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1. FC Nürnberg wechselt Trainer:Abriss vor dem Aufbruch

Jens Keller

„Ehrenrunde“ ohne ihn: Nürnbergs Trainer Jens Keller.

(Foto: dpa)

Der Club aus Nürnberg trennt sich nach einer blamablen Zweitliga-Saison von Trainer Jens Keller. Schon für die Spiele der Abstiegsrelegation übernimmt ein erprobtes Duo.

Die Kabine einer Mannschaft, die am letzten Spieltag einer enttäuschenden Saison auf den Abstiegsrelegationsplatz zur dritten Liga zurückgefallen ist, stellt man sich als traurigen Ort vor. Doch Robert Palikuca, der Sportvorstand des 1. FC Nürnberg, berichtete nach dem 1:1 in Kiel überraschend etwas anderes: Er habe "keine Resignation gesehen, sondern Aufbruchstimmung". Es war eine eher eigenwillige Einschätzung an einem Tag, der einen der größten Misserfolge der Vereinsgeschichte einleiten könnte.

100 Jahre ist es her, dass der 1. FC Nürnberg erstmals deutscher Meister wurde, acht Titel folgten, weshalb die Fans ihren FCN gerne den "ruhmreichen Club" nennen. Inzwischen ist dieser Club allerdings eher als "Depp" bekannt, auch für neun Abstiege aus der Bundesliga. Nun, ein Jahr nach dem neunten Erstligaabstieg, droht zum zweiten Mal nach 1996 der Absturz in die Drittklassigkeit, nur zwei Relegationsspiele können das noch verhindern. Die Stimmung am Sonntag wäre womöglich erst einmal treffender mit Abriss als mit Aufbruch beschrieben gewesen.

Am Montag gab der Verein die Trennung von Trainer Jens Keller bekannt, noch vor der Relegation. Für zwei Spiele übernehmen Marek Mintal und Michael Wiesinger, der Trainer der U21 und der Chef der Nachwuchsabteilung; zwei beliebte ehemalige Profis, die bereits in der Spielzeit 2013/2014, der Saison des achten Erstligaabstiegs, einmal für neun Spiele als Nürnberger Trainergespann arbeiteten. "Wenn wir zwei für etwas stehen", dann sei es "Herzblut" für den Club, sagte Wiesinger, 47, in einer Pressekonferenz am Abend. Sein Plan stehe, nun habe er Zeit, die Mannschaft besser kennenzulernen. Beide "können ohne Eingewöhnung direkt loslegen", sagte Palikuca. Eine langfristige Lösung soll dies jedoch nicht sein. Wiesinger, der 2019 in neuer Funktion nach Nürnberg zurückgekehrt war, sagte: "Ich will nach der Relegation gerne in meine Position zurück, da sehe ich mich." Als Keller, 49, im November 2019 seine Arbeit in Nürnberg begann, hatte sich schon abgezeichnet, dass die Saisonziele weit verfehlt werden würden. Eigentlich wollte der FCN um den direkten Wiederaufstieg mitspielen, mit dem dafür verpflichteten Trainer Damir Canadi und einem Kader voller Zugänge, zusammengestellt von Palikuca, selbst erst seit April 2019 in Nürnberg. Unter Keller wurden die Leistungen nicht besser, in 21 Spielen gelangen nur fünf Siege. Dem einzigen Erfolg nach der Corona-Pause, einem 6:0 gegen Wehen Wiesbaden, folgte am 33. Spieltag ein desaströses 0:6 gegen den VfB Stuttgart, das schließlich zum Verhängnis wurde. Der punktgleiche Tabellenfünfzehnte, Karlsruher SC, war um zwei Tore besser. "Jetzt müssen wir eine Ehrenrunde drehen", sagte Keller am Sonntag, es klang fast zynisch. Palikuca erkannte in dem 1:1 in Kiel ein "Spiegelbild der Saison". Nürnberg traf früh zum 1:0, verspielte schließlich jedoch zum wiederholten Mal in der Saison einen Vorsprung, insgesamt 25 Punkte gingen nach eigener Führung verloren. Die Mannschaft ist durchaus eine Ansammlung fähiger Fußballer, aber funktioniert anscheinend nicht als Team, was im Abstiegskampf mehr als alles andere gefragt ist. In zwei Spielen gegen den Drittligisten - je nach Abschneiden des nicht aufstiegsberechtigten FC Bayern II der Tabellendritte oder Tabellenvierte und nach jetzigem Stand der FC Ingolstadt - ist Nürnberg dennoch eher Favorit, auch weil die Spiele am 7. und 11. Juli stattfinden und die Drittligasaison noch bis 4. Juli dauert. "Wir haben viel Zeit im Vergleich zu unserem Gegner", sagte Wiesinger. "Der Gegner hat mehr Spiele in den Knochen, das kann man nutzen." Auch die ausgeliehenen Profis und jene, deren Verträge ursprünglich nur bis 30.6. galten, sind spielberechtigt.

Der Abstieg in die vielerorts ruinöse dritte Liga gilt offenkundig als Schreckensszenario. "Wir müssen einfach den Verein in der Liga halten, koste es, was es wolle", sagte Torwart Christian Mathenia am Sonntag. Auch im Fall des Klassenverbleibs stehen unangenehme Analysen an. Bereits in der vergangenen Saison war mit Trainer Michael Köllner auch Sportvorstand Andreas Bornemann beurlaubt worden.

"Es war kein gutes Jahr, und wenn es kein gutes Jahr war, dann ist es normal, dass auch meine Arbeit als Verantwortlicher hinterfragt wird", sagte Sportchef Palikuca schon in der vergangenen Woche. Da wusste er noch nicht, dass dieses Jahr sogar noch weniger gut werden würde als erwartet.

© SZ vom 30.06.2020/tbr
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Von Sebastian Fischer

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