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Weltmeister von 1990:Toskanasause mit dem Teamchef

Weltmeister von 1990 feiern Titeljubiläum in Italien

Rudi Völler, Lothar Matthäus, Franz Beckenbauer, und Andreas Brehme - Ex-Weltmeister, die die WM in Italien geprägt haben.

(Foto: Gisela Schober/Getty Images)

Beim 30-Jahre-Jubiläum der Italien-Weltmeister um Beckenbauer, Matthäus & Co. zeigt sich die Entfremdung zwischen den Ehemaligen und dem DFB.

Von Jonas Beckenkamp

Hat es im deutschen Fußball jemals ein hochkarätigeres Klassentreffen gegeben? Eine Versammlung von Generationen, die alle irgendwie über den WM-Pokal in Verbindung stehen? Es wimmelte geradezu von Weltmeistern an diesem Wochenende in der Toskana, wo sich ehemalige Helden aus einer anderen Zeit noch einmal zu einer geselligen Runde eingefunden hatten. Die Weltmeister von 1990 hatten geladen, um ihr 30-Jähriges zu feiern: den Titel in Rom, die notti magiche, wie Gianna Nannini damals röhrte, die Erinnerungen an ein "perfektes Team, mit vielen Charakterköpfen", wie es Lothar Matthäus formulierte.

Aber weil es gerade überall irgendwo rumpelt im deutschen Fußball, blieb auch die Veranstaltung im "Hotel und Golf Resort Il Pelagone" in Gavorrano nicht ohne Nebengeräusche. Einerseits waren ja wirklich fast alle Damaligen und nicht ganz so Damaligen gekommen - und sogar noch ein paar mehr. Matthäus, der 90er-Capitano, Teamchef Franz Beckenbauer und Finaltorschütze Andreas Brehme. Dazu Größen wie Rudi Völler, Andy Möller oder Guido Buchwald, die allesamt blendend aussahen, auch wenn das ein oder andere Hemd ein wenig um den Rumpf spannte. Beim Zusammentreffen von insgesamt 15 der 22 Weltmeister von 1990 blieb sogar die Erkenntnis, dass der ewige Allgäuer Karl-Heinz Riedle sich schlicht weigert, älter zu werden.

Das gilt natürlich auch für den ebenso anwesenden 2014er-Weltmeister Philipp Lahm sowie die Ost-West-Nationalspieler Ulf Kirsten, Andreas Thom und Thomas Doll. Und dass der eigens geehrte WM-Teamchef Franz Beckenbauer noch einmal seinen größten und einzigen Hit "Gute Freunde kann niemand trennen" anstimmte, bot eigentlich Grund zur guten Laune.

Andererseits umwehte die Veranstaltung aber auch die Gereiztheit zwischen den Altgedienten und dem DFB im Vorfeld. Ehrenspielführer Matthäus hatte gar von einem "kleinen Bruch" zwischen dem Verband und den früheren Nationalspielern berichtet. Dieser Zwist sei auch der Grund gewesen, weshalb das Treffen nicht auf offizielle Einladung stattfand, sondern mit Hilfe von Sponsoren in Eigenregie von den 90er-Weltmeistern organisiert wurde. Die aktuellen Verantwortlichen vom DFB blieben außen vor, für ein Jubiläum dieser Art ein durchaus bemerkenswerter Vorgang.

WM 1990 - Beckenbauer, Matthäus und Brehme

Damals, 1990, sahen die Weltmeister noch etwas jünger aus.

(Foto: dpa)

Es ist kompliziert zwischen dem DFB und seinen alten Helden

"Wir wollen den DFB gar nicht dabeihaben", hatte Matthäus bei seinem Heimsender Sky trotzig erklärt, was natürlich ein wenig so klang wie: Ihr veranstaltet keine Feier für uns, dann machen wir eben selber eine und laden euch nicht ein. Unter früheren Nationalspielern herrsche zudem Verwunderung über "einige Entscheidungen" der heutigen DFB-Spitze, hieß es vonseiten des Rekordnationalspielers. Damit sind nicht etwa die aktuellen Steuerenthüllungen des Verbandes gemeint, sondern durchaus profanere Belange. Die Nationalspieler a. D. ärgern sich offenbar darüber, dass es für sie keine Freikarten für Länderspiele mehr gebe. Erfahren haben sie dies lediglich in einer kurzen E-Mail aus der Zentrale in Frankfurt.

Es sind Zeichen einer Entfremdung zwischen dem Heute und dem Damals, die durchaus für einen Kulturwandel im Verband sprechen. Eine weltmeisterliche Behandlung stellen sich die Aktiven von einst jedenfalls anders vor. Der DFB wiederum verwies zuletzt darauf, dass eine Ticketvergabe an die Altvorderen aus "steuerlichen und rechtlichen Gründen nicht mehr möglich" sei, wie Präsident Fritz Keller dem Sport-Informations-Dienst sagte. Er hatte gleichzeitig betont: "Wir wissen aber, was wir an unseren Sieger-Nationalmannschaften haben."

Bei den Veteranen herrscht dem Vernehmen nach aber keine Siegerstimmung, was auch mit dem Umgang des Verbandes mit Franz Beckenbauer im Zuge der Sommermärchen-Affäre zu tun hat. Dessen Meriten von früher sind mittlerweile getrübt von Korruptionsvorwürfen um die Vergabe der WM 2006. Eine Spaltung, bei der die Generation der 1990er offenbar klar auf der Seite des "Kaisers" steht - schließlich betrachten sie ihn mehr als großväterlichen Dirigent denn als Strippenzieher im Zwielicht der Bin Hammams und Jack Warners. Es ist kompliziert geworden zwischen den alten und den gefallenen Helden - und dem DFB, der selbst gerade taumelt. "Die wissen gar nicht, worum es uns geht", meinte Lothar Matthäus, der gleichzeitig eine Versöhnung in Aussicht stellte: "Für mich ist alles reparabel."

Er und seine Mitstreiter fanden dann ihre eigene Interpretation der Toskanasause - Schwelgen muss ja erlaubt sein. "Im Sommer 1990 wurden wir Weltmeister, im Herbst feierten wir die politische und sportliche Wiedervereinigung Deutschlands, auch deshalb freut es mich, dass so viele der deutschen Fußballfamilie den Weg in die Toskana gefunden haben", sagte Matthäus. Der Weg nach Italien führte übrigens über eine Chartermaschine aus Deutschland. Und vor dem Abflug wurde die ganze Ausflugsgruppe per Schnelltest auf Corona getestet. So erklärt sich auch, dass auf der Feier selbst dann Abstandsregeln und Masken eher keine Rolle spielten. Nunja, notti magiche.

© SZ/jki
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