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3. Liga:"Mit der Brechstange"

Die Drittligisten müssen sich auf Neustart am 30. Mai vorbereiten. Einige Klubs erwägen Klagen gegen den DFB. Jena spricht von "Wahnsinn", Halle von "Erpressung". Aber dennoch beziehen auch diese Vereine Quarantäne-Lager.

Am Vatertag erhielt die zerstrittene dritte Liga ihren Antrittsbefehl schwarz auf weiß: In einem "schriftlichen Umlaufverfahren", wie der Deutsche Fußball-Bund sperrig bekannt gab, hatte das Präsidium des DFB zuvor beschlossen, den Spielbetrieb der dritten Profiklasse wieder zu starten. Überraschend schnell sollen nun auch jene Vereine loslegen, die gar nicht loslegen wollen. Die Überschrift der DFB-Mitteilung klang aber ebenso optimistisch wie zweifelsfrei: "3. Liga setzt Saison ab 30. Mai fort!"

30. Mai, das ist der kommende Samstag - die dazugehörigen zehn Partien des 28. Spieltags hat der DFB bereits konkret angesetzt. Erst vor einer Woche hatte der Verband seinen ursprünglichen Restart-Termin, den 26. Mai, als unrealistisch zurückgezogen. Das erschien plausibel angesichts der tiefen Meinungsverschiedenheiten der Klubs, wegen fehlender Trainingserlaubnis für einzelne Vereine und einiger Stadionsperrungen für Geisterspiele. Hinzu kamen einzelne positive Corona-Befunde oder Verdachtsfälle in Klubs wie Chemnitz und Kaiserslautern. Der 1. FCK immerhin gab mittlerweile Entwarnung: Alle drei Betroffenen aus Team oder Klub, die vorsorglich in Quarantäne geschickt worden waren, wurden negativ getestet.

Der Spielbeginn 30. Mai ist trotzdem beherzt gewählt. Denn natürlich gab es erneut harte Widerworte aus dem Kreise jener sieben Drittligisten, die sich für einen Abbruch der Saison aussprechen. Der Tabellenletzte Carl Zeiss Jena kündigte rechtliche Schritte an, der Starttermin sei vorbei an Politik und Logik verkündet worden: "Er ist zeitlich unmöglich umsetzbar, gefährdet die Gesundheit der Spieler und missachtet die Präambel der eigenen Satzung, in der es heißt, dass der DFB in sozialer und gesellschaftspolitischer Verantwortung handelt", schrieb der FC Carl Zeiss. "Es wird mit der Brechstange versucht, den Spielplan durchzudrücken. Das ist Wahnsinn und uns gegenüber ignorant", schimpfte Jenas Geschäftsführer Chris Förster. Wegen in Thüringen geltender Verordnungen könne man bis zum 5. Juni den Trainings- und Wettkampfbetrieb noch nicht wieder aufnehmen.

Jena ist einer jener Abstiegskandidaten, die einen Abbruch der Saison ohne Absteiger fordern und stattdessen eine neue Saison mit 24 oder 25 Teams vorschlagen. Auch der Hallesche FC gehört zu dieser Fraktion und kritisiert den Verband vehement: "Wer den meisten Druck ausübt und mit dem Finger auf uns zeigt, das ist der DFB", sagte Sportchef Ralf Heskamp dem MDR: "Die machen die meiste Politik im Hintergrund. Sie setzen Politiker unter Druck." Dass Halle, sofern das eigene Stadion gesperrt bleibt, laut DFB in ein Ausweichstadion umziehen muss, hält Heskamp für "unverschämt. Natürlich ist das Erpressung". Auch Halle will gegen den Start klagen und fürchtet Wettbewerbsverzerrung. Bis 27. Mai ist in Sachsen-Anhalt kein Teamtraining erlaubt, was auch den 1. FC Magdeburg beeinträchtigt.

Inzwischen gab der HFC allerdings bekannt, am Samstag ein Quarantäne-Trainingslager im Münsterland zu beziehen. Trotz seiner Ablehnungshaltung bereitet sich der Klub aufs erste geplante Spiel bei Preußen Münster vor. Auch die Münsteraner, ebenfalls abstiegsgefährdet und Abbruch-Befürworter, fügen sich den neuen Tatsachen: "Wir müssen uns leider dem Willen des DFB beugen und den Spielbetrieb aufnehmen. Wir sind nach wie vor der Überzeugung, dass das in Anbetracht der Risiken nicht sinnvoll ist", so Vereinsarzt Cornelius Müller-Rensmann.

Der DFB hat wiederholt betont, dass eine Fortsetzung der Saison aus vielerlei Gründen alternativlos sei, nicht zuletzt wegen Haftungsfragen und möglicher Regressforderungen bei einem freiwilligen Abbruch. Da etliche Bundesländer grünes Licht für Drittliga-Geisterspiele gegeben haben, sollen die fehlenden elf Spieltage in einem Marathon englischer Wochen bis 4. Juli bewältigt werden. Allerdings kalkuliert der DFB offenbar einen Puffer ein, um die Saison im Falle nötiger Spielverlegungen bis Ende Juli zu strecken.

Der DFB beruft sich in seiner Haltung auf ein Votum vom April, als sich die Drittligisten mit knapper 10:8-Mehrheit (zwei Enthaltungen) fürs Weiterspielen aussprachen. Der Verband glaubt auch, dass bei einigen aus der Nein-Fraktion der Widerstand bröckelt, zum Beispiel bei Tabellenführer Duisburg. Wie Auf- und Abstieg beim Neustart und für den Fall eines möglichen späteren Abbruchs geregelt werden, soll der Außerordentliche DFB-Bundestag am Montag klären.

© SZ vom 23.05.2020 / sz, sid, dpa

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