3. Juli 2014, 12:16 Manuel Neuer bei der Fußball-WM Titanischer Lausbub

Manuel Neuer ist das Torwartwesen aus der Zukunft: Er interpretiert seine Rolle so modern, dass sich sogar die Moderne wundert. Der Deutsche weiß aus der Geschichte, dass ihm die WM allen Ernst abverlangt. Doch der fällt Neuer nicht immer leicht.

Von Christof Kneer

Im Jahr 2002 hatten die Spieler einer Weltmeisterschaft zum letzten Mal richtig Angst vor Torhütern. Beim Turnier in Japan und Südkorea hatten zum Beispiel die Deutschen einen Menschen dabei, der aus einem Übergangsmetall hergestellt war, das im Periodensystem in der vierten Nebengruppe steht. Oliver Kahn war fest, dehnbar, korrosions- und temperaturbeständig, er bestand zu 100 Prozent aus Titan, und wenn man es sich genau überlegt, dann ist es eigentlich ein Wunder, dass die Fifa das damals hat durchgehen lassen. Kahn hat unter lauter Menschen gespielt, das war im Grunde Wettbewerbsverzerrung.

Einmal, im WM-Vorrundenspiel gegen Kamerun, ist ein Mensch namens Olembe auf ihn zugelaufen; Olembe stand völlig frei, aber er hat dann vorbeigeschossen. Oh, dieser Kahn, hat er später gesagt, er habe so Respekt vor ihm gehabt. Oliver Kahn war auf der Höhe seiner Kunst damals, oder besser: seiner Macht. Die Stürmer haben kapituliert, weil Kahn Kahn war.

Das war der eine Torwart, vor dem die Welt damals Angst hatte. Vor dem anderen hatten sogar die Deutschen Angst. Selbst Kahns Titan wurde etwas weicher, als im WM-Achtelfinale gegen Paraguay kurz vor Schluss José-Luis Chilavert in seiner Nähe auftauchte. Der Torwart Chilavert war ein gefürchteter Freistoßschütze, und das wollte Kahn, der Korrosions- und Temperaturbeständige, auf gar keinen Fall: dass ihm dieser Chilavert einen reinschießt. Kahn hätte das als massive Demütigung empfunden, aber so weit kam es natürlich nicht. Chilavert lief an und schoss drüber.

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Zwölf Jahre später hat die Welt wieder Angst vor einem Torwart, obwohl dieser Torwart weder aus 100 Prozent Titan besteht noch Freistöße schießt. Wobei: Das mit den Freistößen kann ja noch kommen.

Vielleicht ist es auch falsch zu behaupten, dass die Welt im Moment wieder Angst vor einem Torwart hat. Gigi Buffon ist Torwart, Iker Casillas ist Torwart, Petr Cech ist Torwart, das sind bekannte Namen und klar definierte Berufsbilder. Manuel Neuer dagegen ist kein Torwart mehr. Er ist etwas Neues.

Epoche Kahn ist überwunden

Es ist Neuers historisches Verdienst, dass es im Achtelfinale zwischen Deutschland und Algerien die wohl radikalste Leistung einer Nummer eins in der WM-Geschichte zu sehen gab. Chilavert fällt dabei aus der Wertung, ebenso wie der Kolumbianer René Higuita, der nach Regeln, die nur er verstand oder nicht mal er, quer übers Spielfeld gerannt ist. Einmal hat Higuita eine Flugparade gemacht, die man heute noch bei Youtube findet, er ist vorwärts unterm Ball durchgesprungen und hat ihn hinterrücks mit der Hacke weggehauen. Higuita war deshalb kein moderner Torwart, er war seiner Zeit auch nicht voraus. Er war einfach nur verrückt.

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Manuel Neuer hat 59 Ballkontakte gehabt gegen Algerien, 19 davon außerhalb des Strafraums. Er ist 5,517 Kilometer gelaufen, drei mehr als der Torwartkollege auf der anderen Seite. Neuer hat das nicht gemacht, weil er zu Youtube will, sein Spiel hat keine Schrullen wie das von Chilavert oder Higuita. Neuer ist nicht verrückt. Er ist nur so modern, dass sich manchmal selbst die Moderne wundert.

Oliver Kahn war Deutschlands letzter Torwart. Er hat jene Epoche, die bei Heiner Stuhlfauth begann und über Toni Turek, Sepp Maier und Toni Schumacher zu Oliver Kahn führte, zur Vollendung gebracht. Manuel Neuer hat diese Epoche überwunden: Bei der WM zeigt er der Welt den ersten elften Feldspieler - und trotzdem ist er immer noch fest, dehnbar, korrosions- und temperaturbeständig wie ein echter Torwart. Neuer kann 40 Meter vor dem Tor Bälle ablaufen, abgrätschen und ins Passspiel einen Hüftwackler integrieren - er kann aber den Ball auch immer noch aus dem Winkel fischen, wie man gemeinhin in der Oliver-Kahn-und-Toni-Schumacher-Fachsprache sagt.

Wenn die Deutschen jetzt im Viertelfinale den Franzosen begegnen, werden natürlich auch die alten Geschichten wieder auferstehen. Im Fernsehen werden sie wieder Toni Schumacher zeigen, wie er im Halbfinale 1982 aus dem Tor rast und den Franzosen Battiston gnadenlos über den Haufen fährt. Schumacher war ein Zerberus wie Oliver Kahn, er war einer jener Höllenhunde, die den Eingang zur Unterwelt bewachen. Für den Rest der Welt war der deutsche Torwart damals so etwas wie die dunkle Seite der deutschen Tugenden. Die Deutschen spielten schlecht, konnten aber viel zu gut Elfmeter schießen, und immer hatten sie einen Torwart dabei, der alles hält und zur Not den Gegner über den Haufen fährt. Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unser Oli und unser Toni doch nicht.

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Nicht alle deutschen WM-Torhüter waren wilde Krieger, es gab auch den Teufelskerl Toni Turek, es gab Sepp Maier, den souveränen Stilisten, und es gab Bodo Illgner, dessen Torwartcharisma darin bestand, über eine schrille Spielerfrau zu verfügen und sich im Elfmeterschießen von den Engländern ans Knie ballern zu lassen. Es gab nicht nur die Zerberusse, es gab auch die Chefsekretäre im Vorzimmer wie Hans Tilkowski, der Paraden abheftete wie andere Leute Akten. Aber immer galt: Wer die Deutschen besiegen will, muss erst mal an deren Torwart vorbei.

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Deutschland ist Torwartland, der Torwart war hierzulande immer heilig, und es ist wahrscheinlich nur konsequent vom Fußballgott, dass er gerade den Deutschen das erste Torwartwesen aus der Zukunft geschenkt hat. Neuer ist kein Höllenhund, der sich mit der zähnefletschenden Bewachung seiner Unterwelt zufrieden gibt, er will auch in der Oberwelt mitspielen. Dazu braucht es einen Torwartcharakter, den selbst Deutschland noch nie erlebt hat: Zwar hat Neuer auf seine Art schon auch etwas Bedrohliches, man hat im Spiel gegen Algerien einmal an den verängstigten Olembe von 2002 denken müssen. Diesmal war der Algerier Feghouli in hohem Tempo Richtung deutsches Tor unterwegs, aber als ihm der blonde Siegfried entgegengerast kam, hat er unwillkürlich ein bisschen gebremst. Man könnte sagen: Feghouli hat kapituliert.

Köpke muss ermahnen

Neuer kann Macht ausstrahlen wie Kahn, er hat einen Ehrgeiz, der sich nicht von Kahns Ehrgeiz unterscheidet, und er hat eine Härte, die ihn ungerührt auf die kürzlich noch ramponierte Schulter stürzen lässt. Aber gleichzeitig ist der 28-Jährige immer noch ein titanischer Lausbub. Er grinst mitten im Spiel, wenn ihm der Ball beim Abwurf rausrutscht, und selbst heute, in Zeiten vollendeter Meisterschaft, muss ihn DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke manchmal noch ermahnen. Manchmal greift Neuer im Training ein bisschen lässig zu, manchmal ist er in Gedanken schon auf dem Pausenhof oder zumindest beim nächsten Spielzug.

Manuel Neuer weiß, dass eine WM den gebührenden Ernst von ihm verlangt, er kennt ja die deutsche Torwartgeschichte. Er weiß, dass Toni Schumacher und Oliver Kahn ihre Nationalteams 1986 und 2002 fast alleine ins WM-Finale pariert haben, und in den Endspielen ist ihnen dann der entscheidende Fehler unterlaufen.

Quelle: Opta Sportdaten

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