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Start der 2. Bundesliga:Dieter Schatzschneiders Erben

FC Schalke 04: Stürmer Simon Terodde beim Medientag

Schalkes Simon Terodde schießt verdammt viele Tore - aber meist nur in der 2. Liga.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Simon Terodde könnte in der anstehenden Zweitliga-Saison einen uralten Torrekord brechen: Der Schalker könnte der erfolgreichste Torjäger im Fußball-Unterhaus werden. Er ist der Prototyp einer speziellen Stürmergattung.

Von Sebastian Fischer, Thomas Hürner, Johannes Kirchmeier, Christof Kneer und Carsten Scheele

Wahrscheinlich muss Dieter Schatzschneider froh sein, dass Hannover 96 nicht mehr in der Bundesliga spielt. Als Ratgeber in Sportfragen von 96-Boss Martin Kind kann Schatzschneider jede Wochenende zweite Liga schauen, und bisher hat ihm diese Aussicht immer wieder großes Vergnügen bereitet (abgesehen von den Ergebnissen von Hannover 96). Schatzschneider hat von seinem Tribünenplatz aus viele gute Stürmer gesehen, aber wenn sie zu gut wurden, sind sie schnell in die Bundesliga oder ins Ausland gewechselt.

Mit anderen Worten: Keiner hat seinen Rekord auch nur ansatzweise gefährdet. Schatzschneider, 63, hat zwischen 1978 und 1983 insgesamt 154 Zweitligatore erzielt, ein Rekord, der ebenso für die Ewigkeit gebaut schien wie jener von Gerd Müller eine Liga höher. In dieser Saison aber könnte Schatzschneider seinen Spitzenplatz in der historischen Rangliste einbüßen, und er hat bereits beschlossen, das Beste draus zu machen.

"Mein Rekord ist in dieser Saison fällig, zu 100 Prozent", hat Schatzschneider gerade dem kicker gesagt. Er sage das "mit großer Wehmut, ich war gerne der beste Zweitligatorschütze, aber es trifft den Richtigen. Simon Terodde ist charakterlich einwandfrei, ein Teamplayer, eine Tormaschine". Teroddes Torzähler steht bei 142, lächerliche 13 Treffer noch, dann gehört der Rekord ihm.

Es passt ausgezeichnet, dass Teroddes mutmaßliche Rekordübernahme ausgerechnet in die Saison fällt, die am Freitagabend mit dem Traditionsduell Schalke 04 gegen den Hamburger SV beginnt. Zu erwarten ist eine Stürmersaison, viele Zweitligisten besitzen, was vielen Erstligisten fehlt: eine echte Nummer neun aus inländischer Herstellung.

Es sind keine Angreifer, die dem neuen Bundestrainer Hansi Flick die nächste WM retten könnten, es handelt sich vielmehr um Prachtexemplare von klassischen Zweitligatorjägern: Spieler, die wie Terodde nicht mehr jung sind, in der ersten Liga nie in Reichweite der Torjägertrophäen kämen, sich in der zweiten Liga aber beständig die Kanone des kleinen Mannes sichern. Die SZ hat neun Neuner zur Besichtigung freigeben, hier ein kleiner Rundgang durch die Zweitliga-Strafräume:

Simon Terodde (FC Schalke 04)

Simon Teroddes Leistungen sind umso erstaunlicher, weil er neben dem Profifußball noch einen zweiten Beruf hat: Er ist ein fahrender Aufstiegshändler. Er reist von Traditionsstandort zu Traditionsstandort, mit einem Pferdekarren vermutlich, auf dessen Ladefläche hinten der Aufstieg liegt. Am Anfang seiner Karriere war Terodde nur Torjäger, beim Zweitligisten VfL Bochum wurde er erst stellvertretender Torschützenkönig und dann Torschützenkönig.

Erst in Stuttgart hat er den Trend zum Zweitjob entdeckt, er schoss den abgestiegenen VfB mit 25 Toren ebenso wieder nach oben wie später den 1. FC Köln mit 29 Toren. In der ersten Liga hat er bei beiden Klubs nur eine Nebenrolle gespielt, wahrscheinlich wäre es zu viel verlangt gewesen, noch einen Drittjob als fahrender Klassenerhaltshändler anzunehmen.

So ist Terodde, inzwischen 33, zum Prototypen des perfekten Zweitligastürmers geworden: abschlusssicher, kopfballstark, schlau und technisch viel besser als man meint - aber ohne jenen Antritt und jene Explosivität, die dieser lästige moderne Fußball neuerdings verlangt. Es dürfte trotzdem nochmal reichen, auch Schalke 04 nach oben zu schießen. Und dass er seinen Auftrag beim HSV in der vorigen Saison nicht erfüllt hat, lag selbstverständlich nicht an ihm, sondern am HSV.

Robert Glatzel (Hamburger SV)

In Hamburg wissen sie noch nicht recht, wie das jetzt eigentlich zu bewerten ist, in der kommenden Saison ohne Simon Terodde auskommen zu... müssen? Oder: zu dürfen? Natürlich fehlen da erst einmal 20 Treffer plus X, allerdings waren viele der Meinung, dass sich der HSV in einer signifikanten Abhängigkeit befunden habe. Inzwischen kursiert jedenfalls eine neue Erzählung im Volkspark: Der HSV will autonom werden!

Die Torlast wird jetzt einfach auf mehreren Schultern verteilt, wenngleich dem Sturmzugang Robert Glatzel, 27, noch eine besondere Bedeutung zukommen soll. Glatzel wechselt von Cardiff City an die Elbe, der frühere Heidenheimer Zweitligatorjäger hat inzwischen sogar Zweitliga-Auslandserfahrung vorzuweisen. "Er hat eine gute Größe, spielt gut mit, arbeitet gut gegen den Ball", lobte Terodde neulich seinen Nachfolger. "Ich will kein Terodde sein!", lautet wiederum die Devise von Glatzel, der die vergangene Rückrunde als Leihspieler beim Erstligisten Mainz verbrachte. Seine Ausbeute: zwei Treffer.

Anmerkung der Redaktion: Beim HSV haben sie sich inzwischen offenbar damit arrangiert, ein echter Zweitligist zu sein. Neben Glatzel standen weitere Unterhaus-Cracks auf dem Wunschzettel: Philipp Hofmann vom Karlsruher SC und Serdar Dursun, Torschützenkönig der vergangenen Zweitliga-Saison. Dursun begab sich aber lieber auf ungewohntes Terrain, als er Darmstadt 98 verließ: Mit Fenerbahce Istanbul spielt er künftig in der Europa League, der zweiten Liga des Europapokals.

Hamburger SV Training 10.07.2021 Hamburger SV Training 10.07.2021 am Volksparkstadioin Robert Glatzel (Hamburger SV) **

Hamburgs neuer Stürmer Robert Glatzel will nicht mit Simon Terodde verglichen werden.

(Foto: Michael Schwarz/imago images)

Rouwen Hennings (Fortuna Düsseldorf)

Rouwen Hennings ist ein führender Vertreter in Schatzschneiders Erbengemeinschaft. Sein erstes Zweitligaspiel bestritt er am ersten Spieltag der Saison 2007/2008, für den VfL Osnabrück. Anschließend ging er auf eine ausgiebige Zweitliga-Tournee, die ihn über St. Pauli, wieder Osnabrück und den KSC zum englischen FC Burnley brachte. Anschließend passierte Wunderliches: Er wechselte nach Düsseldorf, stieg mit der Fortuna in die erste Liga auf - und traf auch dort. Später stieg er mit Düsseldorf wieder ordnungsgemäß ab, und wenn die Fortuna nun wieder heimlich mit dem Aufstieg liebäugelt, dann auch wegen ihres 33-jährigen Torjägers, dessen linker Fuß immerhin in allen ersten Ligen der Welt spielen könnte.

Tim Kleindienst (1. FC Heidenheim)

Tim Kleindienst ist eigentlich zu jung, um schon als ewiger Zweitligastürmer zu gelten, andererseits: Dieser Rekord ist wirklich bemerkenswert. Mit knapp 26 Jahren ist der Mittelstürmer gerade zum vierten Mal zum 1.FC Heidenheim gewechselt, nach zwei Leihen und einer Verpflichtung, die er vorzeitig abbrach, um zum belgischen Europapokal-Teilnehmer KAA Gent zu wechseln. Dort setzte er sich ebenso wenig durch wie zuvor beim SC Freiburg, weshalb der ebenso schlaksige wie erstaunlich gewandte Angreifer nach zuletzt elf Toren in 15 Rückrunden-Spielen einen neuen Plan entwickelt hat: Er möchte demnächst doch noch zum Erstligastürmer werden, und zwar mit dem 1.FC Heidenheim.

Sven Michel (SC Paderborn)

Dass sich Sven Michel in Paderborn wohlfühlt, hat nicht nur mit Fußball zu tun, sondern auch mit dem Wald. Der ist nah genug, dass er zu Hause oft im Grünen unterwegs sein kann. Er ist im Angelverein, und die Kollegen nennen ihn angeblich "Miraculix", nach dem Druiden.

Dem Magazin 11 Freunde erklärte er, wie er seinen Johanniskrauttee pflückt und was ein Tagpfauenauge ist (ein Schmetterling). "Ich mag den Begriff Dorfkind", ist auch so ein Satz von Michel, 31, aufgewachsen im Siegerland. Kein Wunder also, falls der größere Fußball in größeren Städten einfach nicht so sein Ding sein sollte. Der unkonventionelle Fußball in der zweiten Liga ist es auf jeden Fall. Sein Ex-Trainer Steffen Baumgart hat Michels Stil mal so beschrieben: "Sveni ist manchmal so ein bisschen wie ein Panzerfahrer - mit dem Kopf gerade durch."

Guido Burgstaller (FC St. Pauli)

Es ist nichts darüber bekannt, ob seit Jahresbeginn eine Vermisstenanzeige über einen Österreicher namens Guido Burgstaller, 32, in der Polizeiwache Gelsenkirchen eingegangen ist, aber ausschließen lässt sich das nicht. Über die Gründe für die Zwangsversetzung von Schalke 04 in die zweite Liga ist hinreichend berichtet worden, im Grunde mangelte es dem Traditionsklub an allem, was fürs Gewinnen eines Fußballspiels benötigt wird.

Darunter natürlich: Tore. Auf Schalke war Burgstaller die nötige Qualität dafür abgesprochen worden, worauf er es beim FC St. Pauli eine Klasse tiefer versuchte. Nach einer Hinrunde voller Verletzungen traf er ab dem Frühjahr wieder wie zu besten Nürnberger Zeiten: mit links, mit rechts, mit dem Rücken zum Tor, sieben Mal in Serie. Ein Burgstaller in dieser Form? Ja, liebe Schalker, geschadet hätte er euch nicht.

Foto : Guido Burgstaller Fussball 2. Liga am Fr. 07.05.2021 Holstein Kiel - FC St. Pauli 4 - 0 *** Photo Guido Burgstall; x

St. Paulis Angreifer Guido Burgstaller traf Anfang des Jahres in sieben Spielen in Serie.

(Foto: Claus Bergmann/imago images)

Manuel Schäffler (1.FC Nürnberg)

Knipser sind keine Künstler, das ist ein allgemein anerkannter Glaubenssatz. Wenn einer zum Toreschießen geboren ist, lupft er sich den Ball vorm Abschluss nicht noch auf den Kopf. Abseits des Sportplatzes ist das anders: Manuel Schäffler, 32, malt in der Freizeit Bilder, mit denen er seine Wohnung verschönert. Den Fans des 1. FC Nürnberg hat er jüngst eine künstlerische Videoanleitung gegeben.

Er ist da ähnlich begabt wie im Strafraum, wo er mit seinen Toren dafür sorgen soll, dass der Club aus Nürnberg endlich wieder aus dem Aggregatzustand "taumelnd" in "glorreich" zurück wechselt. Die leisen Aufstiegshoffnungen in Franken gründen vor allem auf "Cheffes" Stärken, der als Fußballer vielleicht mal zu Höherem berufen war. Doch so richtig Fahrt nahm seine Karriere erst nach langer Reifung auf: 2019 war er Drittliga-Torschützenkönig, 2020 als 31-Jähriger Zweiter der Zweitliga-Torschützenliste. Im Alter läuft's umso besser, erfahrene Kanten setzen sich zumindest unterhalb der Bundesliga durch: Eine Liga darunter trifft ja auch noch Sascha Mölders, 36, für Schäfflers Jugendklub 1860 München.

Marvin Ducksch (Hannover 96)

Es gab eine Zeit, das galt Marvin Ducksch als Riesentalent und als Kandidat für die Nachfolge von Robert Lewandowski bei Borussia Dortmund - das war 2014. Heute spielt Ducksch bei Hannover 96, und wenn die zweite Liga seinem fußballerischen Vermögen auch nicht ganz gerecht wird, so hat sich der 27-Jährige doch immerhin das Prädikat "treffsicherer Stürmer" zurück erworben. Ducksch soll als Teil eines Ochsensturms helfen, das Team des neuen Trainers Jan Zimmermann möglichst nah an die Aufstiegsränge zu bringen: Ducksch misst 1,88 Meter, Kollege Hendrik Weydandt kommt auf 1,95 Meter. Pluspunkt: Sie stürmen vor den Augen von Dieter Schatzschneider.

Daniel Keita-Ruel (SV Sandhausen)

Es kann wohl keinen Stürmer geben, für den der Aufstieg in die zweite Liga jemals größer sein wird als für Daniel Keita-Ruel, 31, vom SV Sandhausen. Von 2011 an saß er vier Jahre im Gefängnis, nach der Beteiligung an mehreren Raubüberfällen. In dieser Zeit, so geht seine Geschichte, lernte er, mit Besessenheit an sich zu arbeiten. Einst ein Stürmertalent, schien er nach seiner Freilassung mit Mitte 20 nur so durch die Ligen zu fliegen, schoss Tore in der fünften, vierten, dritten und zweiten Liga, am Ende bei Greuther Fürth.

Inzwischen ist er ein gestählter Zweitligastürmer - und in seiner zweiten Saison in Sandhausen demnächst Teil eines Zweitliga-Allstar-Angriffs. Pascal Testroet, 30, ist von Aue nach Sandhausen gewechselt, gemeinsam kommen Keita-Ruel und er in drei Zweitligajahren auf 65 Tore. Für Dieter Schatzschneiders - oder bald: Simon Teroddes - Rekord wird das aber nicht mehr reichen.

© SZ/cch/jkn
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