Süddeutsche Zeitung

1860 München:Auf der Suche nach Verhältnismäßigkeit

Der TSV 1860 fühlt sich beim 1:2 in Braunschweig vom Schiedsrichter benachteiligt.

Dennis Erdmann brüllte und gestikulierte durch die Gegend, Efkan Bekiroglu saß zusammengesackt da und hielt sich die Hände vor das Gesicht, und Sascha Mölders gab ein Interview, in dem er wütend erklärte, weshalb die Kollegen wahlweise brüllten oder zusammensackten. "Das ist ungut, was heute hier passiert ist. Ungut!", rief der Stürmer des Fußball-Drittligisten TSV 1860 München nach dem 1:2 (1:1) bei Eintracht Braunschweig, und damit meinte er die Entscheidungen des Schiedsrichters Martin Thomsen. Zum Beispiel eine Szene nach Mölders' frühem Führungstreffer per Kopf (4.): "Nach dem 1:0 laufe ich von der Mittellinie alleine aufs Tor. Das kann niemals Abseits sein." Hätte er da zum 2:0 treffen dürfen, hätte Sechzig "niemals im Leben" verloren, meinte er.

Auch 1860-Trainer Daniel Bierofka fand Thomsens Wirken überaus ungut. Die gelb-rote Karte gegen Kapitän Felix Weber in der 51. Minute war eine harte Entscheidung gewesen. "Es ist das zweite Foul im Mittelfeld von meinem Innenverteidiger", meinte Bierofka bei Magenta Sport, "er geht zum Ball und sieht nicht, dass der Gegenspieler von hinten kommt. Den kann ich nicht runter stellen." Zumal sich Braunschweigs Innenverteidiger Steffen Nkansah in der ersten Hälfte ein wesentlich brutaleres Vorgehen gegen Mölders erlaubt hatte. "Er bekommt nichts. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Das ist nicht nachzuvollziehen", klagte Bierofka. Auch Mölders meinte: "Die Szene in der ersten Halbzeit, wo er mir in den Fuß rein springt, war eine härtere Szene als die, wo er die gelb-rote Karte kriegt. Bei aller Liebe, das war nicht mal halb so schlimm."

Insgesamt verteilte Thomsen zehn gelbe Karten. Das klingt, als hätten sich die beiden Mannschaften nach den Vorkommnissen des vergangenen Aufeinandertreffens (inklusive Spuckattacke und angeblicher rassistischer Beleidigungen) diesmal so richtig malträtiert. Bierofka sah das allerdings überhaupt nicht so: "Es war jetzt nicht so extrem, dass man da so viele gelbe Karten verteilen hätte müssen", fand der Trainer der Löwen.

Insgesamt betrachtete Bierofka es als "Wahnsinn, dass wir das Spiel verlieren" - und das hatte nicht nur mit der Leistung des Schiedsrichters zu tun, sondern auch mit der eigenen. Seine mutmaßlich gegen den Abstieg spielende Mannschaft hatte beim Aufstiegsfavoriten eine gänzlich überzeugende erste halbe Stunde hingelegt - mit den Talenten Fabian Greilinger und Dennis Dressel in der Startformation und Timo Gebhart auf der Bank. "In der ersten Halbzeit haben wir sehr gut gespielt, sind ballsicher gewesen und haben gute Momente nach vorne gehabt", sagte der Trainer, "besser spielen können wir eigentlich nicht."

Blöd nur, dass die Löwen es verpassten, einen zweiten Treffer nachzulegen, und dass die Braunschweiger kurz vor der Pause mit ihrer ersten Chance noch ausglichen: 1860-Torhüter Hendrik Bonmann parierte einen Schuss von Manuel Schwenk, doch den Abpraller nutzte Martin Kobylanski. Nach dem schnellen Platzverweis für Weber nahm das Spiel in der zweiten Hälfte dann einen anderen Verlauf; mit dem als Ersatz für Weber gekommenen Aaron Berzel sahen sich die Münchner zunehmend in der Defensive und mussten durch einen Kopfball von Benjamin Kessel nach einem Eckstoß das 1:2 hinnehmen (62.). Danach kam noch Regisseur Timo Gebhart ins Spiel (71.), aber auch nach seiner Einwechslung vermochten die Münchner nichts mehr auszurichten. Stattdessen lenkte 1860-Keeper Bonmann einen Schuss des eingewechselten Leandro Putaro noch an den Außenposten (86.).

Nun steht der TSV 1860 nach zwei Spielen mit jeweils einer starken Hälfte mit nur einem Zähler da; am Mittwoch (19 Uhr) kommt der FSV Zwickau nach Giesing, der nach seinem sonntäglichen 0:0 gegen den Zweitliga-Absteiger 1. FC Magdeburg bereits vier Punkte gesammelt hat. Wie der wütende Mölders erkannte, handelt es sich bereits um "ein brutal wichtiges Spiel". Felix Weber wird dann nicht dabei sein, das ist die schlechte Nachricht für die Münchner. Aber Martin Thomsen auch nicht.

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Quelle:
SZ vom 29.07.2019
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