2. BundesligaWolfsburg geht jetzt die „Dreckswege“

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Wolfsburgs Fabian Reese feiert sein Elfmetertor beim Derby in Hannover.
Wolfsburgs Fabian Reese feiert sein Elfmetertor beim Derby in Hannover.
Swen Pförtner/dpa

Der VfL feiert seinen ersten Sieg in der Zweitligasaison – und stürzt den erfolglosen Nachbarn Hannover 96 gleich mal in eine Stürmerdebatte.

Von Thomas Hürner, Hannover

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Der Kleidungsstil in Deutschland angestellter Fußballtrainer gerät mitunter derart fragwürdig, dass sich der Mann, der in der Schlussphase durch die Coachingzone tobte, wegen seines Outfits keinesfalls zu schämen brauchte. Ärmelloses Oberteil, kurze Sporthose und auf Socken unterwegs: Gerade in der zweiten Liga fällt man so nicht zwingend negativ auf, dürfte sich Mattias Svanberg gedacht haben, und so erhob er sich von der Ersatzbank, schritt zur Seitenlinie und begann, die Fußballer des VfL Wolfsburg lauthals übers Feld zu dirigieren. Svanberg setzte sich daraufhin wieder, schaffte es aber nicht, länger als zwei Minütchen an Ort und Stelle zu verbleiben.

In der Schlussviertelstunde wurde die Werkself somit von gleich zwei wild gestikulierenden Trainern gecoacht – vom ausgewechselten Mittelfeldmann Svanberg sowie von Tobias Strobl, dem am Sonntag dem Anlass angemessen erschienenen neuen Chefcoach beim VfL.

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Mit 1:0 haben die Wolfsburger im Niedersachsen-Derby über Hannover 96 triumphiert, und wer die jüngere Vergangenheit des VfL kennt, weiß, dass Svanberg ein geradezu vorbildhaftes Erscheinungsbild abgab. Der Schwede hätte ebenso gut schmollend auf der Ersatzbank verbleiben können, mit einem Auge diesem Zweitligaspiel folgend, mit dem anderen aufs Handy blinzelnd, ob seitens des Beraters womöglich noch ein Angebot für eine Flucht ins Ausland überbracht wird. Diese toxische Mischung aus Genügsam- und Teilnahmslosigkeit jedenfalls zählte zu den Hauptgründen, warum sich der wohlsituierte Werksklub den Sturz in die Zweitklassigkeit eingebrockt hat.

Svanberg gehörte der Wolfsburger Abstiegsmannschaft an und zählt zu jenen Spielern, die sich einen Wechsel in diesem Sommer durchaus vorstellen können. Dass so einer also nach seiner Auswechslung unbezahlte Überstunden machte, nachdem er seinen vertraglich vereinbarten Job verrichtet hatte, muss man aus Wolfsburger Sicht nicht für das schlechteste Zeichen halten.

Noch befinden sich Wolfsburgs Spieler in der Kennenlernphase

Svanbergs Dienst am Team ließ sich ohnehin nicht nur an seinen Laufwegen nach der Auswechslung, sondern auch an seinem Einsatzort auf dem Platz erkennen: Da war der gelernte Mittelfeldspieler Teil einer Dreierabwehrkette mit nur einem gelernten Abwehrmann gewesen, dem aus St. Pauli verpflichteten Hauke Wahl. Im ersten Saisonspiel, dem 0:0 gegen Kaiserslautern, hatte VfL-Coach Strobl noch eine Viererkette mit zwei gelernten Innenverteidigern gewählt. Strobl gilt als mutiger Vordenker, sein Drang, sich an der Taktiktafel auszutoben, wird seine Praxistauglichkeit langfristig noch unter Beweis stellen müssen.

In Hannover jedenfalls sind seine gewagten Winkelzüge gerade so aufgegangen. Es gehe nicht um „Automatismen zwischen elf Spielern“, argumentierte Strobl hinterher, es gehe vielmehr um eine „grundsätzliche Idee, die wir in den Kader reinbekommen wollen“. Sollte wohl heißen: Die Wolfsburger Spieler sollen den Offensivansatz ihres Trainers derart verinnerlichen, dass sie ihn weitgehend positionsunabhängig abrufen können. Am Sonntag jedoch befand sich die Strobl-Elf noch ersichtlich in der Kennenlernphase: Lediglich 40 Prozent Ballbesitz sprangen in der ersten halben Stunde heraus, zu wenig mit Blick auf den eigenen Dominanzanspruch.

Und in der bunt zusammengestellten Wolfsburger Abwehrkette taten sich immer wieder Lücken auf, die, zum Verdruss des Hannoveraner Trainers Christian Titz, jedoch nicht zu Treffern seines Teams beitrugen. „Ich mag gar nicht so sehr in dieses Thema reingehen“, klagte Titz über die mangelnde Chancenverwertung: „Ich weiß, dass es ab und an Spiele gibt, in denen dir das passieren kann.“ Allein in dieser Saison ist das nun aber schon zum zweiten Mal passiert: Hannover 96 hatte auch sein erstes Saisonspiel verloren, mit 1:3 beim Aufsteiger Cottbus. Hier wie dort zu sehen war, dass den Hannoveranern ein echter Torjäger fehlt, um die eigenen Aufstiegsambitionen manifestieren zu können. Titz schien diesen Dienstauftrag wenig subtil an den neuen 96-Sportchef Jonas Boldt übermitteln zu wollen – jener Boldt jedoch vergrub während Titz’ öffentlicher Wehklagen hinten im Pressekonferenzsaal seinen Kopf in den Händen und schien darüber wenig begeistert zu sein.

Etwas harmonischer wirkte die Atmosphäre bei den Wolfsburgern, womöglich, weil die Verantwortlichen um Sportchef Dieter Hecking und Sportdirektor Pirmin Schwegler die richtigen Lehren aus dem Abstieg gezogen haben. Die Werkself, sagte Coach Strobl, wolle sich nicht mehr nur über „Qualität“ definieren, sondern zudem über Wehrhaftigkeit und den Willen, auch mal „Dreckswege“ zurückzulegen. Ähnlich klang das bei Angreifer Fabian Reese, dem Schützen des späten Siegtreffers per Elfmeter (87. Minute). „Das Team ist der Star“, erklärte Reese, bevor er sich entschuldigte, weil er nun in die Wolfsburger Kabine müsse. Aus der dröhnte lauter Partysound: Beim VfL feiern sie die Feste inzwischen eben, wie sie fallen.

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