4:2 für Hertha Spitzenreiter für drei Stunden

Mann des Tages: Mit zwei Treffern trug Herthas Vedad Ibisevic wesentlich zum 4:2 gegen Mönchengladbach bei.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Gute Stimmung, gutes Spiel: Hertha BSC überrascht beim Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach mit ansehnlichem Offensivfußball. Gladbach-Trainer Dieter Hecking ärgert sich über zu leichte Fehler.

Von Javier Cáceres, Berlin

Man muss Feste, wie man weiß, so feiern, wie sie fallen. Und es fiel für die Anhänger von Hertha BSC am späten Samstagnachmittag nicht ein Nanogramm ins Gewicht, dass am Abend noch das Spiel des FC Bayern bei Schalke 04 anstand und die Münchner nach ihrem 2:0-Sieg in der Tabelle wieder an ihnen vorbeizogen. "Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey! Hey!", riefen sie nach dem 4:2-Sieg ihrer Mannschaft. "Das dürfen sie auch", sagte Herthas Kapitän Vedad Ibisevic, der zwei Treffer zum Triumph beigetragen hatte, "wir wissen, dass wir mit beiden Füßen am Boden bleiben müssen, es ist erst der vierte Spieltag". Doch wie sein Trainer Pal Dardai verströmte der Bosnier unverbesserliche Laune. "Das war heute Spaß", habe er zu Manager Michael Preetz gesagt, erklärte Dardai nach der Partie. Und: "So ein gutes, offensives Spiel und so eine gute Stimmung habe ich länger nicht mehr gesehen."

Gute Stimmung in Berlin gilt gemeinhin als das, was man im Englischen eine contradiction in terms nennt, einen Widerspruch in sich. Doch wie sollte die Laune aktuell auch anders sein? Die Hertha hat nun schon drei Saisonsiege hingelegt - und sich am Samstag um einiges stabiler erwiesen als die Borussia aus Mönchengladbach, der man nicht nur deshalb ein vergleichbares Niveau attestieren konnte, weil sie nach drei Spieltagen ebenfalls sieben Punkte hatte. Er wolle die Leistung der Hertha nicht schmälern, der Sieg sei verdient gewesen, betonte Hecking: "Aber die Fehler müssen wir schon bei uns suchen." Das konnte man in der Tat sagen. Denn die Defensivleistung der Borussia war phasenweise - und in jedem Fall bei den Gegentoren - bar jeder Beschreibung. "Wir haben viel zu einfache Gegentore bekommen", sagten Torwart Yann Sommer und Verteidiger Matthias Ginter nach der Partie.

Unter den Augen von Bundestrainer Joachim Löw litt die Partie zunächst darunter, dass beide Mannschaften nicht von ihrer Selbstsicherheit zehrten. Sondern sich vor allem auf Risikovermeidung kaprizierten. Nach Großchancen für die beiden Zehner, Gladbachs Thorgan Hazard (4.) und Herthas Ondrej Duda (5.), dauerte es gut 20 Minuten, bis sich wieder etwas ereignete, was der Erwähnung wert gewesen wäre. Hecking hatte offenkundig darauf gesetzt, dem Gegner den Ball zu überlassen, und als sich die Hertha an den Gedanken gewöhnt hatte, den Gegner "spielerisch" zu bezwingen, wie es sich Coach Dardai gewünscht hatte, kam sie auch zu Chancen. Erst flog Salomon Kalou knapp an einer Ecke von Valentino Lazaro vorbei (23.), dann verfehlten Duda und Ibisevic eine Hereingabe von Lazaro nur knapp. Der erste Konter für Gladbach führte dann zu einer völlig überraschenden Führung: Fabian Johnson erlief einen langen Ball aus dem Mittelfeld und fiel, nach einer eher unbedeutenden Berührung durch Herthas Innenverteidiger Niklas Stark, im Strafraum hin. Den Elfmeter verwandelte Thorgan Hazard sicher (29.). Sekunden später kam die Hertha aber schon zum Ausgleich; weitere vier Minuten später ging sie in Führung; und beide Male sah die Gladbacher Abwehr aus, als sei sie nicht am Bökelberg, sondern in einem Kloster der Karmeliter geschult worden. Eine Hauptrolle fiel Rechtsverteidiger Nico Elvedi zu. Er konnte beim 1:1 die Flanke von Marvin Plattenhardt, beim 1:2 die Hereingabe von Javairô Dilrosum nicht verhindern, und im Strafraum trafen Ibisevic beim 1:1 und Lazaro beim 1:2 auf keinerlei Gegenwehr, sondern durften unbedrängt einköpfeln (30./34.). Gladbach konnte hernach von Glück reden, dass der Rückstand nicht noch größer wurde. Denn der serbische Mittelfeldspieler Marko Grujic hatte binnen einer Minute (37./38.) gleich zwei gute Chancen, um zu erhöhen.

Nach der Pause mühte sich Mönchengladbach darum, einen Schritt nach vorn zu tun. Nach einem Pass aus dem Halbfeld hatte der neue Mittelstürmer Alassane Plea die grandiose Chance zum Ausgleich, doch er schob den Ball elegant mit dem Außenrist am Tor vorbei. Just als die Borussia sich aufzumachen schien, das Spiel unter Kontrolle zu nehmen, setzte Hertha aber einen spielentscheidend anmutenden Konter. Der umsichtige Arne Maier spielte den Ball auf Rechtsverteidiger Lazaro, der Kalou an der Außenbahn mit einem Pass in die Tiefe auf eine lange Reise schickte: Tobias Strobl versuchte noch in seiner Verzweiflung, ein taktisches Foul zu begehen, doch Kalou setzte sich durch. Der Stürmer von der Elfenbeinküste passte an den zweiten Pfosten, wo sich Ibisevic im Rücken von Elvedi freigestohlen hatte - und keine Mühe hatte, das 3:1 zu erzielen (63.). Plea verkürzte noch per Kopf - doch die Hertha ließ keinen Zweifel erkennen, dass sie die drei Punkte daheim halten wollte. Niklas Stark traf nach einem Freistoß von Lazaro den Innenpfosten (72.), dann stieß Hertha bei ihren Bohrungen auf der rechten Abwehrseite der Borussia wieder auf Öl. Nach einem Pass von Dilrosun hatte Herthas Spielmacher Ondrej Duda am Sechzehner alle Zeit der Welt, sich den Ball zurechtzulegen, um mit einem Flachschuss sein viertes Saisontor zu erzielen. Plea kam noch zu einer Großchance (83.), doch kurz vor der Linie konnte Lustenberger noch seinen Schuss blocken.

In den kommenden beiden Partien hat Hertha wieder zwei Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel zum Gegner: Am Dienstag spielen die Berliner in Bremen, am Freitag gastiert der FC Bayern im Olympiastadion - mutmaßlich als Spitzenreiter.