Niederlage für 1860 München:"Wehrt euch!"

Lesezeit: 3 min

04.12.2021, Fussball 3. Liga 2021/2022, 18.Spieltag, TSV 1860 München - 1.FC Magdeburg, im Grünwalder-Stadion München,

Historischer Zwischenstand: Zur Halbzeit stand es bereits 0:5.

(Foto: Bernd Feil/imago)

Aber sie wehrten sich kaum: 1860 geht beim 2:5 gegen den 1. FC Magdeburg mit fünf Gegentoren in der ersten Halbzeit unter. Die Klubbosse diskutieren offenbar schon während des Spiels über mögliche Konsequenzen.

Von Christoph Leischwitz

Es ist schon sehr ungewöhnlich, obendrein in Pandemiezeiten, dass beim TSV 1860 München ein Vereins- und ein Investorenvertreter so lange so nahe beisammensitzen, wie es am Samstagnachmittag auf der Haupttribüne des Grünwalder Stadions der Fall war. Die gesamte zweite Halbzeit unterhielt man sich angeregt. Es war allerdings auch etwas sehr Ungewöhnliches passiert in der ersten Halbzeit: Die hatten die Sechziger gegen den Drittliga-Spitzenreiter 1. FC Magdeburg nämlich mit 0:5 verloren.

Nach allem, was die einschlägigen Datenbanken auf den ersten Klick hergeben, gab es das in der Geschichte von 1860 München noch nie. Ausgerechnet gegen denselben Gegner hatte man vor gut zwei Jahren einmal 0:4 zur Pause zurückgelegen und dieses Auswärtsspiel dann 1:5 verloren. Diesmal verloren die Münchner mit 2:5.

Es war das erste Münchner Geisterspiel in der laufenden Saison. Doch irgendwie war es nicht einmal das: Die Sechziger schienen von allen guten Geistern verlassen zu sein, zeigten in der Defensive kaum Gegenwehr und legten dem Gegner die meisten Treffer auf. So etwa Quirin Moll, dem ein weiter Ball auf die Wade sprang, und von dort in den Lauf des Gegners - Connor Krempicki hatte keine Mühe, zum 0:1 einzuschieben. "Wehrt euch!", schrie Torwart Marco Hiller dann nach dem 0:3 seine Vorderleute verzweifelt an, da waren gerade 17 Minuten gespielt. Das bisschen Gegenwehr führte lediglich gegen Ende der Partie zu zwei Ehrentreffern von Fabian Greilinger (71.) und Merveille Biankadi (87.).

Doch da hatten Sechzigs Präsident Robert Reisinger und Investorenvertreter Anthony Power das Wichtigste wohl schon besprochen. Auch Geschäftsführer Marc-Nicolai Pfeifer saß dabei, studierte nebenher sein Handy oder biss in eine Breze. In Kombination mit der fatalen ersten Halbzeit wirkte es so, als ob vorübergehend alle Vereinsgräben überwunden wurden, weil eine sportliche Notlage dies nötig machte - was anderes also als personelle Konsequenzen sollten die drei zu besprechen haben? Auf Nachfrage gab sich Reisinger dann zunächst gespielt gelassen. Man habe sich über private Dinge ausgetauscht, sagte der 57-Jährige, und morgen werde er je nach Wetter spazieren oder radeln gehen. Am Ende ließ er sich einen einzigen Satz entlocken, den man zitieren dürfe: "Der Trainer steht nicht zur Disposition", sagte er. Allerdings mit einer leichten Betonung auf "Trainer". Fast so, als ob andere Ämter zur Disposition stehen könnten.

"Bitte verstehen Sie, dass ich jetzt nicht über, sondern mit Michael Köllner spreche", sagt Geschäftsführer Gorenzel

Der Trainer sprach freilich von einem "rabenschwarzen Tag". "Hinten Schrecken" sowieso, aber auch "vorne Schrecken". Kläglich hatte man die ersten Chancen vergeben, darunter wie schon vor vier Tagen gegen Waldhof Mannheim (1:3) einen Elfmeter - dasselbe Tor, dasselbe Eck, das nicht genau genug angepeilt wurde, allerdings diesmal von einem anderen Schützen. Jetzt war Dennis Dressel vorab klar benannt worden, nachdem die besten Schützen zuletzt allesamt Nerven gezeigt hatten. Jetzt also auch Dressel, der an Magdeburgs Keeper Dominik Reimann scheiterte. Selten steht der fahrlässige Umgang mit Elfmetern so sinnbildlich für den Gesamteindruck: Glücklosigkeit paart sich bei den Löwen mit Führungslosigkeit. Sascha Mölders zum Beispiel war tags zuvor in der Pressekonferenz noch dafür kritisiert worden, dass er am Dienstag den Ball vor dem Elfmeter weitergegeben hatte, anstatt selbst Verantwortung zu übernehmen. Der 36-jährige Angreifer blieb diesmal für seine Verhältnisse sehr lautlos.

TSV 1860 München v 1. FC Magdeburg - 3. Liga

Bemitleidenswerter Torwart: Marco Hiller vom TSV 1860 München wird von seinen Vorderleuten alleine gelassen.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images)

Köllner meinte, dass man in den kommenden Tagen dringend Wege finden müsse, um die Mannschaft aus der aktuellen Verunsicherung zu führen. Diese Verunsicherung habe auch das Trainerteam mit zu verantworten, "da sitzen wir alle in einem Boot", sagte er. Und es sei doch klar, dass sich die Entscheider nach so einer Halbzeit auf der Tribüne austauschen müssten. Doch er schien zum Zeitpunkt der Pressekonferenz bereits zu wissen, dass sein Traineramt nicht zur Disposition stehe. "Da gehe ich schon davon aus", sagte er auf die Frage, ob er glaube, nächste Woche noch Trainer zu sein.

Der zweite Geschäftsführer, für die sportlichen Belange zuständig, erklärte nach dem Spiel vor den TV-Kameras: "Bitte verstehen Sie, dass ich jetzt nicht über, sondern mit Michael Köllner spreche", sagte Günther Gorenzel. Wenn allerdings die Verantwortlichen in ihrem langen Gespräch auf der Tribüne zu dem Schluss gekommen sein sollten, dass personelle Konsequenzen nötig sind, wäre Gorenzel als Verantwortlicher für die Kaderzusammenstellung ein durchaus wahrscheinliches Opfer.

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