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TSV 1860 München:Wie "Pro1860" zur bestimmenden Kraft beim TSV wurde

Grünwalder Stadion, 2017

Jugendmannschaften und Amateursportler kennen das Problem: Es gibt zu wenig Plätze und Hallen in der Stadt.

(Foto: Sonja Marzoner)
  • Am Sonntag findet beim TSV 1860 München die Mitgliederversammlung statt.
  • Der Verein ist immer noch gespalten in der Frage, wie man mit Investor Hasan Ismaik umgehen sollte.
  • Die größte Opposition ist die Fan-Organisation "Pro1860". Sie wurde lose bereits in der Wildmoser-Ära gegründet.

Diese Geschichte beginnt in einer Zeit, die fern und befremdlich wirkt. Der TSV 1860 München spielte in der ersten Fußball-Bundesliga, und im Internet gab es so genannte Gästebücher. Diese waren die rudimentärste Form eines sozialen Mediums, jeder konnte dort ungeordnet etwas hineinschreiben. Allerdings wurden die Gäste, wie es eben so ist bei Gästen, hinausgeschmissen, wenn sie sich in den Augen des Gastgebers ungebührlich aufführten. So war es auch auf der Seite des TSV 1860. Die Entscheidung des Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser, zur Saison 1995/96 das Stadion an der Grünwalder Straße zu verlassen und ins Olympiastadion umzuziehen, fanden viele Anhänger falsch. Das durften sie aber nicht hinschreiben. "Da wurde alles zensiert, was der große Meister ungern gelesen hat", erinnert sich der Blumengroßhändler Hans Vonavka, einer der ungebetenen Gäste. Daher gründeten die Wildmoser-Gegner als Alternative das so genannte Löwenforum. "Und das", sagt Vonavka, "war die Keimzelle von Pro1860."

In dieser Keimzelle lernten sich alle kennen, die das Patriarchat Wildmosers, den Auszug aus der alten Heimat, später den gemeinsamen Arenabau mit dem FC Bayern und viel später das Wirken des jordanischen Investors Hasan Ismaik kritisch beäugten. Es dauerte bis zum Februar 2006, da war Wildmoser schon weg, bis aus der losen Opposition eine Fanorganisation wurde - 25 Personen gründeten im Lokal Herzogs in Obergiesing Pro1860.

TSV 1860 München "Es wird getrickst, getäuscht und getarnt"
TSV 1860 München

"Es wird getrickst, getäuscht und getarnt"

An einer positiven Außendarstellung seines Klubs ist 1860-Investor Ismaik derzeit wenig interessiert. Auf der Mitgliederversammlung will er den Präsidenten stürzen.   Von Markus Schäflein und Philipp Schneider

Wolfgang Hauner, der ehemalige Fußball-Abteilungsleiter, sagte vor knapp zehn Jahren über das Ziel der Gruppe, ins Grünwalder Stadion zurückzukehren: "Wenn sie das schaffen, muss ich sagen, Respekt. Aber die Zukunft wird es zeigen."

Die Zukunft hat es gezeigt - die Saison 2016/17, als Ismaik Geld ohne Ende verbrennen durfte, die Mannschaft doch abstieg und der Klub keine Drittliga-Lizenz erhielt, führte zurück nach Giesing. Und Pro1860 ist heute die dominierende Gruppe im TSV 1860 e.V. - Vizepräsident Heinz Schmidt gehört dazu, die Verwaltungsräte Markus Drees, Sebastian Seeböck und Sascha Königsberg sind ebenfalls Mitglieder. Die anderen Verwaltungsräte standen allesamt auf der Vorschlagsliste der Gruppe. Und der jetzige Präsident Robert Reisinger wurde bereits 2010 mit Pro1860-Stimmen zum Fußball-Abteilungsleiter und zu Hauners Nachfolger gewählt.

Viele Pro1860-Mitglieder und Gäste sind an diesem Dienstagabend in die Giesinger Gaststätte Gartenstadt gekommen, zum letzten Stammtisch vor der Mitgliederversammlung am Sonntag. Auch Ulla Hoppen, die den Antrag zur Aufkündigung des Kooperationsvertrags mit Ismaik stellte. Und der Schriftsteller und Journalist Arik Steen, Autor von Werken wie "Sklavenschwester" oder "Unterwerfung auf Burg Sylvenstahl" sowie Betreiber des Internet-Blogs Löwenmagazin. Dieses begreift sich in der Post-Gästebuch-Ära als Korrektiv zum überaus investorenfreundlichen Portal dieblaue24 und sammelt Informationen über Ismaiks rätselhaftes Wirken in seiner Heimat.

Ganz sicher, dass sie gewinnen, dass das Präsidium und der Konfrontationskurs zum Investor also wieder gewählt werden, sind sich die Leute beim Stammtisch nicht. Aber schon ziemlich sicher. Sie haben viele Jahre darauf hingearbeitet, dass sie sich nun ziemlich sicher sein dürfen.

Die Mehrheit in der Fußball-Abteilungsversammlung erreichte Pro1860 bereits im Jahr seiner Gründung, die Gruppe stellte schon 2006 mehr als die Hälfte der Delegierten. Es war die so genannte Wildmoser-Satzung, die ihren Einfluss reduzierte. Denn bei der Zusammenstellung des von jenen Delegierten gewählten Aufsichtsrats fühlten sie sich über den Tisch gezogen - beispielsweise wurde ihnen der damalige Oberbürgermeister Christian Ude zugeordnet, was sich inhaltlich dann nicht belegen ließ.

Insgesamt waren die Pro1860-Leute damals, so sieht Vorstandsmitglied und Sprecher Vonavka das, etwas naiv: "Man muss sich das so vorstellen: Die Grünen haben sich gerade gegründet und werden mit der Bildung der Bundesregierung beauftragt."

Die Grünen. Von Joschka Fischer im Strickpulli zur Volkspartei. Es bietet sich an, diesen Vergleich umgehend zu verwerfen, sobald er einem eingefallen ist, weil er so naheliegend ist. Aber wenn es Vonavka sagt: Dann sind die Leute von Pro1860 halt die Grünen der Blauen.

Hans Vonavka, Sprecher Pro1860

"An die These vom guten Führer hat hier niemand geglaubt. Aber am Anfang war den Leuten ja noch gar nicht klar, dass man eine Satzung auch ändern kann."

"Es war immer die Angst da: Die sind intelligent, die planen den Marsch durch die Instanzen", meint er. Und die Naivität der Gründer war dann auch schnell vorbei. Sie hatten erkannt, dass sie das komplizierte Delegiertensystem abschaffen mussten, weil es stets dazu führte, dass sich die Machthaber im Verein gegenseitig wählten und kontrollierten. Wildmoser war zwar längst weg - "aber an die These vom guten Führer hat hier niemand geglaubt", sagt Vonavka. Sie wollten ein Direktwahlrecht der Mitglieder einführen, um mit ihrer Mehrheit etwas anfangen zu können: "Am Anfang war den Leuten ja noch gar nicht klar, dass man eine Satzung auch ändern kann." Nun übernahm Herbert Bergmaier, der Verleger des Münchner Wochenanzeigers, eine entscheidende Rolle bei Pro1860. "Der Herbert Bergmaier hat gesagt: Mit so Zeug kenn' ich mich aus, diese Satzungsänderung mache ich jetzt zu meinem Hobby", berichtet Vonavka. Eine Kommission aus mehr als einem Dutzend Leuten kümmerte sich nun um das Projekt.