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800-Meter-Läuferin Caster Semenya:"Diese idiotische Regel"

Die IAAF hatte 2009 eine Expertengruppe geformt, sie sollte Fälle von "exzessiven androgenen Hormonen" untersuchen. Androgene Hormone tragen dazu bei, dass sich männliche Geschlechtsteile herausbilden. Das bekannteste dieser Hormone ist Testosteron. Frauen produzieren weniger Testosteron als Männer, bei manchen kommt es allerdings vor, dass ihr Testosteronspiegel in männliche Bereiche klettert.

Die IAAF und die medizinische Kommission des Internationalen Olympischen Komitees entschieden nach Semenyas Fall, für ihre Wettbewerbe eine Grenze zwischen Frauen und Männern zu setzen, bei 10 Nanomol pro Liter Blut. Athleten, bei denen man vermutete, dass sie die Grenze über- oder unterschritten hatten, mussten sich fortan untersuchen lassen. Wer durch den Test fiel, dem wurde geraten, er solle sich mit Hormonen behandeln lassen. "Die Regeln basieren auf starkem Konsens der Wissenschaft", teilte die IAAF zuletzt mit.

"Sie haben es total falsch gemacht mit dieser idiotischen Regel", sagt dagegen Peter Sönksen. Sönksen ist Professor für Endokrinologie, am St. Thomas Hospital in London. Er hatte in einer Studie herausgefunden, dass Testosteronwerte bei Hochleistungssportlern viel öfter über jene Grenze der IAAF hin- und herschwappen als bei der Normalbevölkerung. Und überhaupt, sagte Sönksen der BBC, würden sich auch in der Natur die Geschlechter immer wieder überlappen. Die Regeln der Natur passen also nicht so recht zur Welt des Sports, der alles vermisst und normt.

Geschlechterregel für zwei Jahre stillgelegt

"Egal, welche Grenze man zwischen Mann und Frau zieht - sie wird immer willkürlich sein", sagt der amerikanische Journalist David Epstein, er hat über ein verwandtes Thema ein Buch geschrieben. Ende Juli legte der internationale Sport- gerichtshof Cas die Geschlechterregel der IAAF für zwei Jahre still. Der Verband müsse neues Beweismaterial für seine Gesetzgebung liefern.

Veranlasst hat das eine junge Frau aus Indien, Dutee Chand, 19, aus der Provinz Odisha. Auch ihr Leben war in zwei Teile zerfallen. Vor zwei Jahren gewann sie bei den asiatischen Juniorenmeisterschaften Gold über 100 und 200 Meter. Der indische Verband bat zum Test, er fand heraus, dass Chands Testosteronwerte eigentlich nur bei Männern gefunden werden.

Sie wollte sich keiner Therapie unterziehen, also durfte sie nicht mehr starten. Sie klagte, rund ein Jahr lang. Chand sah nicht ein, für etwas bestraft zu werden, dass die Natur bei ihr nun mal so eingerichtet hatte. "Ich bin, wer ich bin", sagte Chand. Sie gewann vor dem Cas. Im kommenden Sommer wird sie wohl bei den Olympischen Spielen starten. Als diejenige, die sie ist.

© SZ vom 27.08.2015/chge
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