24. Oktober 2016, 18:53 Bundesliga Mini-Atléticos befruchten die Liga

Von Christof Kneer

Dann hören wir doch mal rein in die Fußball-Bundesliga nach dem achten Spieltag. In Leipzig sagt der Kapitän Dominik Kaiser, man dürfe nicht davon ausgehen, "dass es immer so weiter läuft", aber natürlich könne man "mit breiter Brust in die nächsten Wochen gehen". Vedad Ibisevic, der Kapitän von Hertha BSC, meint, man habe "viel investieren müssen" gegen Köln, "aber das machen wir gerne". Von Hoffenheims Torschützen Kerem Demirbay kursiert die Aussage, es sei "wichtig, nicht abzuheben, aber wir wissen schon, wie stark wir sind".

In Frankfurt hat man den Trainer Niko Kovac über "eine gewisse Grundhärte im Training" schwärmen hören, niemand im Team könne "sich ausruhen". Aus Köln waren an diesem Spieltag zwar keine vergleichbaren Sätze aufzutreiben, aber wer möchte, kann einfach in den vergangenen Spieltagen nachschlagen. Da ging es auch um Selbstbewusstsein bei gleichzeitiger Demut, oder vielleicht war das auch umgekehrt.

2. Bundesliga Braunschweig oder nix
Trainer Torsten Lieberknecht

Braunschweig oder nix

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Einige Vereine haben die richtigen Schlüsse gezogen

Es klingt banal und recht bemüht, wenn man die Menschen aus diesen Klubs so reden hört, und auf jeden Fall klingt es, als hätten sie alle zusammen ein bisschen zu viel in den modernen Kommunikationsbibeln geblättert. Auf Seite 53 steht da vermutlich, dass man sich nicht zu klein, aber auch auf keinen Fall zu groß machen dürfe, und dass der zahlende Kunde es gerne höre, wenn man bescheiden bleibt (wahrscheinlich hört der zahlende Kunde es viel lieber, wenn ein Trainer den anderen als "Spinner" beschimpft, aber das kann man halt auch nicht jeden Spieltag bringen). Fest steht zumindest, dass man sich von dieser grassierenden Oberflächen-Rhetorik keinesfalls täuschen lassen sollte. Denn unter der Oberfläche tut sich was.

Die Spieler und Funktionäre, die man am Wochenende bei ihrer biederen Logik erwischt hat, sind mit ihren Teams Zweiter (Leipzig), Dritter (Hertha), Vierter (Hoffenheim) und Siebter (Frankfurt). Und der 1. FC Köln steht dazwischen auf Platz fünf.

Niemand weiß, wer die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga in Auftrag gibt, aber derjenige muss gerade eine lustige Phase haben. Entweder ist er gerade etwas spöttisch gelaunt, oder es handelt es sich um einen handwerklichen Fehler. Kann sein, dass aus Versehen zwei Module vertauscht wurden: Das Modul, auf dem "Leipzig/Berlin/Hoffenheim/Köln/Frankfurt" steht, befindet sich genau dort, wo eigentlich das Modul "Dortmund/Leverkusen/Gladbach /Schalke/Wolfsburg" hingehört.

Im Grunde war die Liga zuletzt ja relativ einfach zu lesen: Erst kam der FC Bayern, dann kam das Modul mit dem BVB an der Spitze, und ab Platz sieben oder acht begann ein erweiterter Abstiegskampf. Und jetzt ist der BVB plötzlich nur Sechster, und die anderen klassischen Europacup-Kandidaten finden sich auf den Plätzen 10, 11, 13 und 16. Die Saison ist noch nicht alt genug, um einen belastbaren Trend daraus zu formulieren, am Ende dürften Leverkusen, Gladbach und Schalke doch wieder vor Frankfurt und Dortmund doch wieder vor Köln stehen.

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Denn natürlich hat die verkehrte Tabelle auch damit zu tun, dass die Favoriten gerade mitten in einer anstrengenden Materialschlacht stecken; sie reisen unter der Woche nach Madrid, Glasgow oder Krasnodar, und bei der Rückkehr humpeln wieder ein paar Profis aus dem Flieger. Vor allem in Dortmund und Leverkusen müssen sie gerade einen erheblichen Verschleiß moderieren.

Sehr neu und sehr erstaunlich ist allerdings, wie gnadenlos die neuen Herausforderer die Schwächeanfälle der Schöngeister ausnutzen. Gegen diese Teams dürfe man sich "keine Fehler erlauben", hat BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gerade gesagt, und tatsächlich eint die Klubs auf den Plätzen zwei, drei, vier, fünf und sieben bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Spielpläne eines: Es sind kompakte, fast paramilitärisch organisierte Kampfeinheiten, die strategisch straff verteidigen und sich mit Macht in jede noch so kleine Lücke stürzen - wie Miniatur-Ausgaben des großen europäischen Widerständlers Atlético Madrid, dessen Team vom wilden Trainer Diego Simeone über Jahre zu einem hemmungslos verschworenen Haufen zusammengeschweißt wurde.

Zwar schreibt kein Klub in sein Konzept, dass er Atlético kopieren will; aber die Idee des aggressiven Kontra-Fußballs hat sich längst auf dem Kontinent verbreitet und toughe Trainer wie Pal Dardai oder Niko Kovac inspiriert.

Natürlich ist diese Idee des Spiels umso wirkungsvoller, je hochkarätiger das eigene Personal ist - siehe Atlético, das funkelnde Offensivspieler wie Antoine Griezmann, Saul Niguez oder Yannick Carrasco beschäftigt. Also ist es wohl kein Zufall, dass der sogenannte Aufsteiger aus Leipzig das Verfolgerfeld anführt: Das 3:1 gegen Werder Bremen war vor allem dem zweifachen Torschützen Naby Keita, 21, zu verdanken, den die große RB-Schwester aus Leipzig der kleinen RB-Schwester aus Salzburg für innerfamiliär verrechnete 15 Millionen Euro abgekauft hat. Ähnlich funktioniert das Modell in Hoffenheim: Auch dort wird mit teuren Leuten eine Variante jenes offensiv getarnten Defensivfußballs gespielt, den der Leipziger Sportchef Ralf Rangnick dort mal hinterlassen hat.

Noch kann keiner vorhersagen, wie stabil all diese Ansätze sind, dennoch darf die verkehrte Tabelle als Beleg für die gestiegene Qualität im Mittelbau der Liga gelten - und, nebenbei, als Beleg für die Lernfähigkeit mancher Klubs. Aus dem abschreckenden Chaos der Traditionsbetriebe in Hamburg oder Stuttgart haben einige die richtigen Schlüsse gezogen; nicht nur in Leipzig und Hoffenheim, wo sie die Sorgenfreiheit, die ihnen ihre umstrittenen Millionen garantieren, immerhin für eine jugendbewegte Personalpolitik nutzen.

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In Berlin und vor allem in Köln versuchen sie, dem irren Tagesgeschäft mit so viel Kontinuität wie möglich zu begegnen. So ist es den Managern Michael Preetz und Jörg Schmadtke gelungen, unspektakuläre, aber sinnvoll gebaute Kader hinzustellen, im Falle der Berliner mit freundlicher Unterstützung eines Kapitalgebers aus Übersee.

Vielleicht kommt es am Ende noch so, dass sich die größeren Klubs an der Haltung der neuen Herausforderer orientieren. Christian Heidel, Manager des ewigen Champions-League-Kandidaten aus Schalke, hat am Wochenende gesagt, sein Schalke solle "eine Malochertruppe" werden.