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2. Bundesliga:Rekordpokalsiegerbesieger-Besieger

22.02.2021 - Fussball - Saison 2019 2020 - 2. Fussball - Bundesliga - 22. Spieltag: SpVgg Greuther Fürth ( Kleeblatt )

David Raum (re.) und die Fürther sorgen mit ihrem Sieg gegen Holstein Kiel für einen Vierkampf an der Tabellenspitze der zweiten Liga.

(Foto: Wolfgang Zink/Imago)

Mit dem Sieg über Kiel macht die Spielvereinigung Greuther Fürth das Aufstiegsrennen der zweiten Liga spannend. Als Spitzenmannschaft wollen sich die Franken immer noch nicht begreifen. Doch sie wecken Begehrlichkeiten in der Bundesliga.

Von Thomas Gröbner

Man musste Angst haben um den "Franz", wie sie Abdourahmane Barry in Fürth nennen. Der Abwehrmann hatte so gar nichts beckenbauerhaftes an sich am Montag im Flutlicht-Duell gegen Kiel, im Gegenteil. Er irrte durch den Strafraum und legte eine Handvoll Chancen auf für die Gäste, und man wünschte dem jungen Franzosen fast eine Erlösung in der Halbzeit. Aber Trainer Stefan Leitl machte - nichts. Er vertraute dem "Franz" einfach weiter.

Barry fing sich, er traf wieder den Ball, und die Grätschen saßen. "Ich habe nicht daran gezweifelt", sagte Leitl nach dem glücklichen 2:1 (1:1)-Sieg, und schob nach: "Ich hoffe, er kommt gut aus diesem Spiel raus."

Vielleicht muss man nochmal zurückblicken, um zu verstehen, woher dieses Ur-Vertrauen kommt in Fürth. Denn die Saison begann so, dass man schon ins Grübeln kommen konnte: vier Spiele blieb Fürth sieglos, gegen den Oberligisten Meinerzhagen schrammte man gerade so an einer Pokal-Blamage vorbei. Trotzdem hielt Leitl fest an seinen Prinzipien vom flachen Kurzpassspiel, er forderte weiter bedingungslos die spielerischen Lösungen noch im eigenen Strafraum. Fürth schlug Kiel 3:1, und danach fast jede andere Zweitliga-Mannschaft. "Da kommt der Glaube her", sagte Leitl, "die Energie, die uns trägt."

Diesmal, das muss auch erwähnt werden, hätte das Rückspiel gegen Kiel auch anders ausgehen können. Das "Herzstück der Mannschaft" war den Fürthern herausgerissen worden, sagte Leitl: Sebastian Ernst und Paul Seguin waren gesperrt, Julian Green fiel mit einem positiven Corona-Test aus, was die Fürther schon am Donnerstag wussten, aber bis zum Anpfiff geheim hielten. Die Stamm-Innenverteidiger Mergim Mavraj und Paul Jaeckel fehlten ebenfalls verletzt. In der Not war Leitl abgewichen von der vertrauten Ordnung in der Raute, nur mit Mühe retteten die Fürther nach der frühen Kieler Führung durch Joshua Mees (4. Minute) und dem Ausgleich durch Havard Nielsen (27.) ein 1:1 in die Pause. Danach kehrte Leitl zurück zum eingespielten System, doch es brauchte ein Eigentor von Kiels Alexander Mühling (83.), um den Gast zu schlagen.

Sportchef Azzouzi soll zu den Manager-Kandidaten beim FC Schalke 04 zählen

Mit diesem Sieg erschüttert Fürth die Statik der Ligaspitze: Nach dem Aussetzer des Tabellenführers Hamburger SV in Würzburg und der Niederlage von Bochum in Aue stehen nach 22 Spieltagen nun inklusive Kiel und Fürth vier Mannschaften mit 42 Zählern oben.

Und so geht es in Fürth mal wieder um die alten Fragen: Wer sind wir eigentlich? Und was macht das mit uns? Ist das Team mit dem Sieg über Bayern-Bezwinger Kiel nun Rekordpokalsiegerbesieger-Besieger? Spitzenmannschaft? Aufstiegskandidat? "Das Wort nehmen wir nicht in den Mund", sagt Leitl. Nach 22 Partien steht Fürth auf Platz zwei, oder wie sie es im Frankenland nennen: "Wir haben den Klassenerhalt gesichert", sagte Sportchef Rachid Azzouzi.

Azzouzi hat eine Mannschaft gestrickt aus ehemaligen Bundesligaspielern, denen sie zutrauen, das große Versprechen ihrer Karriere doch noch einzulösen. Der ehemalige Guardiola-Schüler Julian Green etwa, der sich beim FC Bayern nicht durchsetzen konnte. Der Norweger Havard Nielsen, den Ralf Rangnick einst in Salzburg als grimmigen Wikinger präsentierte, der aber nirgends richtig ankam. Oder der Schwede Branimir Hrgota, den sie in Gladbach weggeschickt und in Frankfurt als Testspielgott verspottet hatten. Dazu gesellen sich Eigengewächse wie Linksverteidiger David Raum, der am Montag die Torvorlagen elf und zwölf lieferte. Mittlerweile hat ihn schon die Bundesliga gelockt, er wird nächste Saison in Hoffenheim spielen. Diese junge Mannschaft zusammenzuhalten, die gegen Kiel im Schnitt 23 Jahre alt war, wird eine schwere Aufgabe.

Der Sportchef selbst weckt auch Begehrlichkeiten. Ein rot-weißes Absperrband flatterte auf der Tribüne um Azzouzi, fast so, als wollten die Fürther signalisieren: "Finger weg. Der Mann bleibt hier." Sein Name soll aufgetaucht sein auf einer Liste derer, denen bei Schalke zugetraut wird, in der zweiten Liga einen Neuaufbau zu schaffen. Azzouzi, das ließ er nach Schlusspfiff wissen, sei dafür nicht zu haben. Denn die Spielvereinigung, das ist seine Botschaft, braucht sich nicht mehr zu verstecken: "Wir sind auch ein Traditionsverein."

Einiges erinnert an die Aufstiegssaison von 2012, als Mike Büskens auf Doppeldeckerbussen und mit Bier für das "Wunder von Fürth" gefeiert wurde. Die Opferbereitschaft und die Begeisterung zum Beispiel. Gegen Kiel war Fürth am Ende neun Kilometer mehr als der Gegner gelaufen, danach sprang die Mannschaft im Kreis, als wäre die Meisterschaft schon gewonnen und Leitl der nächste Wundertrainer.

Dabei war es zwischen Fürths Anhängern und dem Coach keine Liebe auf den ersten Blick, der Trainer wurde 2017 mit unwürdigen Plakaten geschmäht. Er musste sich rechtfertigen für seine Vergangenheit beim ungeliebten Nachbarn Nürnberg. "Ich schlafe sicher nicht in Club-Bettwäsche", verkündete Leitl damals. Längst vorbei, und wie zum Beweis verteilte er vergnügt einen grün-weißen Bettbezug mit Kleeblättern an den ehemaligen Union-Profi und Sky-Plauderer Torsten Mattuschka. Der wird vielleicht bald in der Bettwäsche eines Bundesligisten aufwachen.

© SZ/fse/and
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