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2. Bundesliga: Hooligans:Der harte Kern

Die auf den Gleisen antworten mit einem Steinhagel. Wurfmunition finden sie reichlich im Schotter. Die Polizisten treiben ihre Widersacher in den stehenden Zug zurück. Aus den Fenstern werden sie wieder mit Steinen und Feuerwerkskörpern beworfen.

Karlsruher SC - Eintracht Frankfurt

Risiko am Rasenrand: Großeinsätze für Polizisten gegen gewaltbereite Fans sind fast schon Routine.

(Foto: dpa)

Glücklich am Bahnsteig angekommen, machen die aufgeheizten Fans weiter Ärger. Sie drängeln, schubsen, es gibt Stürze, weitere Verletzte. Sie randalieren noch im Bus, und Krüger hat bedauert, dass sie nach dem Vorfall auf den Gleisen überhaupt noch ins Stadion gelassen wurden: "Der harte Kern testet immer aus, wie weit er gehen kann. Die haben nur Respekt, wenn sie eine klare Ansage bekommen." Immerhin, der Zug wird durchsucht, Steine und Pyrotechnik finden sich, nachher werden die Personalien der gesamten Gruppe aufgenommen, 634 Personen, 33 Strafanzeigen.

Das alles macht den Dienst der Bundespolizisten sehr belastend, und es gibt ja nicht nur den Fußball. Sie werden auch eingesetzt bei Neonazi- und Antifa-Demos, Autonomenkrawallen oder eben den Castor-Transporten. Aber die Fußballspiele machen etwa zwei Drittel ihrer Einsatzzeit aus. 100 und mehr Überstunden während der Saison sind normal, und Beamte wie Horst Adler freuen sich schon, dass inzwischen jedes vierte Wochenende verlässlich frei ist - oder wenigstens frei sein soll.

Jörg Radek, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), fordert mehr Sanktionen durch den Deutschen Fußballbund: "Die Strafen, die der DFB wegen Randale oder dem Abbrennen von Feuerwerkskörpern im Stadion verhängt, tun den Vereinen schon weh." Das Problem seien die weiten Reisewege, die durch mittlerweile drei bundesweite Ligen entstanden sind: "Jedes Wochenende begleiten wir Problemfans quer durch die Republik."

Für die Polizisten ist eines offensichtlich: Je mehr sich ein Verein gerade auch um die Problemklientel kümmert, desto geringer sind die Sorgen, die die Polizei nachher mit ihnen hat. Für "ein gutes Beispiel" hält Krüger den 1. FC Union Berlin, dessen Ruf einst mehr als verheerend war - und der heute sogar eine eigene Ordnertruppe hat.

Aber öfter, sagt Krüger, "läuft das so: Wenn wir den Fanbeauftragten fragen, wie die Problemgruppen anreisen wollen, weigert er sich, uns Informationen zu geben. Er wäre dann bei seinen Leuten verbrannt. Ich frage dann immer: Stehen wir eigentlich auf verschiedenen Seiten?"

In der vergangenen Saison gab es 940 Verletzte rund um Fußballspiele, davon 332 Polizisten. Adler und Krüger sind keine Alarmisten, und natürlich gibt es auch prügelnde Polizisten. Aber die sinkenden Hemmschwellen in der Fanszene bereiten ihnen Sorge. "Irgendwann", fürchtet Krüger, "wird es den ersten Toten geben, und alle werden fragen: Wie konnten wir es so weit kommen lassen?"

Für Adler sind auch die Schlägereien der untereinander verfeindeten Fangruppen beunruhigend: "Fairness gibt es da nicht mehr." Er beobachtet, wie gering das Unrechtsbewusstsein vieler Täter ist, mit denen sie Wochenende für Wochenende konfrontiert sind. Manchmal machen sie sogar um die schwer gerüsteten Bereitschaftspolizisten einen Bogen - und greifen Streifenbeamte oder Rettungspersonal an. Krüger sagt: "Es ist erstaunlich, dass noch keiner der attackierten Polizisten zur Schusswaffe gegriffen hat."

© SZ vom 13.07.2011/koka
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