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TSV 1860 München:Auch echte Löwen weinen

TSV 1860 München: Daniel Bierofka beim Training

Daniel Bierofka bei seinem vorerst wohl letzten Training als 1860-Coach.

(Foto: imago images/Philippe Ruiz)
  • Daniel Bierofkas Abschied vom TSV 1860 sorgt einen ganzen Tag lang für Verwirrung.
  • Aus einer Personalie wurde ein Politikum, aus einem Fußballtrainer ein Spielball.
  • Am Abend traf Bierofka die Investorenseite in einem Münchner Hotel. Hasan Ismaik bestätigte danach der SZ den Abschied Bierofkas. Der Verein verschickte in der Nacht schließlich eine Mitteilung.

Am Ende eines langen Tages war es Investor Hasan Ismaik persönlich, der als letzter Protagonist dem Wunsch von Daniel Bierofka entsprach. Der Trainer wollte den Fußball-Drittligisten 1860 München verlassen und traf, gemeinsam mit seiner Frau Nicole, Ismaik und dessen Entourage im Münchner Hotel Mandarin Oriental zu einer Unterredung. Nun konnte auch der Investor Bierofkas Wunsch des Loslassens verstehen. "Daniel wird den Klub verlassen", berichtete er am späten Abend der SZ: "Das bedauere ich, aber ich kann seine Gründe nachvollziehen."

Am Dienstagmorgen schien die Welt in Giesing noch in Ordnung zu sein: Bierofka leitete das Training, er schien seine Rücktrittsankündigung also doch nicht wahr machen zu wollen - Bierofka, das Gesicht des Klubs, wenn auch das zuletzt immer grimmigere und traurigere Gesicht. Der echte Löwe, der Aufstiegstrainer - er schien weiterzumachen. Doch währenddessen weilte 1860-Geschäftsführer Michael Scharold nach SZ-Informationen bereits bei Bierofkas Berater Christian Nerlinger, der ihn zum Gespräch geladen hatte - um über eine Vertragsauflösung zu verhandeln. Eine Pressemitteilung zur Trennung wurde ebenfalls bereits vorbereitet.

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Bierofka hatte zuletzt über Indiskretionen geklagt, so landeten im Kicker beispielsweise angebliche Meinungen aus der Mannschaft über mangelnde taktische Kompetenz und falsche Trainingssteuerung. "Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert", sagte er nach dem Sieg gegen Viktoria Köln am Samstag. "Lange schaue ich mir das nicht mehr an, das weiß ich." Die Informationen kämen nicht von den Spielern, sondern aus einem "inneren Kreis". Wen von den Funktionären er damit meinte, erläuterte er nicht. Am Tag danach fehlte Bierofka bereits beim Training, er habe sich eine "Auszeit" genommen, teilte der Klub mit.

Ismaik wollte Bierofka noch überreden - vergeblich

Am Dienstag war Bierofka dann noch einmal da - zum letzten Mal? Das war die Frage, denn bestätigt wurde die Trennung tagsüber noch nicht, und plötzlich tauchte Ismaik auf der Bildfläche bzw. in München auf. Er befinde sich aus anderen geschäftlichen Gründen in München und mache einen Besuch, den er vor einigen Wochen krankheitsbedingt habe absagen müssen, teilte er der SZ mit. Nun nutze er die Gelegenheit, sich im Laufe des Tages zu einem Gespräch mit dem von ihm hoch geschätzten Bierofka zu verabreden, um ihn zum Bleiben zu überreden. Das erklärte, warum der Klub die Personalie noch nicht kommunizierte.

Flankierend ließ Ismaik über sein Lieblingsportal Facebook ausrichten: "Seit Monaten wird unser Trainer gemobbt." Man muss davon ausgehen, dass Bierofka das auch so sah - dass es so war, oder dass er es jedenfalls irgendwann glaubte. "Für mich ist das eine Schande, die ich nicht in Worte fassen kann", fuhr Ismaik fort. "Ich fordere die Personen auf, die mit ihrer hinterhältigen Taktik 1860 ganz bewusst schaden wollen, sich zu erkennen zu geben und die Gründe für ihr feiges Handeln zu nennen." Damit zielte er im Streit der Gesellschafter selbstredend auf das e.V.-Präsidium ab, das keine Darlehen mehr von ihm annimmt. Er hoffe, "dass denjenigen bewusst ist, was sie mit ihrer Diskreditierung Bierofkas anrichten, wenn er den Verein verlässt. Viele Spieler sind ausschließlich wegen ihm zu 1860 gewechselt, weil sie unter ihm arbeiten wollen. Zudem stehen 99 Prozent der Fans geschlossen hinter Bierofka."

In der Tat ist Bierofka aus guten Gründen sehr beliebt in Giesing. Zwischen 2000 und 2002 sowie von 2007 bis 2014 bestritt der ehemalige Nationalspieler 219 Begegnungen für die Löwen (29 Tore), danach bekleidete er als Trainer verschiedene Positionen im Verein. Nach dem Absturz in die Regionalliga 2017 übernahm er die erste Mannschaft und führte sie mit vielen Spielern seiner vorherigen U21 wieder in den Profifußball. Nach dem Aufstieg verlängerte der Klub auf Ismaiks Betreiben Bierofkas Vertrag vorzeitig bis 2022.

Aus einem Fußballtrainer wurde ein Spielball

Das Szenario, Bierofka werde dem Klub den Rücken kehren angesichts des vom Präsidium um Robert Reisinger eingeschlagenen Konsolidierungskurses, wurde trotz dieses Vertrages von der Investorenseite immer wieder an die Wand gemalt im Streit zwischen den Gesellschaftern. Das Präsidium reagierte darauf Anfang September mit einer Stellungnahme, die so nüchtern war, dass manche Leser sie eben als Mobbing interpretierten. Auch bei Bierofka "gelten die bekannten Mechanismen der Branche", stellte das Präsidium fest. "Erhält er ein attraktives Angebot eines höherklassigen Klubs, kann ihm niemand verdenken, wenn er die Offerte annehmen würde. Als junger Trainer muss er auch seine eigene Karriere im Blick haben. Der TSV 1860 München hat vor Daniel Bierofka existiert und er wird es auch nach ihm tun. Seine Verdienste (. . .) schmälert das nicht."

Die These, dass Sechzig auch ohne Bierofka existieren könne, war für seine Fans schon etwas Unerhörtes - und dann wies das Präsidium auch noch darauf hin, der Trainer habe "einen für die Verhältnisse in der dritten Liga gut dotierten Vertrag". Bierofka gab unmissverständlich zu erkennen, dass er sich angegriffen fühlte.

Zuletzt stellte sich das Präsidium aber öffentlich "voll und ganz hinter Daniel Bierofka". Auch zwischen Bierofka und Sport-Geschäftsführer Günther Gorenzel gab es immer wieder mal Meinungsverschiedenheiten, etwa was Spielerverpflichtungen anging; auch von Teilen des Trainerteams fühlte Bierofka offenbar nicht mehr die gewünschte Rückendeckung. Bierofkas großer, bedingungsloser Unterstützer war immer Ismaik, der nach eigenen Angaben eine Art Jürgen Klopp aus ihm machen wollte bzw. in ihm erkannte. So wurde er im Machtkampf der Gesellschafter benutzt, aus einer Personalie wurde ein Politikum, aus einem Fußballtrainer ein Spielball.

Am Abend, um kurz nach 19.30 Uhr, wurde aus dem Ball wieder ein Mensch. Bierofka stand in der Lobby des Mandarin Oriental, mit seiner Frau, mit Ismaiks Bruder Yahya und dessen Statthalter Anthony Power. Sie unterhielten sich angeregt - aber es war ein Abschiedsbesuch bei Ismaik angesagt. Ob er sich noch einmal umstimmen lasse? "Nein", sagte Bierofka, "nein." Er blickte traurig, aber sein Kopfschütteln zeigte, dass er fest entschlossen war. Spät in der Nacht verschickte dann der TSV 1860 eine Bestätigung.

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