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Aderlass-Prozess:Auf der Suche nach dem nächsten Dopinghit

Beginn Doping-Prozess gegen Mark S. in München

Der Angeklagte Mark Schmidt (Mitte) zu Beginn des Prozesses in München.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Das Verfahren gegen den Erfurter Arzt Mark Schmidt geht auf die Zielgerade und immer mehr Details kommen ans Licht. An der Argumentation, er habe Sportlern nur helfen wollen, gibt es erhebliche Zweifel.

Von Johannes Knuth

Am 13. Verhandlungstag, ungefähr zwei Wochen her, verkündete der Allgemeinarzt Mark Schmidt, dass er jetzt doch mal wieder etwas verkünden müsse. Allzu oft war das bis dahin nicht vorgekommen in dem Prozess vor dem Landgericht München II; und es gab nun durchaus ein paar heikle Vorwürfe zu erörtern. Aber Schmidt gestaltete seinen Vortrag dann ein wenig, nun ja: überraschend. Er rekapitulierte unter anderem, wie ihn Beamte im Februar 2019 verhafteten. Wie sie seine Praxis in Erfurt filzten, ihn mit Fragen "bombardierten", eine Welt sei da für ihn zerbrochen. Und sein Abtransport erst: "Entgegen der Fahrtrichtung in eine Einbahnstraße!" Später, als sie Schmidt in die Haftanstalt München-Stadelheim verlegten, hätten die Beamten mehrere Wagen vorgeschickt, um die Fotografen vor dem Gebäude zu verwirren. Sein Vehikel sei dann davongebraust, wie im "Kino".

Echt "gefährlich" fand Schmidt das.

Das ist ja schon auch verständlich: dass man sich irgendwann an solche Dinge klammert, an die kleinen Zumutungen am Wegesrand, wenn man seit fast zwei zähen Jahren - einer wirklich seltsam langen Zeit - in Untersuchungshaft sitzt und seitdem dieses Etikett an einem hängt, "Erfurter Dopingarzt".

Am 27. Februar 2019 war Schmidts Netzwerk bei der nordischen Ski-WM in Seefeld aufgeflogen; einer seiner Klienten, der Langläufer Johannes Dürr, hatte bei den Ermittlern ausgepackt. Seit drei Monaten müssen sich der Arzt und vier mutmaßliche Helfer nun in München verantworten. Sie sollen mehr als 20 Athleten über Jahre mit Blutdoping versorgt haben, aus Deutschland, Österreich, Estland, Kasachstan, Kroatien, Slowenien, Italien, der Schweiz. Schmidt hat das mittlerweile eingeräumt. Es ist der größte Doping-Strafprozess, seitdem Doping in Deutschland strafbar ist, und jetzt, da das Verfahren Anfang Januar wohl in ein Urteil mündet, hat sich von einigen Dingen doch der Staub der Zweifel gelüftet.

Vieles davon könnte man auch ganz gut mit den Attributen "Kino" und "gefährlich" versehen.

Weil sein Ruf eh schon zerbeult war, fasste Schmidt den Plan, es mal "auf der anderen Seite zu probieren"

Neulich hat Schmidt zum Beispiel mal erzählt, wie das am Anfang wirklich gelaufen sei, wie er zum "Dopingarzt" wurde. Das Profi-Radteam Milram hatte sich 2010 von ihm als Teamarzt getrennt, der einstige Radprofi Bernhard Kohl hatte berichtet, dass ihn Schmidt zuvor beim Team Gerolsteiner bereits an die Nadel gelegt habe. Vorwürfe, die Schmidt bis heute vehement bestreitet; ein Gerichtsverfahren wurde damals eingestellt. Weil seine Reputation aber trotzdem schwer zerbeult war, sagte Schmidt nun, sei der Gedanke in ihm erwacht, "es auf der anderen Seite zu probieren".

Dieses Motiv, das insinuiert, er sei da in ein düsteres Biotop quasi hineingezogen worden, klang zuletzt immer wieder bei ihm an. Weil Doping im Berufssport nun mal dazugehöre, habe er, der Arzt, den Sportlern ja bloß helfen wollen. Nicht, dass sich jemand selbst irgendetwas bestellt und fahrlässig in die Blutbahn jagt!

Aber an diesem angeblich qualitativ so hochwertigen Dopingangebot stapelten sich zuletzt doch die Zweifel.

Dirk Q. etwa, einer von Schmidts treueren Helfern, der die Sportler ab und zu selbst an die Nadel legte: Der war dabei meist furchtbar nervös, so hat er es nach zuvor langem Schweigen schließlich in seiner Einlassung erzählt. Schmidt selbst habe sich ihm zunächst als Versuchsobjekt zur Verfügung gestellt, aber da habe es "auf gut Deutsch gesagt eine ziemliche Sauerei" gegeben. Als Q. zum ersten Mal einen Sportler stach, den Radprofi Stefan Denifl, habe Denifl irgendwann gesagt, Q. solle es einfach bleiben lassen. Andere Helfer, wie Schmidts Vater Ansgard, verwechselten offenbar schon mal das Nadelbesteck, weshalb sich die Behandlungen in die Länge zogen.

Aus einem SMS-Verkehr zwischen Schmidt und Q., der im Gericht verlesen wurde: "Das ist absolute Scheiße!!", tobte Schmidt, nachdem Q. sich offenbar mit einer Dosierung vertan hatte. "Das darf nicht passieren! Das ist ein Geschäft, für das die Leute viel Geld bezahlen!"

Wollte Schmidt nur seine Unkosten decken? Oder ging es um den großen Gewinn?

Das Geschäft. Ja, das sei teuer gewesen, hat Schmidt immer wieder betont - teuer für ihn. Blut raus aus dem Sportlerkörper, rote Blutkörperchen mit der Zentrifuge vom Blutplasma trennen, abfüllen, mit Glycerol haltbar machen, durch die Weltgeschichte transportieren, dann in Erfurt im Hochleistungskühlschrank verstecken; dann das Blut wieder rein in den Athleten, vor Rennen in Österreich, Italien, Südkorea, USA. Das ganze Equipment, die nötigen Reisen ...

Dass Schmidt dabei nur seine Unkosten habe decken wollen, dass er von Athleten maximal 5000 Euro im Jahr verlangte, meistens zumindest, wie er zunächst angab? Dario Nemec, ein Kroate, der in all den Jahren eine Art Co-Kapitän in Schmidts Netzwerk war, sagte dazu im Gericht, dass Schmidts Preis sich strikt am Einkommen der Sportler orientiert habe. Also weniger an den Kosten?

Georg Preidler, ein einstiger Radprofi aus Österreich, dessen schriftliches Geständnis sie unter der Woche im Gericht verlasen, erinnerte sich so: Schmidt habe ihm erst einen Spezialpreis gemacht, 10 000 Euro pro Saison. Aber danach, habe Schmidt angekündigt, werde er wohl das Doppelte berechnen müssen. Aber Preidler werde dann ja auch 300 000 bis 400 000 Euro verdienen pro Jahr, dank Schmidts Rundum-sorglos-Paket.

Der deutsche Dopingarzt, dein Freund und Helfer? Preidler erlebte das Netzwerk als "pervers und hinterlistig". Nemec, Schmidts Komplize, habe ihn 2017 mit einem Gratisangebot angefüttert: Zwei Spritzen seien das gewesen, versteckt in zwei Kühlakkus in einer Orangensaftflasche. "Du erholst dich besser" - mehr habe Nemec nicht sagen wollen. Und Preidler hatte dann auch kein Problem damit, sich den unbekannten Stoff einzuflößen. Erst später habe er bemerkt, dass er nun in Nemec' Schuld stand, gab Preidler an. Und weil der Kroate darauf bestanden habe, dass er, Preidler, doch mal diesen Doktor ausprobieren sollte, "den Deutschen", der die "Topstars" versorge, habe er irgendwann angebissen.

Das mit den Topstars ist natürlich eine mutige These, bei all den Radsportmittelständlern und Hinterherlangläufern, die bislang aus Schmidts Kundendatei gefischt wurden. Aber ausgeklügelt war sie schon, seine Rundumversorgung. Oft reichten ihm die Klienten ihre Blutwerte weiter, die die Dopingfahnder in das Portal der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hochluden. Der Arzt wusste so genau, wie viel Humanalbumin die Sportler einwerfen mussten, damit ihre Blutwerte nicht auffällig schwankten. Der angeblich so intelligente Blutpass der Wada? Ein besserer Intelligenztest. Nicht einer von Schmidts Kunden ging den Anti-Doping-Jägern in all den Jahren ins Netz, mit Ausnahme einer etwas merkwürdigen Epo-Positivtests des Langläufers Dürr.

In Nachrichten von Schmidt-Kunden tauchen Hinweise auf Gendoping auf. Unklar, ob der Arzt damit etwas zu tun hatte

Daneben verschrieb der Arzt offenbar allerlei Zusatzprodukte; "Pens" mit Wachstumshormon; Molidustat, eine bis 2017 nicht nachweisbare Variante des Blutbeschleunigers Epo; TB 500 und TB 1000, ein Schnellmacher für Pferde. Andere Mittel tauchen immer wieder in Nachrichten und Mails von Schmidts Klienten auf, wobei unklar ist, ob der Arzt damit etwas zu tun hatte. Darunter tatsächlich auch: Repoxygen. Ein Genpräparat, das den Körper stimuliert, rote Blutkörperchen zu produzieren, und das einer von Schmidts Langläufern offenbar konsumierte.

Mario Thevis vom Kölner Dopinglabor sagte dem BR jetzt, dass dies der erste detaillierte Hinweis überhaupt sei, dass im Sport mit Gendoping-Präparaten gearbeitet wurde. Allerdings kann das Mittel auch massiv das Blut verdicken. Dann wäre der Einsatz nicht nur nutzlos, sondern auch: hochgefährlich.

Apropos gefährlich: Vor einer Woche löste Schmidt, nachdem diverse Sachverständige ausgesagt hatten, ein Rätsel dieses Prozesses. Es ging um jenen einen Fall, in dem ihm schwere Körperverletzung vorgeworfen wird. Nemec habe ihm 2017 versehentlich eine Forschungschemikalie beschafft: Methämoglobin, nutzlos für Dopingzwecke, nicht steril und für den Menschen nicht zugelassen. Schmidt aber dachte, er halte ein Präparat in den Händen, das Muskelzellen mit mehr Sauerstoff versorge. Er injizierte den Stoff der Österreicherin Christina Kollmann-Forstner, der WM-Zweiten von 2018 im Mountainbike-Marathon. Sie hatte dem Arzt vertraut, gierig nach dem nächsten Leistungsschub - und Glück, dass die verabreichte Menge so gering war, dass sie mit Schüttelfrost davonkam.

Er habe die Packung nur beiläufig studiert, gestand Schmidt nun kleinlaut, er sei da auch "so ein bisschen blind gewesen". Weil er gehört hatte, dass in der Radsport-Szene "etwas unterwegs war".

Ein temporär erblindeter Dopingarzt, auf der Suche nach dem neuen Dopinghit - wie war das noch mal mit seiner angeblichen Motivation: Athleten davor zu bewahren, sich fahrlässig Stoff in die Blutbahn zu jagen?

Das ist natürlich das gute Recht des Angeklagten: dass er sich zu vielen dieser Dinge nicht ausführlicher äußert, weil ihn das noch recht junge Anti-Doping-Gesetz womöglich noch schwerer sanktionieren würde. So aber bleiben am Ende dieses Prozesses wohl noch viele Fragen offen.

Weitere deutsche Kunden? Ein Alpinfahrer als Doping-Besteller? Vieles wird nur angedeutet.

Was ist mit den angeblich weiteren, noch unbekannten deutschen Kunden in Schmidts Netzwerk, die der Radprofi Preidler unter der Woche erwähnte - als er dem Gericht schriftlich mitteilte, dass er als Zeuge persönlich gerade leider nicht zur Verfügung stehe?

Oder der prominente Alpinfahrer, gegen den ein Verfahren mittlerweile eingestellt wurde - über den Zeugen, deren Aussagen zuletzt in München verlesen wurden, aber verblüffend detailliert Auskunft gaben, bis hin zu angeblichen konkreten Dopingbestellungen?

Oder der einstige deutsche Radprofi, der laut diversen Chat-Protokollen zusammen mit einem Schmidt-Kunden Wachstumshormon und Insulin gedealt haben soll?

Oder ein noch unbekannter slowenischer Wintersportler, den Diana S., eine Helferin Schmidts, angeblich behandelt hatte?

Viereinhalb bis fünfeinhalb Jahre, das ist die Haftstrafe, die Schmidt vermutlich erwartet. So hat es die Vorsitzende Richterin Marion Tischler jetzt verkündet und dem 42-Jährigen auch zugutegehalten, dass er umfassend ausgesagt und bei der Aufklärung geholfen habe. Dirk Q. erwarten maximal drei Jahre Haft, die wohl größtenteils mit seiner Untersuchungshaft verrechnet werden - aus der er kurz vor Weihnachten voraussichtlich entlassen wird. Auch deshalb verzichtet seine Verteidigung wohl darauf, weitere Zeugen in München zu vernehmen. Die Plädoyers werden nun für den 8. Januar erwartet, ein Urteil am 15. Januar. Schmidts weitere Helfer werden wohl maximal Bewährungsstrafen erhalten.

Immerhin in einer Sache hat der Hauptangeklagte zuletzt noch ein Steinchen ins große Mosaik gelegt, wie viele seiner Vorredner zuletzt am Landgericht München II, einstige Kunden, Helfer, Mittäter: Sportler und Teams im Ausdauersektor tauschten sich ständig untereinander aus, welcher Stoff gerade in Mode und nicht aufzuspüren sei: "Die Brüder wissen genau, was sie nehmen", sagte Schmidt. Und am Ende? Gewinne dann wieder der Stärkste.

© SZ/cca
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