf uns." Einerseits. Andererseits: "Unser Leben in Brasilien ist wirklich nicht einfach."

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