Süddeutsche Zeitung

Leichtathletik:Solo für Arthur Abele

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Im letzten Zehnkampf seiner Karriere wird Arthur Abele disqualifiziert - doch der Fehlstart wird zurückgenommen. Er darf weitermachen, und sprintet alleine im Olympiastadion unter dem Jubel des Publikums über die Hürden.

Von Johannes Knuth

Rote Karte, ein unschuldig dreinschauender Angeklagter, Pfiffe von den Rängen: Das haben nicht nur die Fußballer, sondern auch die Leichtathleten im Repertoire. Der Zehnkämpfer Arthur Abele hatte am Dienstagvormittag nur weder einen Konkurrenten auf der Nebenbahn umgegrätscht, noch das Wettkampfpersonal als grob unfähig beleidigt. Er hatte sich ganz klar zu früh aus dem Startblock gelöst über die 110 Meter Hürden, mit denen die Zehnkämpfer ihren zweiten Wettkampftag eröffnen. So spuckte es jedenfalls das System aus, das erfasst, wann die Athleten sich aus dem Block abdrücken. Und so schlich Abele aus dem Stadion, ungläubig, Tränen in den Augen. Die EM in München, hatte der 36-Jährige zuvor verkündet, sollte der letzte Zehnkampf seiner Karriere sein.

Nur: Auf den TV-Bildern ließ bestenfalls erkennen, dass Abele mit dem Fuß gezuckt, sich aber nicht vor dem Startschuss aus dem Block gelöst hatte. Der Deutsche Leichtathletik-Verband trug dies bei seinem Protest vor, Abele machte derweil weiter, mit hängenden Schultern und Mundwinkeln. Die Gegengerade im Olympiastadion, sehr passabel besetzt für einen Leichtathletik-Vormittag, ließ ihn bei jedem Versuch im Diskuswurf noch lauter hochleben, Abele lächelte, es war ein sehr bittersüßes Lächeln.

Und plötzlich: Hüpfte er wie ein Flummi über die Bahn und das Publikum wusste sofort, was geschehen war: Die Jury war dem Vortrag des DLV gefolgt, hatte die Disqualifikation kassiert. Während Abele zum letzten Mal in den Diskusring schritt, bauten sie auf der Zielgeraden eine Hürdenstrecke auf. Nur für ihn.

So fügte sich schon vor dem Ende alles zu einem Abschied, der Abeles Karriere durchaus würdig war: Langweilig wurde es selten. Er war schon bei der WM 2007 in Osaka dabei, als Neunter und Gesicht einer neuen Generation, die später Medaillen beschaffen sollte. Doch die Medaillen gewannen erst mal andere, Michael Schrader, Pascal Behrenbruch, Rico Freimuth, Kai Kazmirek. Abele watete durch einen Ozean an Verletzungen, man könnte mit seiner Krankenakte mehrere Semester in ambulanter Sportmedizin bestreiten, mit all den Muskelverletzungen, Schambeinproblemen, Achillessehnenrissen, Gesichtslähmungen nach Mittelohrinfekten und Operationen ("Er war eigentlich eine einzige Verletzung", sagte der einstige Zehnkämpfer Frank Busemann einmal).

Abele versuchte, sich nicht von den endlosen Enttäuschungen entmutigen zu lassen, sondern sich an die wenigen Erfolge zu klammern, die ihm sein Sport gönnte. Die Geburt seines Sohnes vor sechs Jahren habe ihm auch sehr geholfen, die Dinge in die rechte Perspektive zu rücken, hat er einmal im Gespräch erzählt.

Und dann öffnete sich ihm tatsächlich noch ein Spalt, 2018, bei den Europameisterschaften im Berliner Olympiastadion. Kevin Mayer, der große Favorit aus Frankreich, schaffte keinen gültigen Versuch im Weitsprung. Und Abele, der früher in solchen Momenten und überhaupt oft mit dem Kopf durch die Wand brach, schaffte es, all seine Kraft in diesen Zehnkampf fließen zu lassen, mit sieben Saisonbestleistungen, 8431 Punkten, dem EM-Titel. Wie dieser Muskelprotz mit kleiner goldener Krone auf dem Haupt auf der blauen Bahn heulend zusammensank, das brannte sich auch ein wenig ein ins deutsche Sportgedächtnis.

Es war ein grelles Glanzlicht, die vergangenen Jahre blieben ihm die Verletzungen wieder treu. Die Schienen für das echte Leben sind längst gelegt, Abele hat sich zum Elektroniker ausbilden lassen, er wird in dem Ressort vermutlich bei der Bundeswehr weitermachen, die ihn lange in der Sportfördergruppe unterstützte.

Aber erst mal war am Dienstag noch ein Zehnkampf zu Ende zu bringen. Und, auch das ist wohl ein Novum mit 36, ein nachträgliches Hürdenrennen, nur für ihn. Abele touchierte einige Hindernisse, 14,50 Sekunden, längst nicht perfekt, aber das war egal. "Ich bin fix und fertig, so viele Emotionen", sagte er. Das Stadion donnerte vor Jubel, als habe er gerade den Zehnkampf gewonnen, Das Stadion donnerte vor Jubel, als habe er gerade den Zehnkampf gewonnen, es donnerte noch lauter, als sie ihm am Abend nach 7662 Punkten in den Ruhestand verabschiedeten, als habe er den Zehnkampf gewonnen. Und irgendwie hatte er das ja auch.

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