27. Dezember 2014, 11:49 Severin Freund vor der Vierschanzentournee "Ich gehöre zu denen, die gewinnen können"

Von Volker Kreisl

Theoretisch gibt es sehr viele Rädchen, an denen ein Sportler, der gewinnen will, drehen muss. Ein Skispringer muss an den Rädchen des Materials drehen, zum Beispiel die Bindung optimieren. Oder er muss an den Rädchen seiner Sprungkraft kurbeln, aber auch nicht zu viel, sonst verliert er das Feingefühl für die Justierung der Tragflächen in der Luft. Überhaupt muss er auch seine Außenwirkung richtig abmischen, Interviews geben, aber auch nicht zu viel, sonst wird er noch falsch verstanden, und dann macht er sich vielleicht Gedanken beim Anlauf.

Das Rädchendrehen ist immer ein Thema vor dem großen Saisonhöhepunkt, aber der Skispringer Severin Freund vom WSV Rastbüchl sagt kurz vor dem Start der Vierschanzentournee über das Siegen: "Ich muss an keinem Rädchen mehr drehen. Es muss nun zu mir kommen."

Selbstbewusst wie seit Hannawald nicht mehr

Die Mannschaft von Bundestrainer Werner Schuster ist so selbstbewusst wie seit den Zeiten von Sven Hannawald nicht mehr, der 2002 die Tournee gewonnen hatte. Danach war sie zeitweise fast abgeschlagen, seit 2009 holte immer ein Österreicher den Gesamtsieg. Nun hat das Team des Deutschen Skiverbandes längst schon einen Aufschwung nachgewiesen, zuletzt dokumentiert durch den Mannschaftssieg bei den Olympischen Spielen in Sotschi. Und doch ist Schusters Werk noch nicht vollendet. "Es wäre mal Zeit für einen großen Einzeltitel", hat er schon vor der Saison erklärt. Für den Optimismus, dass am übernächsten Dienstag in Bischofshofen einer seiner Springer den Gesamtsieg der 63. Tournee holt, gibt es durchaus Gründe. Das liegt an der Konkurrenz, an der Reife des gesamten Teams und natürlich am Rastbüchler Severin Freund und seiner entspannten Haltung.

Favoritencheck Vierschanzentournee

Aufsteiger greifen Österreichs Serie an

Freund führt schon länger offiziell das deutsche Team an. Seit diesem Jahr aber füllt er diese Leaderrolle mit gesteigertem Selbstbewusstsein und weit strahlender Zuversicht aus. Der 26-Jährige springt selbstbewusst und zuverlässig, die jungen Kollegen ergänzen die Gesamtleistung, was wiederum das Selbstvertrauen von Freund stärkt. In Sotschi sprangen Freund, Andreas Wellinger und Marinus Kraus zu Gold, in Harrachov wurde Freund Skiflug-Weltmeister.

Als sich Anfang Dezember Wellinger in Kuusamo verletzte und für die Tournee ausfiel, da war das für den 19-Jährigen ärgerlich, dennoch fing sich das Team schnell. Markus Eisenbichler machte seine ersten Schritte in Richtung eines Topspringers, und Richard Freitag, so schien es, gelang der letzte noch fehlende Schritt in die oberste Klasse. Eisenbichler landete in den ersten Weltcupstationen des Winters regelmäßig unter den Top Ten, Freitag zeigte mit seinem Sieg bei der Vierschanzen-Generalprobe in Engelberg, dass er eine erste größere Formkrise endgültig gemeistert hat. "Severin Freund ist in der Verfassung, um den Gesamtsieg mitzuspringen, Freitag kann den Kreis der Favoriten ins Wanken bringen", sagt Schuster. - "Dieser Sieg gibt Selbstvertrauen", sagt Freitag. - "Ich gehöre zu denen, die die Tournee gewinnen können", sagt Freund.

Er hat ja alle Vorbereitungen getroffen, gewissenhaft und mittlerweile routiniert wie ein Hobbykoch, der an Weihnachten immer das Gleiche auftischt: Der Gesamtweltcup-Vierte Freund hat an Heiligabend mal wieder Ente mit Maronenpüree und Apfel-Kirsch-Soße gekocht. Auch auf der Schanze kennt er seine Zutaten, der Verlauf des bisherigen Winters unterstreicht dies. Freund hat drei Podestplätze belegt und in Nischni Tagil seinen zehnten Weltcupsieg geholt. Erst zuletzt in Engelberg, auf einer Schanze, die ihm weniger liegt, ist er mit einem siebten und einem zehnten Platz etwas zurückgefallen. Er hat im Sommer viel Zeit im Kraftraum verbracht, seine Feinmotorik hat sich rechtzeitig erholt, sein Sprungsystem ist abgestimmt. Und in Garmisch, auf dem für Freund unbequemsten Bakken der vier Schanzen, hatte er schon im Herbst einige Extraeinheiten eingelegt. Die Rädchen sind justiert, der Erfolg muss nun zu ihm kommen. Das heißt, das letzte bisschen Glück, der richtige Wind, die entscheidende Tagesform, die letzte Konzentration: "Du kannst letztlich nur noch bereit sein, und das bin ich."

Alles, was die Konzentration stören könnte, haben die Deutschen auszuschalten versucht. In Innsbruck wohnen sie außerhalb des Trubels der Stadt, und auch in Oberstdorf, wo die großen Hoffnungen bei der Aufgabe vor dem rauschenden Heimpublikum oft schon früh enttäuscht wurden, ziehen sie sich diesmal zurück. Die Medientermine vor dem Auftakt wurden weitgehend reduziert. "Wir werden früher anreisen und am Vortag alle nötigen Vorbereitungen abgeschlossen haben, sodass sich die Sportler auf das Nötigste konzentrieren können", sagt Schuster.

Das Feld der Favoriten ist groß

Von Vorteil könnte auch die Situation der Konkurrenz sein. Das Feld der Favoriten ist so groß, dass man nicht weiß, ob man von besonders vielen oder besser gleich von gar keinen Favoriten sprechen soll. Die ersten Zehn des Gesamtweltcups kommen aus sieben Nationen. Zwischen den Plätzen eins und sechs liegen gerade mal 80 Weltcup-Punkte Unterschied. Einen Seriensieger gab es bislang nicht, dafür Springer, die sich doch überraschend stabilisiert haben wie der Norweger Anders Fannemel, der Tscheche Roman Koudelka oder Michael Hayböck aus Österreich. Bei allen Top-Ten-Springern blieben Schwankungen bis zuletzt stark, und doch ist mit allen zu rechnen, denn ihre Namen sind ja klangvoll. Österreichs Rekordsieger Gregor Schlierenzauer musste bis zuletzt an Rädchen drehen und hat doch im Dezember seinen 53. Weltcup gewonnen. Ähnlich Simon Ammann, der viermalige Olympiasieger aus der Schweiz, der nach anhaltendem Tüfteln zuletzt in Engelberg ganz oben stand.

Neue Skisprung-Saison

"Er kann extrem gut fliegen"

Bei der 63. Vierschanzentournee wird sich wohl eher keiner früh absetzen, dafür ist die Konkurrenz zu groß. Aber was die anderen springen, sagen alle Springer, das kann man eh nicht beeinflussen. Entscheidend ist es, dass alle eigenen Vorbereitungen getroffen sind.

Wenn Severin Freund genauso gewissenhaft kocht, wie er an seinen Sprungkünsten feilt, dann muss das Maronenpüree an Heiligabend vorzüglich geschmeckt haben.