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Dritte Liga:Der Hölle im ICE entkommen

TSV 1860 Muenchen v Eintracht Braunschweig - 3. Liga

Der TSV 1860 München hofft, mit Schwung aus der Corona-Pause zu kommen - und die dritte Liga bald zu verlassen.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images for DFB)

Nach wochenlangem Gezerre geht die komplizierteste deutsche Spielklasse weiter: Die halbe dritte Liga macht sich Hoffnung auf den Aufstieg - viele bei 1860 München glauben an eine erfolgreiche Restsaison.

Von Markus Schäflein

Welch ungewöhnliche Zeiten die Menschheit gerade durchlebt, zeigte sich besonders eindrucksvoll bei der virtuellen Pressekonferenz des TSV 1860 München vor dem Wiederbeginn der 3. Liga. Da saß Michael Köllner, der Löwen-Trainer, im Quarantäne-Hotel vor der Kamera, ganz alleine am Tablet in einem riesigen Besprechungsraum, und sprach: "Wir danken besonders unserem Nachbarn Bayern München." Ein unter normalen Umständen undenkbarer, aber plötzlich angebrachter Satz: Der große Stadtrivale hatte ja, gemeinsam mit den anderen deutschen Champions-League-Teilnehmern, den Neustart der drittklassigen Klubs mit einer Finanzspritze für die Gesundheitsmaßnahmen unterstützt.

Und dieser Restart ist den Sechzigern besonders wichtig gewesen. Seit Wochen trat Sport-Geschäftsführer Günther Gorenzel in schöner Regelmäßigkeit mit Appellen fürs Weiterspielen auf. Er bedankte sich nun auch "bei den Delegierten des DFB-Bundestags für ihr eindeutiges Votum" - es sei "ein Sieg für den Fußball und für die Vernunft im Fußball". Das Hygienekonzept sei zwar "sehr detailliert, sehr umfangreich - aber wenn ich mich dem Profifußball zuordne, ist das auch umsetzbar".

Um nicht weniger als diese Frage ging es ja in der Argumentation der Sechziger beim Kampf um die Saisonfortsetzung: ob die 3. Liga als Profiliga zu erhalten sein würde. Nun spielt sie weiter, wie es sich eine knappe Mehrheit der teilnehmenden Klubs gewünscht hatte, und eine Task Force kümmert sich beim DFB um die künftige Finanzierung ihres vom Fernsehgeld bisher weitgehend vernachlässigten Betriebs - zwei wichtige Forderungen des TSV 1860 werden damit erfüllt.

"Wir müssen da jetzt wie ein ICE durchrauschen"

Was natürlich nichts daran ändert, dass der einfachste Weg für jeden Verein wäre, diese komplizierte Klasse einfach Richtung 2. Bundesliga zu verlassen. "Wir haben jetzt fünf Wochen Zeit, von der Hölle ins Paradies aufzusteigen", sagte zuletzt Manfred Schwabl, der Präsident des Lokalrivalen SpVgg Unterhaching: "Wir müssen da jetzt wie ein ICE durchrauschen." Durchrauschen durch die Englischen Wochen mit elf Spieltagen bis zum 4. Juli wollen alle Teams bis hinunter auf Rang elf - dort steht der KFC Uerdingen mit gerade einmal fünf Punkten Rückstand auf die Aufstiegsplätze.

Und durchrauschen wollen auch die Löwen. Stürmer Sascha Mölders teilte unlängst bei Instagram mit: "Löwen und Zebras steigen auf" - und gegen jene Zebras, den Tabellenführer MSV Duisburg, spielt der TSV 1860 am Sonntag (13 Uhr) im Grünwalder Stadion zum Auftakt. Im leeren Grünwalder Stadion selbstverständlich, und um sich schon einmal an die seltsame Atmosphäre zu gewöhnen, absolvierte Köllners Mannschaft dort vor einer Woche ein Testspiel, A-Elf gegen B-Elf. "Du weißt, dass der Support von außen nicht kommen wird", sagte der Trainer, "aber da hoffen wir, dass wir das intern generieren, dass wir uns als Mannschaft noch besser gegenseitig unterstützen." Und weil Köllner ohnehin spirituell unterwegs ist, glaubt er auch daran, dass die "50 000 oder 60 000 Fans vor dem Fernseher" helfen werden, auch wenn sie nicht zu hören sind: "Ich bin mir sicher: Wenn sie mit dem Herzen bei der Sache sind, wird das am Ende genauso wirken."

"Elf Spiele in so kurzer Zeit sind in Deutschland sehr, sehr neu", sagt Köllner

Dass die Anhänger mit pochenden Herzen vor den Bildschirmen sitzen werden, ändert allerdings nichts daran, dass die sportliche Ungewissheit nach der langen Pause bei Sechzig - wie bei allen anderen Klubs - groß ist. "Ich hoffe, dass wir annähernd wieder an das Niveau herankommen, das wir vor der Corona-Krise gespielt haben - aber ich weiß es nicht", sagte Köllner, dessen Mannschaft vor der Zwangspause 14 Spiele in Serie unbesiegt geblieben war und auf Rang sechs nur zwei Punkte Rückstand zu den Aufstiegsplätzen hat. "Auf meiner einen Schulter sitzt ein Teufelchen und will mir einreden: Das reicht noch nicht ganz, ihr seid noch nicht bereit", berichtete Köllner: "Auf der anderen Schulter sitzt ein Engelchen und sagt: Ihr seid gut unterwegs, ihr werdet richtig gut aufspielen." Er versuche nun, "das Teufelchen immer weiter nach unten zu drücken, damit es am Ende irgendwann mal die Klappe hält".

Wenn das Teufelchen so richtig fies ist, könnte es auch darauf hinweisen, dass allein der Spielrhythmus die gewohnten Machtverhältnisse in der 3. Liga durcheinanderwirbeln könnte. "Elf Spiele in so kurzer Zeit sind in Deutschland sehr, sehr neu, das kennt noch keiner", sagte Köllner: "Das ist eine Menge Holz, da brauchen wir einen breiten Kader und viele Optionen." In dieser Hinsicht sieht der Trainer sein Team aber im Vorteil, der Kader ist relativ groß, und zudem trifft es sich gut, dass bis auf Verteidiger Aaron Berzel alle Spieler zur Verfügung stehen.

Viele im Umfeld rechnen mit einer überaus erfolgreichen Restsaison. Weil die Löwen vor der Pause eine derartige Erfolgsserie hingelegt hatten. Weil sie schneller und fokussierter in den Trainingsbetrieb eingestiegen sind als die meisten Konkurrenten. Und auch bloß wegen der Euphorie des Restarts. Ähnlich optimistisch ist die Gefühlslage allerdings beispielsweise auch in Unterhaching oder in Ingolstadt. "Alle setzen einen Sieg voraus", hat Köllner vor dem Spitzenspiel gegen Duisburg festgestellt, "aber den kann ich nicht garantieren." Schlimmer noch: "Ich kann auch keinen Aufstieg garantieren." Er könne nur "garantieren, das die Mannschaft ans Limit geht".

Das hörte sich dann plötzlich doch wieder so an wie vor einem ganz normalen Fußballspiel. Doch der größte Sieg des TSV 1860 München ist bereits, dass das Spiel beginnt.

© SZ vom 30.05.2020/tbr
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