Der TSV 1860 München könnte es ja wenigstens versuchen. Es ist zwar eher nicht davon auszugehen, dass der Drittligist damit durchkommen würde, aber noch wäre Zeit, um das 2:3 (1:1) gegen Dynamo Dresden vor dem Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes anzufechten. Allzu große Hoffnungen sollten sich die Löwen nicht machen, doch ein bisschen ungerecht konnten sie es ja schon finden, dass sie am Samstagnachmittag bei ihrem fünften Saisonspiel zum vierten Mal verloren hatten.
Und wenn der Fall, wer weiß, zufällig bei jemandem auf dem Schreibtisch landet, der ein Herz für Löwen hat, dann könnte es vielleicht unter Umständen möglicherweise – nein, das wird wahrscheinlich eher nicht passieren. Es wäre zwar ein feiner Zug, wenn das Sportgericht den hingebungsvollen Kampf wertschätzen würde, den Sechzig den Dresdenern geliefert hatte, aber nach Lage der Dinge werden die Münchner nicht mal einen halben Punkt dafür bekommen.
Das 2:3 hat Bestand, es geht als Niederlage in die Bücher ein, doch auf irgendwie seltsame Art und Weise war es keine dieser Niederlagen, wie sie Sechzig in seiner Vergangenheit schon oft erlebt hat. Das Ergebnis war zwar eindeutig, es ließ keine zwei Meinungen zu: Sechzig hatte verloren – aber in gewisser Hinsicht war es doch ein Unentschieden, jedenfalls im Kopf der Leute, dort also, wo sonst hin und wieder der Entschluss reift, die Mannschaft auszupfeifen. Sollte man das jetzt wieder tun? Drei Punkte nach fünf Spielen sind, einerseits, die Bilanz eines Absteigers. Andererseits: Konnte man es in diesem Moment wirklich bringen, die Spieler zu schmähen? Dieses Mal hatte die Mannschaft ja derart leidenschaftlich gekämpft, dass man ihr nicht absprechen konnte, alles unternommen zu haben, um zumindest einen Punkt zu holen.
Am Ende aber trennte sich nicht Sechzig unentschieden von Dresden, sondern Sechzigs Anhang von seiner Mannschaft. Das 2:3 hatte bei den Fans ein ganz schönes Chaos angerichtet, denn die üblichen Reflexe auf Giesings Höhen – Pfeifen, Buhrufe – schienen irgendwie unangebracht an diesem merkwürdigen Nachmittag. Auf der einen Seite war ja alles wie immer, weil Sechzig verlor. Auf der anderen Seite war nichts wie immer, weil die Fans oben auf den Tribünen selbst diese Energie gespürt hatten, die unten auf dem Feld von der Mannschaft ausgegangen war.
1860-Profi Guttau findet klare Worte: „Wir stehen wieder mit einer Niederlage da. Das kotzt mich einfach nur an“
Zumindest ein bisschen hat sich der TSV mit seinem Anhang also versöhnt, trotzdem blieb Trainer Argirios Giannikis nach dem Spiel nichts anderes übrig, als vom nächsten „Rückschlag“ zu sprechen. Dieses Mal musste er zwar nicht befürchten, dass das Offensivspiel seiner Mannschaft wegen Geringfügigkeit eingestellt wird, aber dafür wankte die Defensive so bedenklich, dass schon alleine deshalb niemand beim Sportgericht Mitleid mit den Löwen haben wird.
„Wir stehen wieder mit einer Niederlage da. Das kotzt mich einfach nur an“, sagte Mittelfeldspieler Julian Guttau, der mit seinem Anschlusstreffer 20 Minuten vor dem Ende einen Ruck durchs Grünwalder Stadion gehen ließ. Zur Wahrheit gehörte aber auch, dass Sechzig bis dahin schon wieder enttäuscht hatte. „Wenn man ehrlich ist“, sagte Guttau, „kannst du in der Liga kein Spiel gewinnen, wenn wir uns selber solche Eier hinten reinlegen.“
Den Dresdener Toren waren derart eklatante Ballverluste vorausgegangen, dass Dynamo gar nicht anders konnte, als nach einer halben Stunde in Führung zu gehen und sich nach dem Ausgleich durch Tunay Deniz auf 3:1 abzusetzen. „Dass wir am Ende so zurückkommen, zeigt auch ein bisschen den Charakter der Mannschaft – aber einfach zu spät“, klagte Guttau.
Wäre ein Kopfball des eingewechselten Soichiro Kozuki in der Nachspielzeit nicht auf der Linie geklärt worden, ließe sich jetzt eine Geschichte von großer Moral erzählen, in der der Debütant eine Hauptrolle gespielt hätte. Kozuki blieb aber ebenso glücklos wie Patrick Hobsch, der kurz vor Schluss den Pfosten getroffen hatte. Und so drängt sich nun doch eine Frage auf, die nach nur fünf Spieltagen vor dem Hintergrund von vier Niederlagen und elf Gegentoren unvermeidbar ist: Entwickelt sich diese Mannschaft eigentlich? Kommt sie unter Giannikis voran?
Dass die Löwen zu einer mitreißenden Schlussoffensive fähig sind, darf zwar als gutes Zeichen gelten, doch der Sturm und Drang des Heimteams hatte auch mit den Dresdnern zu tun, die sich nach dem 3:1 plötzlich zurücklehnten. Bis dahin hatte Dynamo jene Unaufgeregtheit in seinem Spiel, die nur guten Mannschaften zu eigen ist. Während man bis zur Schlussphase bei den Gästen zu jeder Zeit das Gefühl hatte, dass sie noch zulegen könnten, wenn es denn darauf ankommen sollte, beschlich einen bei Sechzig ein anderer Eindruck. Sie wirkten lange angestrengt und hatten nicht diese Ruhe, diese Sicherheit und diese Selbstgewissheit in ihrem Spiel, die Dresden auszeichnete. Der lange ernüchternde Auftritt reihte sich nahtlos in die vorherige Trostlosigkeit ein, erst am Ende, als die Mannschaft über Emotionen nochmal zurückkam, war ihr ernsthaft was zuzutrauen.
Da erhoben sich auch die Fans auf der Haupttribüne, obwohl Sechzig zurücklag. Es war ein Moment, der dazu anregte, einen Gedanken an die Beziehung zwischen diesem Klub und seinem Anhang zu verlieren. Die Löwen verstehen sich ja selbst als Münchens große Liebe, und in der Liebe muss man auch Krisen zusammen durchstehen. So wie in diesen Tagen. Mag sein, dass die Liebe momentan erkaltet ist – dahin ist sie allerdings nicht.

