Kurt Kowarz lief über den Platz und umarmte ausgiebig jeden, der ihm über den Weg lief. Der Torwarttrainer des TSV 1860 München, der Benno Möhlmann nach dessen Operation als Chef vertrat, erlebte in Mainz seinen ganz persönlichen großen Moment. Seine Mannschaft hatte dem Erstrunden-2:0 gegen Hoffenheim tatsächlich ein 2:1 beim FSV Mainz 05 folgen lassen, durch Treffer der Stürmer Stefan Mugoša (70.) und Rubin Okotie (77.).
Zwölf Spiele gegen Zweitligakonkurrenten ohne Sieg, zwei Spiele gegen Erstligisten und zwei Siege - Platz 17 in der Liga, aber Achtelfinale im DFB-Pokal. Das ist nun die sehr eigentümliche Zwischenbilanz dieser Spielzeit beim TSV 1860. "Ich bin sehr, sehr glücklich", sagte Kowarz, "wir haben ein gutes Spiel abgeliefert, unsere Vorgaben sehr gut umgesetzt und im Endeffekt verdient gewonnen." Rund eine Million Euro aus Prämie und Eintrittsgeld nimmt der TSV 1860 nun zusätzlich ein.
Gleich auf fünf Positionen hatte Möhlmann die Startformation ändern lassen - einerseits wollte er wohl einigen Stammkräften vor dem enorm wichtigen Kellerduell gegen den MSV Duisburg eine Pause verschaffen, andererseits trieb ihn sicher die Hoffnung an, brauchbare Kräfte in der zweiten Reihe zu finden. Richard Neudecker kam zu seinem Profidebüt, allerdings auf ungewohnter Position: Er ersetzte Maxi Wittek als Linksverteidiger. Im Sturm spielte zunächst Mugoša statt Okotie, auf den offensiven Flügeln agierten Krisztián Simon und Daylon Claasen statt Marius Wolf und Korbinian Vollmann. Zudem stand, wie für den Pokal vereinbart, Stefan Ortega statt Vitus Eicher im Tor.
Zu Beginn sorgten die 1860-Fans mit einem bengalischen Feuer dafür, dass dem Klub eine weitere Strafe droht. Und schon nach fünf Minuten stand Kowarz wie versteinert da, er legte die Hand ans Kinn und starrte ins Leere: Kapitän Christopher Schindler hatte eine Freistoßflanke mit der Schulter ins eigene Tor gelenkt. In der 13. Minute wurde es nach einem weiteren Mainzer Freistoß erneut gefährlich für Sechzig, diesmal parierte Ortega; mehr Chancen hatte der nach der Führung eigentümlich passive, nur auf Konter lauernde Erstligist, der von den vergangenen fünf Ligaspielen vier verloren hatte, aber nicht zu bieten.
"Wir haben uns befreien können und aus einer guten Ordnung gespielt, das Spiel dann zumindest ausgeglichen gestalten können", stellte Kowarz fest. Weil auch die Löwen mal wieder rein gar nichts nach vorne zustande brachten, wurde es eine äußerst einschläfernde Partie - bis zur 44. Minute. Dann sorgte Harm Osmers dafür, dass alle wieder wach wurden. Eine Berührung des Mainzer Linksverteidigers Pierre Bengtsson an Simon wertete der Schiedsrichter als Notbremse, er zeigte die rote Karte - das war eine harte Interpretation der Szene.
In Überzahl starteten die Münchner also in den zweiten Durchgang - und etwas mutiger. Claasen setzte sich energisch durch, Mugoša stand nach seinem Pass allerdings knapp im Abseits (50.). Ansonsten gelang es den Münchnern auch in Überzahl nicht, für Torgelegenheiten zu sorgen. Die Mainzer blieben in Unterzahl selbstredend ihrer verhaltenen Spielweise treu, in der 67. Minute wechselte Trainer Martin Schmidt in Gonzalo Jara für Regisseur Yunus Malli einen zusätzlichen Abwehrspieler ein. Irgendwie würde man das 1:0 gegen die offensiv so harmlosen Zweitligakicker ja wohl über die Zeit schaukeln.
Klappte nicht: Kowarz brachte drei Minuten später in Rubin Okotie einen zweiten Angreifer und nahm dafür Zehner Michael Liendl vom Feld. Und nur Sekunden später erzielte Okoties Kollege Mugoša das 1:1 - nach einem groben Fehler von Niko Bungert. Der Mainzer Innenverteidiger verschätzte sich nach einem weiten Schlag von Daniel Adlung, Mugoša ging energisch dazwischen und ließ sich die Chance nicht nehmen. In der 77. Minute traf dann der eingewechselte Okotie. Neudecker setzte Claasen auf dem linken Flügel in Szene, dessen präzise Flanke versenkte der ungedeckte Okotie per Kopf zum 2:1 ins Tor.
Eine brenzlige Situation hatten die Münchner wenig später zu überstehen: Nach einem Aussetzer Neudeckers im eigenen Strafraum stieß Sertan Yegenoglu den Mainzer Stürmer Florian Niederlechner, doch Osmers sah kein elfmeterwürdiges Foul. Dann kam Wittek für Neudecker (83.), und erst in der Nachspielzeit wurde es noch einmal dramatisch: Erst klärte Gary Kagelmacher bei einem Schuss von Danny Latza auf der Linie, dann Wittek per Kopf ebenfalls auf der Linie.
"Ganz hinten raus ist der Sieg vielleicht ein bisschen glücklich gewesen", sagte Kowarz. Wenn sich das nach dem Spiel gegen Duisburg auch behaupten ließe, wäre die Freude wohl noch größer als in Mainz.

