Süddeutsche Zeitung

Aachens Zugang Albert Streit:Er will doch nur Fußballspielen

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Albert Streit war einst Gutverdiener auf Schalke und klopfte ans Tor der Nationalelf, nun versucht er bei Alemannia Aachen ein zweites Fußballerleben zu starten - der einstige WM-Held David Odonkor hat schon damit angefangen.

Philipp Selldorf

Albert Streit möchte im Alter von 31 Jahren ein zweites Leben im Fußball beginnen, aber das alte Leben lässt ihn einfach nicht los. Es verfolgt ihn auf all seinen Wegen, wie die Schlagzeilen über seinen Wechsel nach Aachen zeigen: "Alemannia bekommt Streit im neuen Jahr" titelte die Aachener Zeitung; "Streitbarer Albert Streit", hieß es kurz und bündig bei der Westdeutschen Zeitung; "Aachen holt sich Streit ins Haus", meldete n-tv; und der Kölner Stadt-Anzeiger rätselte über die "Streit-Frage".

Irgendwie kann man es also verstehen, dass Albert Streit dieser Tage nicht so viel Lust darauf hat, mit der Presse zu sprechen. Diese Neigung der Medien zu Wortspielen, die ihn schon während seiner Jahre in Köln, Frankfurt und Schalke begleitet hat und nun also auch nach Aachen verfolgt - die würde es auch dem geduldigsten Mann schwer machen, den guten Willen zu wahren.

"Jeder macht einen spitzen Bleistift und verdient ein paar Euro auf seine Kosten", sagt Streits Berater Klaus Gerster, er meint aber nicht nur den ständigen Missbrauch des Nachnamens in den Überschriften, sondern auch das Kleingedruckte, das darunter geschrieben wurde. Seinem Mandanten sei vor allem im Laufe der prekären Schalker Zeit ziemlich übel mitgespielt worden, findet der erfahrene hessische Spieleragent. "Insgesamt war das eine Zeit, die man keinem Menschen wünscht", meint Gerster.

Allerdings wäre die Berichterstattung wohl auch nicht anders ausgefallen, wenn Streit mit Nachname "Nächstenliebe" hieße, denn ein streitbarer Mann ist er tatsächlich. Dass das Arbeitsverhältnis mit Schalke 04 bis zur gerichtlichen Einigung über die Trennung Mitte November immer wieder einer kriegerischen Auseinandersetzung glich und bestenfalls die Qualitäten eines Waffenstillstands hatte, dazu trug auch Albert Streit seinen Teil bei.

Wie groß dieser Anteil der Schuld war, darüber will er aber, jedenfalls zurzeit, nicht reden, und auch sein ansonsten entgegenkommender Berater findet sich keineswegs dazu bereit, Details zu erörtern. "Nein", sagt er, "nix mehr zu Schalke! Ist völlig abgehakt. Interessiert keinen Menschen mehr!"

Bevor er dem Ruf der Aachener Alemannia folgte, hatte sich Streit in Köln bei der fünftklassigen Viktoria fitgehalten. Dorthin lotste ihn ein Mitspieler aus gemeinsamen Zeiten in Schalkes Regionalligamannschaft, und vorübergehend haben sich die Verantwortlichen des neuerdings wieder ambitionierten Kölner Traditionsklubs sogar Hoffnungen gemacht, Streit zum Bleiben zu überreden.

"Trainer, ich will nur Fußballspielen"

Aber das hat nicht geklappt, weil Friedhelm Funkel sich meldete. Es gibt nämlich auch Leute, die Streit mögen (kein Wortspiel!). Alemannias Trainer nennt den Spieler freundschaftlich beim Vornamen und betont: "Ich habe nie Probleme mit ihm gehabt." Die beiden gemeinsamen Jahre bei Eintracht Frankfurt seien Streits beste Jahre im Profifußball gewesen, bestätigt Berater Klaus Gerster. Funkel erinnert sich gern daran: "Damals hat Albert ans Tor der Nationalmannschaft geklopft." Der Bundestrainer meldete sich und zog Erkundungen ein.

Jetzt freut sich Funkel, dass er seinem hoch verschuldeten Arbeitgeber dank guter Beziehungen einen Luxusspieler verschaffen konnte. In Schalke hatte der damalige Manager Müller dem Flügelstürmer ein Jahresgehalt von zwei Millionen Euro garantiert, in Aachen bekommt Streit einen Bruchteil dieser Summe.

"Geld war in keiner Sekunde ein Thema", erzählt Funkel, "er hat mir gesagt: 'Trainer, ich will nur Fußballspielen und es dem einen oder anderen noch mal zeigen.' Unter normalen Bedingungen könnten wir einen Spieler wie ihn niemals bezahlen." Gerster sagt: "Hier geht's darum, dass ein Spieler zurück in den Fußball findet." Die ertragreichen Jahre in Schalke dürften Streit immerhin geholfen haben, ein Sparguthaben anzulegen.

Die Zweite Liga beginnt erst wieder im Februar, Funkel macht derzeit Skiferien am Arlberg. Aber wenn er die Skier abgeschnallt hat, erkundigt er sich schon mal, ob es in Aachen Frost gab. Es freut ihn zu hören, dass es im Westen zehn Grad warm ist, denn Aachens Trainingsplatz hat keine Rasenheizung, "und gefrorene Böden, sind nicht gut für Davids Knie", weiß Funkel.

Der Trainer ist thematisch bei David Odonkor angelangt, dem anderen berühmten Profi, der in Aachen sein zweites Fußballerleben zu starten versucht. WM-Held Odonkor, jahrelang von Verletzungen gebeutelt, hat die Hinrunde passabel überstanden, mit gezielter Vorbereitung soll die Rückrunde ein kleines Spektakel werden. Funkel träumt davon, die prominenteste Flügelzange der zweiten Liga zu gründen. "Albert links und David rechts, das wäre doch eine tolle Sache!"

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SZ vom 28.12.2011/jüsc
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