Es scheint, als würden die Bewohner des 38 000-Einwohner-Städtchens Haugesund alles entweder ganz oder gar nicht machen. Harald I. zum Beispiel kam von dort, und er ließ sich die Haare erst dann kämmen (und wurde somit zu Harald Schönhaar), nachdem er Norwegen endlich komplett unterworfen hatte. Oder die Sängerin Hanne Krogh, die beim Eurovision Song Contest einmal Vorletzte (1971) und einmal Erste (1985) wurde. Der in Bayern zurzeit prominenteste Bürger dieser Hafenstadt mit den drei Möwen im Wappen ist Sigurd Haugen. Er scheint sich zwar regelmäßig um seine Haare zu kümmern, aber als Fußballer erlebt er immer wieder Berg- und Talfahrten. So war der Angreifer im Dienst des TSV 1860 München ein paarmal gar nicht zu sehen gewesen, zum Beispiel beim Auswärtsspiel gegen seinen früheren Klub, Hansa Rostock. Als zu jener Zeit bei Sechzig die Krise manifest wurde, schien er beim damaligen Trainer Patrick Glöckner in Ungnade gefallen zu sein.
Er hat schon einiges erlebt bei seiner bislang südlichsten Arbeitsstelle. Als Sechziger wurde Haugen (zu deutsch: Hügel) am vierten Spieltag erstmals zum Helden auf dem Giesinger Berg, als er in der Nachspielzeit eingewechselt wurde und Sechzig mit seinem 1:1-Ausgleichstor einen Punkt rettete. Am vergangenen Sonntag gelang ihm zwar auch nicht alles, aber eben doch zwei wichtige Tore beim „Neustart für uns alle“ (Haugen), dem 3:1-Erfolg über Spitzenreiter MSV Duisburg. Er bescherte damit seinem neuen Trainer Markus Kauczinski einen ungemein wichtigen Sieg. „Sigurd hat ein Megaspiel gemacht vorn“, sagte dieser nach dem Doppelpack des Norwegers, und erinnerte bei Magentasport daran, dass Haugen auch den Freistoß herausgeholt hatte, der über Umwege ins 1:0 mündete. Seine Mitspieler schätzen Haugens Schnelligkeit und seinen Humor: „Mein Knierutscher war ja wohl das Beste“, sagte er über seinen Torjubel nach dem 2:1, als er mit dem Knie ein riesiges Loch in den Rasen bohrte.
„Wir müssen uns wieder steigern, stabilisieren“, meinte er nach dem Spiel gegen Duisburg ganz humorlos. Er geht dabei voran. Bei seinem Abstaubertor zum 1:0 (41.) wie auch bei seinem Alleingang zum 2:1 (78.) legte er eine Gedankenschnelle an den Tag, die viele ein wenig öfter von Florian Niederlechner und vor allem Kevin Volland erwartet hatten – deren Genialität blitzte in den vergangenen Wochen aber meist nur in Momenten auf, die nichts einbrachten. Wobei Volland freilich eine schwere Unterschenkelverletzung zu überstehen hatte. Nach dem ersten Heimspiel der Saison gegen Osnabrück, bei dem Volland, Niederlechner und Haugen zum 3:1-Sieg getroffen hatten, hatte Haugen noch erklärt, es sei für ihn „eine Ehre“, mit diesen beiden bekannten Kickern zusammenspielen zu dürfen. Momentan dürfen die anderen beiden umgekehrt sehr froh sein, dass ihnen Haugen zurzeit so viele Punkte beschert.
Duisburgs Trainer Dietmar Hirsch meinte zwar noch, „wir wissen nicht ganz genau, warum“ seine Zebras verloren hatten. Kauczinski hatte eine Antwort: „Wir haben die Momente gehabt, die man nutzen muss, und wir haben sie genutzt.“ Haugen sticht deshalb nun auch mit seinen bislang fünf Saisontoren deutlich heraus. Geholt hatte ihn der damalige Geschäftsführer Christian Werner, um einen möglichst kompletten Kader präsentieren zu können. Zu einem Zeitpunkt, als viele dachten: Wieso denn jetzt noch ein Stürmer? Kauczinski lobte vor allem die kämpferische Leistung seiner Mannschaft, sie sei der Anfang für mehr, was immer da kommen mag beim Tabellenzwölften. Aber auch diesbezüglich wird er an dem lange rackernden, stets fleißig die Gegner anlaufenden Stürmer nicht vorbeikommen.
Nach zwei Leihen – an den NAC Breda und an Hansa Rostock – gab der dänische Erstligist Aarhus GF Haugen im Sommer an 1860 ab. Zehnmal hatte er für Rostock getroffen, auffällig ist, dass er oft sehr frühe oder sehr späte Tore macht. Breda hatte er 2024 mit vier Toren in den Playoffs mit in die erste niederländische Liga geschossen. Etwas Ähnliches würde er für die Sechziger sicherlich auch gerne tun. Noch wichtiger dürfte ihm aber mit 28 Jahren sein, bald selbst noch einmal höherklassig spielen zu können.

