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1860 München:Blauer Faden

3 Liga TSV 1860 München Vfb Lübeck Luebeck  Saison 2020/21

Erfrischungselement im offensiven Löwen-Spiel: Zugang Richard Neudecker (rechts) wird zum schönsten Treffer des Tages von Routinier Sascha Mölders beglückwünscht.

(Foto: Stefan Matzke/Sampics)

Sechzig gewinnt 4:1 gegen Lübeck und schiebt sich an die Spitze. Trainer Michael Köllner lobt, sein Team sei mittlerweile "mental gut auf der Höhe".

Von Christian Bernhard

Der Passauer Marius Willsch ist ein vielfältiger Fußballspieler, auf den Außenbahnen kann der 29-jährige Profi des TSV 1860 München so gut wie alle Positionen besetzen. Ursprünglich war Willsch mal ein Offensivspieler, ehe er vor etwa einem Jahr zum Rechtsverteidiger umfunktioniert wurde. Mittlerweile, sagt er, "bin ich ein Abwehrspieler". Eines ist Willsch bei all seiner Flexibilität aber mit Sicherheit nicht: ein regelmäßiger Torschütze in der dritten Liga. Fast acht Jahre lang hatte der 29-Jährige nicht mehr in dieser Liga getroffen; im November 2012, war ihm das letztmalig für die SpVgg Unterhaching gelungen. Seine heutigen Teamkollegen Erik Tallig und Fabian Greilinger waren damals zwölf Jahre jung - und die Löwen spielten da noch mit Benjamin Lauth und Gabor Kiraly in Liga zwei.

Auf die Frage, ob er sich an jenen Treffer noch erinnern könne, antwortete Willsch am Samstag bei Magenta Sport: "Eigentlich nicht mehr." Er grinste dabei, denn er hatte kurz zuvor nicht nur wieder mal getroffen, sondern mit mehreren, unterschiedlichen Aktionen großen Anteil am 4:1-Heimsieg des TSV gegen den VfB Lübeck. Durch diesen kletterten die Löwen am 49. Geburtstag ihres Geschäftsführers Günther Gorenzel sogar auf Platz eins. Stolz sei er auf die Tabellenführung nicht, sagte Trainer Michael Köllner, das sei der falsche Ausdruck. "Zufrieden" aber allemal: "Das wünscht man sich, wenn man eine Mannschaft zusammenstellt." Investor Hasan Ismaik gab sich euphorischer. "An den Blick auf die Tabelle könnte ich mich gewöhnen", teilte er via Facebook mit.

Nach einem hohen Sieg sah es zu Beginn nicht aus. Die Löwen taten sich in der Anfangsphase schwer und mussten sich erst auf die taktisch leicht veränderten Lübecker, die erstmals in ihrer 101-jährigen Vereinsgeschichte im Grünwalder Stadion antraten, einstellen. "Es ist immer kompliziert, gegen eine Dreier-Abwehrkette zu spielen", erklärte Köllner die Probleme seines Teams. Es musste kurzfristig, auf Anordnung der Stadt München, aufgrund der aktuellen Corona-Lage auf die Unterstützung der angedachten 1500 Zuschauer verzichten. Weil sie im Landkreis München angesiedelt ist, wo die Fallzahlen niedriger sind, durfte die sieben Kilometer entfernte SpVgg Unterhaching zu ihrem Heimspiel am Sonntag gegen Meppen hingegen Publikum begrüßen. Sie gewann vor 1128 Fans 2:1 und schob sich in der Tabelle hinter die Sechziger auf den zweiten Rang.

Die Lübecker umgingen das Pressing der Löwen zunächst mit schnellen und platzierten, von hinten herausgespielten Bällen in die Tiefe. Und sie gingen in der 7. Minute in Führung, als Patrick Hobsch, der Sohn des ehemaligen Löwenstürmers Bernd Hobsch, TSV-Torhüter Marco Hiller nach einem Steilpass tunnelte. 20 Minuten lang hatten die Münchner mit dem VfB gehörige Probleme. Doch einmal mehr bewies der TSV, dass er sich momentan von Rückschlägen innerhalb einer Partie nicht aus der Bahn werfen lässt. "Gegentore machen uns nicht aus", sagte Köllner, "die werfen uns nicht um." Seine Mannschaft sei mittlerweile "mental gut auf der Höhe" und habe trotz des 0:1 "den blauen Spielfaden beibehalten" - von einem roten Faden, das weiß Köllner, sollte man in Giesing ja besser nicht sprechen. Willsch mit einem abgefälschten Schuss aus neun Metern nach einer Flanke von Phillip Steinhart (29.) und 1860-Kapitän Sascha Mölders in der 36. Minute mit einem feinen Heber über den ehemaligen FC-Bayern-II-Torhüter Lukas Raeder drehten die Partie noch vor der Pause zugunsten der Löwen. Köllner gefiel, dass "mehr Zug und Dampf" im Spiel seines Teams war.

Mitentscheidend für den deutlichen Sieg war zu Beginn der zweiten Hälfte eine Defensivaktion von Willsch, für die er nach Spielende von seinem Teamkameraden Dennis Erdmann noch vor der Gratulation für sein Tor beglückwünscht wurde. Zurecht, denn diese war genauso viel wert wie ein Treffer. Beim Stand von 2:1 klärte Willsch erst auf der Linie und warf sich dann wagemutig in den Nachschuss aus wenigen Metern, wodurch der Ball von seinem Bein über die Querlatte ging (51.). In seiner neuen Rolle als Abwehrspieler seien solche Aktionen "fast noch schöner und wichtiger", erzählte er.

Das erfrischendste Element im offensiven Löwen-Spiel war Richard Neudecker. Der Rückkehrer hatte vor Willschs Tor seine Beine im Spiel, erzielte per Hacke - auf Vorlage von Willsch - das schönste Tor des Tages zum 3:1 (62.) und sprühte vor Spielfreude und Dynamik. "In der zweiten Halbzeit hat man gesehen, was wir können", sagte der 23-Jährige, der erst Anfang September vom VVV-Venlo zu den Löwen zurückgekommen war. Stefan Lex vollendete eine unfreiwillige Vorlage von Lübecks früherem Bundesligaspieler Mirko Boland nur vier Minuten später zum 4:1-Endstand.

Nach zwei freien Tagen steigen die Löwen am Dienstag wieder ins Training ein, um sich auf das Auswärtsspiel bei Hansa Rostock am Samstag (14 Uhr) vorzubereiten. Laut Neudecker wartet dort eine sehr schwere Aufgabe auf die Münchner, für ihn ist Hansa "eine absolute Maschine". Als solche bezeichnet Köllner seine Mannschaft noch nicht. Er habe gegen Lübeck "schon viele Schwächen in unserem Spiel" gesehen. "Unbesiegbar", betonte er und lachte, "sind wir jedenfalls nicht."

© SZ vom 12.10.2020

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