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1860 München:Läuft für die Löwen

10.04.2021, Fussball 3. Liga 2020/2021, 31. Spieltag, TSV 1860 München - SC Verl, im Grünwalder Stadion München, Torjub

"Steini hat mich angeschossen, da konnte ich gar nicht mehr ausweichen": Richard Neudecker (Mitte), 1,74 Meter, bejubelt seinen Kopfball-Treffer zum 3:2, Doppeltorschütze Sascha Mölders (rechts) freut sich ebenso.

(Foto: Bernd Feil/M.i.S./imago)

"Dieses Momentum muss man sich erarbeiten": Nach dem dritten Sieg in Serie lobt 1860-Trainer Michael Köllner seinen 20-Tore-Stürmer Sascha Mölders und die Leidenschaft der ganzen Mannschaft. Ein Aufstieg wird immer vorstellbarer, der Rückstand auf den Relegationsplatz beträgt nur noch vier Punkte.

Von Gerhard Fischer

Es war zehn Minuten nach dem rasanten Spiel, als Sascha Mölders von einem Interview zur Mittellinie schlenderte. Man könnte auch sagen, er ging in Richtung Tegernseer Landstraße. Von dort, mutmaßlich aus einem Fenster der Wohnhäuser, rief ihm ein Fan "Sascha Mölders, Fußballgott!" entgegen. Der Fußballgott hob die Hand und winkte. Dann zog er sein verschwitztes Trikot aus.

Nein, man müsste nicht zum x-ten Mal beschreiben, wie wenig der Bauch des Stürmers, der da zum Vorschein kam, zum athletischen Profisport passt. Aber Mölders redet ja selber darüber. Vorige Woche sagte er dem Bayerischen Rundfunk, seine Frau würde den vakanten Job des Stadionsprechers bei 1860 sicher gut bekleiden, aber er fürchte, sie würde dann mal "Dicker, lauf" zu ihm auf den Rasen hinunter brüllen.

Das ist alles witzig, aber wenn man das Ganze ernsthaft betrachtet, muss man sagen, dass dieser kräftige und für Profiverhältnisse alte Mann - er ist 36 - der beste Löwe ist, ohne den 1860 nicht Vierter der dritten Liga wäre, sondern vielleicht Vierzehnter. Beim 3:2-Sieg gegen den beherzten SC Verl schoss Mölders zwei blitzsaubere Tore, es waren seine Treffer 19 und 20. Nur einmal hat er in seiner Laufbahn in einer Saison öfter getroffen, in der Regionalliga bei Rot-Weiss Essen, das muss gewesen sein, als Adenauer noch Kanzler war.

"Dicker, lauf", mag seine Frau gedacht haben - und Mölders läuft und trifft

Der TSV 1860 hat nun - erstmals in dieser Saison - dreimal in Serie gewonnen, und er hat den Abstand auf die Ränge zwei und drei auf vier Punkte verkürzt. Läuft für die Löwen. "Dieses Momentum muss man sich erarbeiten", sagte Trainer Michael Köllner nach dem Spiel. Er lobte Mölders als "exzellenten Neuner", pries die Leidenschaft seiner Spieler, räumte aber ein, dass die Abwehrleistung "nicht optimal" gewesen sei.

Das war ein Euphemismus. Die Abwehrleistung war richtig schlecht, vor allem im Zentrum. Und das begann schon früh. Der SC Verl, der mit der Empfehlung von 55 geschossenen Toren und einem Bus mit der Aufschrift "VERLiebt in Liga 3" nach München gekommen war, hat ja veritable Stürmer in seinen Reihen, etwa den früheren Erstliga-Angreifer Justin Eilers oder den agilen Aygün Yildirim. Eilers also nutzte nach etwa 100 Sekunden einen Stellungsfehler von Semi Belkahia und schoss aus elf Metern ins linke Eck.

Aber Sechzig hat ja Mölders in seinen Reihen. Richard Neudecker spielte in der 15. Minute auf Merveille Biankadi, und dieser passte von rechts zur Mitte, wo Mölders lauerte. "Dicker, lauf", mag seine Frau gedacht haben, und er lief und er traf mit links ins linke Eck.

Vier Minuten später schickte Phillipp Steinhart eine Flanke in den Strafraum, Mölders traf per Kopf hoch ins rechte Eck. Manchmal wirkt Mölders wie ein Mathematiker - er vermag sowohl die Kraft, mit der er schießt oder köpfelt, genau zu berechnen, als auch die Richtung exakt zu bestimmen.

"Es können nicht alle Elf gut spielen", sagte Köllner, als er in der Pressekonferenz - nach seiner Eloge auf Mölders - auf die Darbietung seiner Defensive angesprochen wurde, zu der auch Torwart Marco Hiller gehört. Hiller ist im Eins-gegen-eins ein geschmeidiger Gigant, er ist wegen seiner Reflexe und seiner Sprungkraft ein toller Linien-Torwart. Aber er macht Fehler, wenn er hohe Bälle abfangen muss. In der 57. Minute flog eine Ecke zur Mitte, Hiller griff vorbei und der Ball prallte vom Körper eines Löwen vor die Füße von Yildirim, der mühelos abstaubte.

Verl dominiert in Unterzahl, die Löwen verteidigen hingebungsvoll und pfuscherhaft

In der erste Spielhälfte hatten die Löwen 13 Minuten gebraucht, um zurück zu schlagen. Diesmal waren es nur sieben. Neudecker beförderte einen Flankenball von Steinhart, der seine Hereingaben an diesem Tag ebenfalls präzise berechnete, per Kopf ins Tor der Gäste (57.). Stadionsprecher Rainer Kmeth, der den Job nach dem Abschied von Stefan Schneider in der Regel unaufgeregt versieht, bejubelte den Treffer mit den Worten: "Tor durch unser Kopfball-Ungeheuer!" Neudecker ist nur 1,74 Meter groß und trifft eher selten mit dem Schädel. "Steini hat mich angeschossen, da konnte ich gar nicht mehr ausweichen", sagte Neudecker bei Magenta Sport.

In dieser Phase spielten bereits elf Löwen gegen zehn Gäste, denn Daniel Mikic war in der 52. Minute vom Platz geflogen. Trotzdem dominierte Verl in den letzten 30 Minuten, und die hingebungsvoll, aber auch mal pfuscherhaft verteidigenden Löwen verschanzten sich in ihrer Ecke wie ein taumelnder Boxer, der den Schlussgong herbei sehnte. Einmal flog eine Taube durchs Stadion und der Gedanke drängte sich auf, den aggressiv angreifenden Gästen "Friede!" zuzurufen. "Die haben uns teilweise hergespielt, obwohl wir ein Mann mehr waren", sagte Neudecker.

Manchmal konterten die Löwen, und in der Schlussminute wäre beinahe das 4:2 gefallen, als Fabian Greilinger auf Mölders passte, doch der fast Unfehlbare schoss dieses eine Mal neben das Tor.

© SZ/lein/and
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