Plötzlich war Aaron Hunt weg. Sein Trainer ist ihm dann hinterher gefahren, von Bremen nach Goslar im Harz. Denn dorthin, nach Hause zu seiner Mutter, zog es den aufstrebenden Fußballer. Er hatte Heimweh. Der Trainer hieß damals Bernd Pfeifer, zuständig für die Internatsschüler beim SV Werder. Aaron Hunt war damals 16 Jahre alt, nach zwei Wochen in Bremen wollte er nur noch zurück in seine gewohnte Umgebung. Die Familie bekam dann häufiger Besuch aus Bremen, von Werder-Funktionären. Man wollte diesen "Riesenfußballer", wie später der Coach der zweiten Mannschaft, Thomas Wolter, berichtete, nicht einfach durch das Sieb der früh gefallenen Talente rutschen lassen.

Sieben Jahre später scheint sich der Kampf gegen das Heimweh gelohnt zu haben: Am Freitag wurde der inzwischen 23 Jahre alte Offensivspieler von Bundestrainer Joachim Löw für die Länderspiele gegen Chile und die Elfenbeinküste (14./18.11.) nominiert. Es ist der bisherige Höhepunkt in der Karriere eines Profis, der trotz seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten vielleicht in keinem anderen Klub die Kurve gekriegt hätte.
Denn wo hat man so viel Geduld wie in Bremen, wenn man "eine Vision" von einem Spieler hat? So drücken das der dortige Cheftrainer Thomas Schaaf und Geschäftsführer Klaus Allofs gerne aus. Sie brauchten bei Hunt eine Menge Beharrlichkeit und auch Milde. Nicht nur wegen diverser Verletzungen. Sondern auch, weil der junge Mensch Aaron Hunt ein bisschen labil sei, wie man bei Werder nicht nur wegen der Heimweh-Anekdote weiß.
Der Vision von einem Spieler ist Hunt zuletzt sehr nahe gekommen. Nicht nur, weil er diese Saison schon fünf Treffer in der Bundesliga erzielt hat und seine Kollegen schon Witze machen, wenn er einmal nicht getroffen hat: "Jetzt fängt wohl deine Krise an." Das Fachblatt kicker attestierte ihm "technische Brillanz, Spielintelligenz, Torgefährlichkeit, Schnelligkeit und Geschmeidigkeit". Viele Experten sehen in Bremen schon ein neues "magisches Dreieck" mit Hunt, Mesut Özil und Marko Marin, was Allofs nachvollziehen kann: "Mal schaut man nur auf Özil, aber Hunt ist da. Dann schaut man auf Hunt, und Marin ist da." Es ist jedenfalls ein Trio mit ähnlichen Fähigkeiten - und ein Schlüssel zum Erfolg der verjüngten Bremer Mannschaft.
Das Karriere-Ende drohte
Derzeit sind bei Hunt viele Probleme Vergangenheit. Sowohl die gesundheitlichen als auch die privaten, die mit Führerscheinentzug, Disco-Schlägereien und einer handfesten Auseinandersetzung mit dem Brasilianer Diego einst zeigten, dass er noch nicht stabil war. 2007 hatte Hunt nach Operationen an Knie und Leiste und siebenmonatiger Pause befürchtet, das Karriere-Ende stehe bevor. "Keiner konnte mir helfen", sagt er heute im Rückblick.
Ihm half dann die Zeit, die man ihm gab, obwohl es die im Fußball ja angeblich nicht gibt - in Bremen aber schon. Diese Saison verpasste er noch nicht ein Spiel. Ein Resultat der Vorbereitung, die er komplett mitmachen konnte. Und der Tatsache, dass Hunt selbst zur Kondition beitrug, indem er schon im Urlaub mit dem Fitnesscoach schuftete. Hunt sagt: "Jetzt habe ich wieder Vertrauen in meinen Körper."
Aaron Hunt hat jetzt seinem Trainer etwas zurückgezahlt für dessen "Ehrlichkeit", wie er findet. Schaaf hatte vor dieser Spielzeit ein letztes Mal gefordert, nun müsse der nächste Schritt in seiner Karriere kommen. Zur Konstanz habe ihm zudem der Kopf verholfen, er sagt: "Ich beschäftige mich im Spiel nicht mehr mit meinen Fehlern." Das raube einem nur Energie und verschärfe die Angst, weitere Fehler zu machen. Auch deshalb ist Hunt zuletzt nach einer miserablen Werder-Leistung in der ersten Hälfte in Nürnberg "aufgestanden und vorweg gegangen", erinnert sich Allofs. "Intuitiv" passiere das bei Hunt, sagt der frühere Profi und heutige Werder-Psychologe Uwe Harttgen. Hunt rettete den Bremern mit zwei Toren noch ein 2:2.
Hunt mag England, spielt aber lieber für den DFB
Dass der Aufstieg von Aaron Hunt auch mit dem Abschied von Diego zusammenhängt, dementiert er nicht. Früher, sagt er, sei das Spiel ganz auf den Regisseur mit den großen Qualitäten zugeschnitten gewesen. "Jetzt verteilt sich das auf mehrere Köpfe, und ich bin ein Teil der gut funktionierenden Mannschaft." Auch deshalb kann Hunt dem Ende seines Vertrages 2010 gelassen entgegensehen. Natürlich sei Werder der erste Ansprechpartner, betont er. Doch Klaus Allofs ahnt schon: "Wenn Barcelona oder Chelsea anklopfen, wird es eng."
Besonders die Engländer haben es Hunt angetan. Einerseits, weil seine Mutter Engländerin ist. Andererseits, weil er die Premier League für die beste der Welt hält. Doch zweimal haben sich die Briten schon eine Abfuhr geholt. Manchester United bekam bei Werder eine Absage, als man anfragte, ob man das 17-jährige Talent ausbilden dürfe. Später erklärte Hunt dann, er wolle für Deutschland spielen und nicht für die Engländer. "Weil ich doch mehr Deutscher bin und fußballerisch hier erzogen wurde."
Was noch für Werder spricht: Bremen ist weiterhin nur 200 Kilometer von Goslar entfernt. Da ist Aaron Hunt mit seinem Auto vergleichsweise schnell daheim. Wenn er doch mal wieder Heimweh haben sollte.
