Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga "Die Deutschen wollen die Leute leiden sehen"

Das Vergnügen an der Not hat Reiner Calmund mal mit der sadistischen Ader der Deutschen erklärt. "Die Deutschen wollen die Leute leiden sehen", hat er behauptet, aber diese bittere These beruht wohl auch darauf, dass er in Leverkusen jenes Leiden mehrmals am fülligen Leib hat erfahren müssen. Außerdem ist Reiner Calmund der einzige Mensch, der tatsächlich weiß, wie das Abstiegsgespenst aussieht, bekanntlich hat er es damals auf seinem Nachttisch sitzen sehen, wenn er nachts aus seinen Albträumen erwachte. Schlimmer noch: Es saß auch in seinem Kühlschrank, wenn er sich vor dem nächsten Albtraum zu stärken suchte.

Die Trainer Neururer und Funkel versichern, sie seien dem Abstiegsgespenst noch nie begegnet. Doch sie wissen, was die ständige Angst vor dem Abstieg aus den Betroffenen macht. "Abstiegskampf ist eine ganz andere Veranstaltung als der gewöhnliche Fußball. Da wird ein Frustrationsmoment eingeläutet, das unvorstellbare Dinge hervorruft. Die Einflüsse aufs Sozialverhalten und auf die Psyche sind ganz schwer einzuschätzen", sagt Neururer. Ruhe bewahren ist dann die oberste Trainerpflicht, doziert Funkel, der es geschafft hat, in mehr als 40 Jahren immer wiederkehrender Abstiegskämpfe gesund und neurosenfrei zu bleiben. 1157 Spiele als Trainer und Spieler haben ihn zum Rekordmann des deutschen Profifußballs gemacht. Mittlerweile hat sich Funkel wieder in Krefeld niedergelassen, wo 1973 alles begonnen hatte, es gehe ihm ausgezeichnet, meldet er.

Als Brehme in Völlers Armen weinte

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1989 gab Trainer Peter Neururer den Befehl, mit dem Bus direkt in die prall gefüllte Schalker Arena zu fahren

Im Keller der Liga hat Funkel viele prominente Spieler betreut, Chapuisat und Rolff in Krefeld, Alex Meier und Jones in Frankfurt, Salou und den eisernen Hajto in Duisburg, aber die wertvollsten Spieler waren ihm immer die, auf die er sich in den schweren Stunden im Abstiegskampf verlassen konnte, und das waren nicht die VIPs der Ligageschichte. Er hat sie schnell beieinander: Heintze und Steffen in Krefeld; Emmerling und Töfting in Duisburg; Voigt, Springer und Cullmann junior in Köln; Schur und Spycher in Frankfurt - "das waren die, die immer positiv dachten, für die anderen da waren, keinem Zweikampf und keiner Konfrontation aus dem Weg gingen". Kurzum: "Team-Spieler - so wie ich, wenn ich das mal so sagen darf."

Der Abstiegskampf in Zahlen

Die Tabelle und die aktuellen Paarungen des letzten Spieltags stehen hier.

Neururer fällt zu dem Thema ein Name ein, der auch heute stets gegenwärtig ist. Er denkt an Dietmar Beiersdorfer in dessen Zeit vor zwanzig Jahren beim 1. FC Köln: "Er war eine Leitfigur, hat alles abgeschüttelt - so stabil und souverän hätte er jetzt auch als Vorstandschef beim Hamburger SV sein müssen."

Denn Abstiegskampf kann ja auch beflügeln, "es ist wie in der Tierwelt", sagt Neururer, "ein Hase, der normalerweise einen Antritt von X hat, ist auf einmal doppelt so schnell, wenn er gejagt wird". Abstiegskampf kann sogar schön sein. Auf Schalke empfing Neururer von Rentnern Briefumschläge, in denen Fünfmarkscheine und Münzgeld steckten. Die hatten die Herren am Trainingsplatz gesammelt - als Motivation für die Profis. Aus jener Vorzeit stammt auch Neururers Lieblingsepisode vom Rande des Abgrunds, die von Schalkes Rettung vor dem Abstieg in die dritte Liga handelt.