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3. Liga:Auf dem Weg ins Chaos

3 Liga Saison 2018 2019 26 Spieltag am 3 3 2019 zwischen dem FC Carl Zeiss Jena und Eintracht Brau; Jena

Maskottchen in Kurzarbeit: Wenn die dritte Liga starten sollte, muss Jena an einen neutralen Standort umziehen.

(Foto: Christoph Worsch/Imago)

Der Streit der Drittligisten über die geplante Fortsetzung der Saison eskaliert. Mehrere Klubs wehren sich gegen die Pläne des DFB. Der TSV 1860 München stellt die Grundsatzfrage.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis aus Mannheim, Rostock und anderen Epizentren des aktuellen Drittliga-Bebens wieder Wehklagen zu hören war. Kaum hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Montag - vorbehaltlich der noch fehlenden Genehmigung durch die Politik - einen Zeitplan für die Fortsetzung der 3. Liga mit Geisterspielen bekanntgegeben, schon erklärte Markus Kompp, der Geschäftsführer von Waldhof Mannheim, unverzüglich, warum er weiterhin einen Abbruch der Saison fordert: "Ich glaube, es ist ein Weg ins Chaos, den wir gerade gehen. Manchmal ist ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende!" Eine sportliche Relevanz sei "überhaupt nicht mehr gegeben, die Vereine trainieren seit Wochen unterschiedlich oder gar nicht", betonte Kompp. Mannheim ist Tabellenzweiter und fordert für den Fall des Abbruchs, neben Tabellenführer Duisburg zum Aufsteiger in Liga zwei erklärt zu werden.

Einige Klubs verzichteten bisher vor allem deshalb aufs Üben, um die Spieler in Kurzarbeit belassen zu können. Kompp bezog sich aber auch auf den Fall Carl Zeiss Jena: Der Tabellenletzte darf nach Verordnung der Stadt bis 25. Mai kein Teamtraining absolvieren: "In Jena könnten wir zu zweit auf dem Sportfeld trainieren. Zu zweit macht im Mannschaftssport keinen Sinn, deshalb haben wir auch gesagt: Diesen Unsinn werden wir nicht tun", sagte Geschäftsführer Chris Förster.

Auch Jena gehört zu jenen acht Drittligisten, die offen einen Abbruch fordern - wobei es keine Absteiger in die vierte Liga geben soll. Zugespitzt hat sich die Lage in Sachsen-Anhalt. Auch dort dürfen die vom Abstieg bedrohten Klubs Magdeburg und Halle, die beide einen Saisonstopp (inklusive Klassenverbleib) fordern, laut politischer Vorgabe bis zum 27. Mai nur in Kleingruppen trainieren - ein Spielbeginn Ende Mai wäre dadurch unmöglich. Am Dienstag schaltete sich Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) in die Debatte ein - mit heftigen Vorwürfen gegen den DFB. Der übe "unerträglichen Druck auf Politik und Vereine" aus. Angeblich habe der Verband mit Lizenzentzug gedroht, falls ein Klub den Spielbetrieb nicht wieder aufnehme. "Das können nicht die Spielregeln in unserer Gesellschaft sein", sagte Haseloff; seine Regierung versuche "gegenzuhalten." Der DFB wies die Vorwürfe "mit Verwunderung" zurück. Generalsekretär Friedrich Curtius bestätigte ein Telefonat mit Haseloff: "Aber nicht, um Druck auf die Politik auszuüben. Und schon gar nicht, um mit Zulassungsentzug und Konsequenzen für Vereine zu drohen." Während alle Bundesligisten und, wie Curtius betonte, auch "die Mehrheit der Drittligisten und die komplette Frauen-Bundesliga engagiert an einer Saisonfortsetzung" arbeiten, sei es verwunderlich, warum ausgerechnet bei den Abbruchs-Befürwortern ein Trainingsverbot und andere Probleme auftauchen. Curtius stellt daher die Frage: "Kann man nicht - oder will man nicht?" Zudem blieben jene Vereine, die aufhören wollen, "alle eine Antwort schuldig", wie es im August mit einer neuen Saison weitergehen soll. Denn die nun vorgebrachten Argumente gegen Geisterspiele würden dann ja wohl immer noch gelten, betonte Curtius: "Wollen diese Klubs dann bis nächstes Jahr mit der dritten Liga aussetzen?" Der DFB will die offenen elf Spieltage ab 26. Mai in einer Serie englischer Wochen bis 30. Juni durchziehen. Er denkt dabei sogar an "Ausweichspielorte" für Vereine, deren Stadien gesperrt bleiben. "Natürlich ist das nicht das, was wir uns vorstellen, für das Saisonfinale in einer fremden Stadt zu leben und zu spielen. Das lag bis vor wenigen Tagen fernab unserer Vorstellungskraft", sagte dazu Jenas Boss Förster. Magdeburgs Geschäftsführer Mario Kallnik polterte: "Das ist klare Wettbewerbsverzerrung und hat mit Fußball nichts mehr zu tun." Bürgermeister Lutz Trümper schloss Geisterspiele in Magdeburg vorerst aus. Zu Wort meldete sich aber auch der lauteste Gegner der Abbruchs-Fraktion: Robert Marien, Vorstandschef von Hansa Rostock, rügt die Haltung von Halle und Magdeburg und deren politische Unterstützung. Alle Klubs hätten sich zum sportlichen Wettbewerb verpflichtet: "Aber diese Pflichten werden nun politisch ausgehebelt", sagte er dem Spiegel: "Dann könnten wir das ja jetzt jedes Jahr so machen: Wenn einer keine Lust mehr hat oder nicht absteigen will, stellt er halt das Spielen ein."

Positiv sehen die geplante Saisonfortsetzung alle fünf Vertreter aus Bayern. "Wir freuen uns, dass es wieder halbwegs zur Normalität geht", sagte Daniel Sauer, Vorstandschef der Würzburger Kickers. "Es hätte mich überrascht, wenn das Präsidium anders entschieden hätte", meinte Unterhachings Präsident Manfred Schwabl: "Wir haben jetzt den Tag X vorzubereiten."

Michael Scharold, Finanz-Geschäftsführer von 1860 München, erklärte, es gehe nun um nicht weniger als die Frage, "ob es die dritte Liga in Zukunft noch geben wird". Es sei "eine große Herausforderung", sie am Leben zu erhalten - dies könne aber nicht gelingen, indem sie nicht stattfinde: "Wenn wir nicht spielen, obwohl wir dürfen, entziehen wir uns die Existenzgrundlage." Die weit größere Herausforderung sei die nächste Saison, in der es wohl mit Geisterspielen weitergehe und neben Zuschauereinnahmen wohl auch Sponsorengelder wegbrächen. Bei 1860 zum Beispiel laufen etliche Werbeverträge aus.

Es gelte, in dieser Liga das Missverhältnis zwischen TV-Erlösen und Kaderkosten anzugehen, fordert Scharold. Dafür müsse man fragen: "Welche Unternehmen und Institutionen haben ein Interesse, dass die dritte Liga weiter existiert? Und: Wie viel Profifußball kann es in Deutschland realistischerweise geben?" Scharold wünscht sich wohl auch mehr finanzielle Unterstützung für die 3. Liga als Ausbildungsklasse.

© SZ vom 13.05.2020

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