Reit-WM in AachenDie Vermessung des Wassergrabens

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Traditionelles Hindernis in Aachen: Sophie Hinners mit Pferd Iron Dames Singclair beim Sprung über den Wassergraben.
Traditionelles Hindernis in Aachen: Sophie Hinners mit Pferd Iron Dames Singclair beim Sprung über den Wassergraben.
Nicole Hartmann/Frank Heinen/Imago

Seit der WM 2006 stellt Frank Rothenberger den Reitern und ihren Pferden die Hindernisse in den Weg. Auch in Aachen, wo es für die deutsche Delegation gut läuft – obwohl ein Olympiasieger zuschauen muss.

Von Gabriele Pochhammer, Aachen

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Es läuft gut für die deutschen Springreiter bei der Heim-WM in Aachen. Nachdem auch der dritte Reiter, Daniel Deußer auf Otelo, am Mittwoch eine schnelle fehlerlose Runde abgeliefert hatte, ging das Team von Bundestrainer Otto Becker in Führung, noch bevor der Favorit Richard Vogel auf United Touch gestartet war, der allerdings mit einem Abwurf weit zurückfiel. Zuvor hörte man den Felsbrocken plumpsen, der Peter Hofmann, dem Springausschuss-Vorsitzenden, vom Herzen fiel, als Marcus Ehning auf dem 13-jährigen Holsteiner Coolio als allererster Starter des Tages eine flotte sichere Runde hingelegt hatte. Damit waren die Kritiker ruhig gestellt, die stattdessen lieber den Olympiasieger Christian Kukuk im deutschen Team gesehen hätten.

„Es war bestimmt nicht meine Wunschvorstellung, hier als Erster zu reiten“, sagte Ehning, dessen Zeit von 74,16 Sekunden schon vier Reiter später unterboten wurde. „Es war jetzt nicht die letzte Geschwindigkeit, aber dennoch ein perfekter Start.“ Auch seine Frau Nadia, selbst 2002 Weltmeisterin im Voltigieren, blieb positiv: „Morgens war der Boden noch perfekt, Marcus konnte vorlegen und die anderen unter Druck setzen.“

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Den Druck auf die Konkurrenz erhöhte die zweite deutsche Reiterin, Sophie Hinners auf dem elfjährigen Singclair, ebenfalls ohne Abwurf und deutlich schneller als Ehning (72,28). „Es lief alles nach Plan, ich wollte kein Flachrennen aus dem Kurs machen“, sagte sie. Denn diejenigen, die das versuchten, mähten das eine oder andere Hindernis nieder.

145 Reiter aus 47 Nationen starteten in dieser ersten WM-Wertung. Für den Parcourschef Frank Rothenberger war das ein schwieriges Unterfangen. Nicht alle Reiter zählen zur Weltspitze, aber alle hoffen, die Olympiaqualifikation zu ergattern. „Das Wichtigste ist, dass nichts passiert, dass alle, auch die Schwächeren, heil ankommen“, sagt Rothenberger. Und wichtig ist auch, dass am Ende trotzdem die Guten vorne stehen.

Der 68 Jahre alte Rothenberger, der in diesem Jahr zum letzten Mal in Aachen aufbaut, hat bereits bei den Weltmeisterschaften 2006 den Reitern die Hindernisse in den Weg gestellt. In 20 Jahren hat sich aber einiges getan. „Die Pferde sind besser geworden, die Reiter auch“, sagt Rothenberger. „Sie haben bessere Trainer und managen sich besser als früher.“ Für vielversprechende Pferde mit Championats-Chancen werden Millionen ausgegeben. Der richtige Turnierplan, der ausgeklügelte Einsatz der besten Top-Pferde ist ausschlaggebend bei den vielen Fünfsterne-Turnieren, die es inzwischen gibt. „Wenn früher 20 Reiter gewinnen konnten, sind es heute 50“, sagt Rothenberger.

Olympiasieger Christian Kukuk kommt in Aachen nicht zum Einsatz

Sein Augenmerk gilt auch dem Rasen, der penibel gepflegt werden muss, mehr als Sandboden, der aber nach so vielen Pferden bei Regen dennoch glitschig werden kann. Deswegen hat sich Rothenberger die Skizzen der seit Monaten geplanten Aachener Parcours im Computer so übereinander gelegt, dass er sieht, wo er Platz für ein neues Hindernis hat. Auf einen Wassergraben verzichtet er die ersten beiden Tage, erst am Freitag, in der zweiten Runde des Nationenpreises, und im Finale am Sonntag, wenn die Starterfelder schon eingedampft sind, müssen die Pferde über das circa vier Meter breite Wasser springen. Manche Pferde hassen diesen Sprung, andere nehmen ihn nicht ernst und tapsen herein – ein Kriterium ist er allemal.

Die Stimmung im deutschen Team war nicht erst nach den drei gelungenen Anfangsrunden locker. Allerdings überlegten die vier Profis, wie sie die Zeit rumbringen sollen, in der sie sich mit nur einem Pferd beschäftigen. Normalerweise sitzen sie jeden Tag auf mindestens zehn verschiedenen Pferden. Da könnte Langeweile aufkommen: „Wir essen und trinken viel“, sagt Daniel Deußer – was man ihm bisher allerdings nicht ansieht. Zwischendurch mal durch die Lande fahren und junge Springpferde ausprobieren oder vielversprechende Fohlen anschauen, hat Bundestrainer Otto Becker untersagt. „Wir sollen uns ganz auf die WM konzentrieren“, sagt Richard Vogel.

Ein bisschen Ablenkung verspricht sich der Bundestrainer von der Playlist, die er für sein Team zusammengestellt hat. Jeder durfte seinen Lieblingsohrwurm eingeben. Wenn es die Ergebnislage hergibt, erklingt dann bei der Autofahrt „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ oder eine bayerische Blasmusik. „Die erinnert mich an meine Zeit im Blasorchester, an der Zugposaune“, sagt Richard Vogel.

Christian Kukuk blieb in Aachen nur die Rolle als Zuschauer. Sein Olympiapferd Checker gewann vor einer Woche in London den Fünfsterne-Grand Prix. „Er hat doch gezeigt, dass er fit ist“, sagte Kukuk. Enttäuscht? Traurig? Wütend über die Nichtberufung? „Alles zusammen“, sagt er. Aber er weiß, dass es Schlimmeres gibt. In seinem Wohnhaus gab es vorgestern einen Wasserschaden, die Decke fiel herunter ins Kinderzimmer, genau dorthin, wo das Bett seiner kleinen Tochter steht, die zum Glück in einem anderen Raum war. Dann werden alle Probleme auf einmal ganz klein.

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