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3:4-Niederlage in Leverkusen:Stuttgart bleibt nur der Applaus fürs Spektakel

Bayer Leverkusen - VfB Stuttgart

Stuttgarts Florian Klein und Daniel Schwaab sprechen nach dem Spiel mit Karim Bellarabi.

(Foto: dpa)

Von Milan Pavlovic, Leverkusen

Nach dem Abpfiff standen die Profis des VfB Stuttgart mit tief hängenden Schultern und noch tiefer hängenden Köpfen weit verteilt auf dem Rasen. Sie hatten zwar nur ein Bundesliga-Spiel verloren, aber es war wohl weit mehr als eine banale Niederlage. 3:1 hatten die Schwaben bei Bayer Leverkusen noch in der 70. Minute geführt und beim Champions-League-Starter zum Teil brillant gespielt.

Am Ende blieb aber wie so oft in dieser Saison nur Applaus für die Beteiligung an einem Spektakel. Denn zwei Minuten vor Spielende fiel das vierte Tor für die Bayer-Elf, und das besiegelte ein kaum mehr fassbares 4:3 für den Klub vom Rhein. Zu bestaunen waren sieben Toren, die alle erst nach der Pause fielen.

Doch kurz zurück an den Anfang: "Wenn die handeln, denken wir noch", hatte Stuttgarts Trainer Alexander Zorniger vor der Partie gesagt, um die Unterschiede zwischen dem VfB und dem Werksklub auf den Punkt zu bringen. Also gab er seinem Team mit auf den Weg, die Leverkusener gar nicht zum Handeln kommen zu lassen. Die Gäste verteidigten forsch, erspielten sich klare Gelegenheiten (zweimal Didavi, einmal Werner) und schafften es mit ihrer riskanten Spielweise, den Gegner vor der Pause komplett aus dem Konzept zu bringen. Erst spät kamen die Werkskicker zu zwei guten Gelegenheiten, doch Calhanoglu (40.) und Chicharito (45.+1) vergaben.

Dem VfB bieten sich sogar Konter-Chancen zum vierten Tor

Wer glaubte, Stuttgart würde nach dem Wechsel von seiner Linie abkommen, sah sich getäuscht. Der VfB agierte sogar noch zielgerichteter und spielte mit herrlich gradlinigen Kombinationen ein halbes Dutzend weiterer Großchancen aus. Drei davon wurden genutzt: Am Ende eines Gewühls in Fünfmeter-Raum, bei dem so ziemlich jeder den Ball berührt hatte, schloss Harnik ab (50.).

Keine vier Minuten später schob der überzeugende VfB-Spielmacher Daniel Didavi einen Ball aus der Drehung aus 18 Metern gegen die Laufrichtung von Torwart Bernd Leno zum 0:2 ein. Und als die Gäste einen ersten Rückschlag überwunden hatten (Bellarabi hatte nicht einmal 40 Sekunden nach seiner Einwechslung das erste Tor der Gastgeber erzielt), indem Rupp eine feine Stafette mit dem 1:3 beschloss (60.), schien die Partie bereits entschieden zu sein. Harnik und Ferati boten sich sogar klare Konter-Gelegenheiten zum vierten Tor. Der VfB spielte wie entfesselt - bis dahin. Aber nicht weiter.

"Das wird noch ekelhafter"

Wie so oft in dieser Saison schafften es die Stuttgarter, den Gegner wieder wach zu küssen. Und nicht immer trägt nur Zornigers hochriskanter Offensivfußball die Schuld daran. Ein fahriges Abwehrverhalten der fast vollzählig im Strafraum versammelten Schwaben ermöglichten es Boenisch und Chicharito innerhalb von einer Minute (70./71.) ein 1:3 in ein 3:3 umzugestalten.

Freilich: Stuttgart wollte immer noch gewinnen. Unbedingt. Und ohne engmaschiges Sicherheitsnetz. Denn der VfB stand auch in der 89. Minute noch extrem hoch. Und so ließ er es zu, dass sich ein Verteidiger plötzlich zwei Leverkusenern gegenüber sahen. Hakan Calhanoglu, der minimal im Abseits gestanden hatte, legte in seiner besten Aktion des Tages den Ball mit viel Übersicht quer, wo der fintenreiche Admir Mehmedi einen Haken zum Zentrum schlug und zum 4:3 einschoss.

Vier Tage nach dem 4:4 in der Champions League gegen den AS Rom hatte Leverkusen erneut einen Zwei-Tore-Rückstand aufgeholt. 15 Tore in zwei Spielen - selten waren in den vergangenen Jahren im deutschen Profi-Fußball so kurzer Zeit an einem Ort so viele Treffer zu bestaunen.

"Gratulation dazu", sagte Zorniger, der fand, "dass diese Niederlage für uns ganz, ganz schwierig zu akzeptieren ist. Wir haben so viel richtig gemacht, wir waren mindestens ebenbürtig." Es tue ihm leid "für die Mannschaft und die Fans, die glauben müssen, sie würden ständig im gleichen Film sitzen".

In dieser Hinsicht könnte es eine harte Woche für die VfBler werden: Am Mittwoch geht es im Pokal nach Jena. "Das wird ekelhaft", kündigte Zorniger an. Am kommenden Sonntag reist dann Aufsteiger Darmstadt an, der auswärts noch ungeschlagen ist. Zornigers Ausblick: "Das wird noch ekelhafter."

© SZ vom 25.10.2015/chge
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