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2. Bundesliga:Traurig auf der Treppe

FC St. Pauli - 1. FC Nürnberg

„Wichtig und gut“: Felix Dornebusch soll nicht nur Mund und Nase, sondern auch wieder das Club-Tor schützen.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Die Torwartmisere hält an - in einer Saison voller negativer Rekorde droht dem 1. FC Nürnberg nun auch noch der Geister-Abstieg.

Der 1. FC Nürnberg hält bekanntlich viele Rekorde. Am Sonntag wies der Club-Fan Markus Söder in einer Fußball-Talkshow noch einmal darauf hin, dass die Franken mit neun deutschen Meistertiteln "Vize-Rekordmeister" hinter dem FC Bayern seien. Auch negativ haben sie in der Bundesliga 2019 einen neuen Höchstwert erreicht: Niemand sonst ist achtmal abstiegen. Und nun sind sie nach dem Wiederbeginn der zweiten Liga und dem 0:1 auf St. Pauli nur noch einen Punkt von jenem 16. Tabellenplatz entfernt, von dem aus man sogar in der dritten Liga landen kann. Nicht nur das Abstiegsgespenst, sondern gar ein Geister-Abstieg schwebt jetzt über den Nürnbergern - was ja auch eine Art Rekord wäre.

Nur wenige werden sich an Jürgen Rynio erinnern. Das ist der Torwart, mit dem der Club als aktueller Meister 1969 erstmals die Bundesliga verlassen musste. Später wurde Rynio ebenfalls zu einem Rekordspieler, denn auch mit Karlsruhe, Dortmund, St. Pauli und Hannover schaffte er es nicht, die Klasse zu halten. Gut 50 Jahre später droht Christian Mathenia, 28, gewissermaßen in Rynios Fußstapfen zu treten. Immerhin zweimal ist der gebürtige Mainzer, der in der Saison 2014/2015 sogar die Auszeichnung "Weiße Weste" für den besten Torhüter der zweiten Liga gewann, selbst schon aus der Bundesliga abgestiegen: erst mit dem Hamburger SV und im Vorjahr mit den Nürnbergern.

Und es könnte nun noch schlimmer kommen für Mathenia. Obwohl er im Millerntor-Stadion 53 Minuten makellos gehalten hatte, war er letztlich der Urheber dieser Niederlage. Er hatte in der 54. Minute versucht, einen Fehler des Kapitäns Hanno Behrens gutzumachen, der im Mittelfeld den Ball verloren hatte. Mathenia war weit aus dem Tor geeilt, um schneller am Leder zu sein als St. Paulis Torjäger Henk Veerman. Aber er traf den langen Niederländer am Fuß und sah die rote Karte. Er habe das "Timing" nicht mehr hinbekommen nach neun spielfreien Wochen, begründete er seine unglückliche Aktion.

Danach kämpften zehn Nürnberger noch um wenigstens einen Punkt - vergeblich, weil Mathenias Stellvertreter Felix Dornebusch in der 84. Minute gegen einen Schuss von Viktor Gyökeres machtlos war.

Es hatte auch nichts genützt, dass Mathenia - so lange er auf dem Feld war und nicht mit einer Maske traurig auf einer Stadiontreppe saß - die Mitspieler lautstark anfeuerte. Es war im fast menschenleeren Stadion nicht zu überhören, wie er etwa Nikola Dovedan Mut machte, als dieser in der 43. Minute die vielleicht größte Torchance ungenutzt ließ: "Dove, weiter, weiter!"

Doch Mathenias Karriere (sein Vertrag beim Club läuft noch bis 2024) scheint unter keinem guten Stern zu stehen. Im Hinspiel gegen St. Pauli (1:1) brach er sich die Kniescheibe, weshalb im November der Bochumer Dornebusch verpflichtet wurde. Und weil Dornebusch nach fünf Spielen mit einer Ellbogenverletzung ebenfalls ausfiel, stellte der Club auch mit fünf eingesetzten Torhütern (dazu kamen noch der derzeit wieder angeschlagene Andreas Lukse, Talent Benedikt Willert und der 36-jährige Patric Klandt) einen fragwürdigen Bestwert auf. Der wiederum schlug sich in 46 Gegentoren nieder - ebenfalls ein Negativrekord in dieser Zweitligasaison. Wie die nach Mathenias roter Karte auf fünf Platzverweise angewachsene Strafbilanz. Trainer Jens Keller will sich aber vor dem Freitags-Heimspiel gegen Erzgebirge Aue nicht demoralisieren lassen. "Dorne" habe ja schon im letzten Jahr gezeigt, "dass er für uns wichtig und gut ist", sagte der Coach. Überhaupt mache er sich trotz der prekären Situation keine Sorgen. Man habe gesehen, "wie wir aus dieser Situation herausgekommen sind und wie wir Fußball gespielt haben" - er fand fast schwärmerische Worte für sein Team.

Man habe "genügend Qualität" für die bevorstehenden Wochen im Abstiegskampf, findet Keller. Allerdings sei die Tabellensituation "fürs Nervengemüt nicht optimal". Ebenso wenig wie die meisten Rekorde, die der 1. FC Nürnberg in dieser Saison aufgestellt hat.

© SZ vom 19.05.2020

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