1860 München gegen Erzgebirge Aue:Kampf und Krampf

Der TSV 1860 München gehöre zur "Crème de la Crème der Liga", ließ Peter Neururer zuletzt verlauten. Erzgebirge Aue zeigte sich in der Münchner Arena von solchen Worten aber nicht sonderlich beeindruckt. 1860 tat sich von Anfang an schwer gegen die Gäste und mühte sich am Ende nur zu einem 1:1.

Gerald Kleffmann

Zurzeit gibt es ja praktisch keine Gesprächsrunde, in der Peter Neururer nicht zu Gast ist, auf allen Kanälen fachsimpelt der Trainer a.D. über dies und das zum Thema Fußball, und es würde wahrscheinlich die wenigstens überraschen, wenn er demnächst bei einer Rede des Papstes auftauchen würde, um dort einen Kommentar einzubringen. Heilig sprechen kann er zumindest auch, wie die Sechziger gerade erfahren durften, denn in der AZ wurde Neururer mit dem wunderbaren Satz zitiert, der TSV 1860 gehöre zur absoluten "Crème de la Crème der Liga".

TSV 1860 München - FC Erzgebirge Aue

Punkteteilung: Benjamin Lauth kämpft mit Tobias Nickenig und Torhüter Martin Männel um den Ball.

(Foto: dpa)

Natürlich war das höflich übertrieben, noch ist ja sportlich nichts erreicht in dieser Saison in München, und vermögend ist dort höchstens einer von zwei Gesellschaftern, nämlich ein Herr aus dem Mittleren Osten, der sich praktisch nie blicken lässt. Aber in einem Punkt hat der Fußballguru schon recht: Die Löwen sind ein Faktor in der zweiten Liga geworden, aber freilich noch nicht so, wie sie sich das selber wünschen. Am Montagabend in der Partie gegen den FC Erzgebirge Aue mühten sich die Sechziger von Beginn an, am Ende reichte es nur zu einem 1:1 (0:0).

Es war ein durchschnittliches Zweitligagekicke, in dem die Löwen sichtlich bemüht waren, ihrer Favoritenrolle gerecht zu werden. Aue hatte saisonübergreifend die vergangenen sieben Auswärtsspiele verloren, bei den Münchnern kassierte der FC in den letzten sechs Duells 1:15 Toren und vier Niederlagen. Die Sechziger sind zudem gut in die Saison gestartet, was sollte da schiefgehen? Die ersten zwei, drei Angriffsaktionen sahen auch gleich strukturiert aus, aber bereits nach zehn Minuten deutete sich an: Nur ein Sparringspartner war Aue definitiv nicht, und bei 1860 machten sich einige Rochaden bemerkbar.

Christopher Schindler agierte neu als rechter Verteidiger, der Grieche Grigoris Makos kehrte nach seiner langen Verletzung ins defensive Mittelfeld zurück, und Maximilian Nicu vertrat überraschend Daniel Bierofka. Beide Teams hatten ihre Chancen, wie in der 13. Minute, als Kai Bülow einen Kopfball vergab - und im Gegenzug Erzgebirge seinerseits fast traf, durch Jakub Sylvestr; Torwart Gabor Kiraly zeigte sich hellwach. Benjamin Lauth schloss wiederum nur einen Moment später ein Solo mit einem Lupfer knapp über die Latte ab (15.).

Chaos in der Hintermannschaft von 1860

Auffallend war besonders die Abwehrschwäche der Münchner bei Standardsituationen. Als etwa Jan Hochscheidt eine unspektakuläre Freistoßflanke in den Strafraum zirkelte, herrschte gleich so etwas wie Chaos in der Hintermannschaft; Kiraly rettete abermals, nun vor René Klingbeil (18.). Den besten Eindruck hinterließ 1860 noch in der 35. Minute, als Schindler sich einmal rechts durchtankte, flankte und Moritz Stoppelkamp, bis dahin unauffällig wie ein Nachtschattengewächs, den Kopfball an die Latte setzte. Ansonsten durften die heimischen Fans ordentlich frieren an diesem kalten Abend in der Arena.

Für eine Mannschaft, die sich durch einen Sieg mit dem vierten Tabellenplatz belohnen konnte, war das insgesamt deutlich zu wenig, was 1860 bot. Krampf herrschte eher statt Kampf und Spielwitz. Nach der Pause musste daher eine Hommage an den früheren Bundespräsidenten Roman Herzog erfolgen - ein Ruck war vonnöten. Und tatsächlich, als Stoppelkamp diesmal flankte und Lauth per Fallrückzieher (nach einem Patzer von FC-Torwart Martin Männel) fast die Führung erzielte, wirkte das wie ein Zeichen.

Würde jetzt der Widerstand Aues gebrochen werden, würde der Tabellen-16. nun seine Defizite offenbaren? Mitnichten, Erzgebirge setzte sogar einen fiesen Nadelstich, der die 1860-Fankurve zum Verstummen brachte. Sylvestr nützte eine Lücke in der 1860-Abwehr, nahm ein Zuspiel Klingbeils auf, rannte einfach weiter und traf links unten ins Eck (51.). Kiraly, der Mann mit der Schlabberhose, war chancenlos - und mächtig sauer.

Löwen-Trainer Reiner Maurer reagierte kurz darauf. Makos, der bei weitem noch nicht das umsetzen konnte, was sich viele von dem Nationalspieler erhoffen, musste für Bierofka vom Platz, der ewige Kämpfer sollte es richten. Viel mehr Möglichkeiten erspielten sich die Löwen zwar nicht sofort, dafür wurde die Partie hitziger. Aues Thomas Nickenig etwa erhielt Gelb, weil der Schiedsrichter nach einem vermeintlichen Foul an Nicu Freistoß gab.

1860 baute zunehmend mehr Druck auf, Erzgebirge konterte jetzt kaum noch, doch verteidigte leidenschaftlich. Maurer reagierte erneut, Ismael Blanco kam für den blassen Nicu. Und dann wurde der TSV belohnt. Guillermo Vallori, der emsige Innenverteidiger, nahm eine Flanke aus kurzer Distanz auf und drückte den Ball über die Linie zum 1:1 (66.). In der Schlussphase versuchte 1860 einiges, doch es blieb beim Remis.

© SZ vom 23.10.2012/jasch
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