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TSV 1860 München:Annäherungsversuche von Ismaik

Hasan Ismaik

Bietet Hilfe an: Hasan Ismaik

(Foto: Andreas Gebert/dpa)
  • Beim Drittligisten TSV 1860 steht Kurzarbeit für die Kicker bevor.
  • Investor Ismaik erkennt die Chance, wieder wichtiger zu werden, und bietet Hilfe an.
  • Auch Sportchef Gorenzel fordert die "Einbeziehung aller Kräfte"

Ein bisschen sind sie tatsächlich zusammengerückt beim TSV 1860 München, selbst in diesen ansteckenden Zeiten, in denen sich ein rundum unangenehmes Virus verbreitet. Ja, sie haben sogar eine Task-Force Coronavirus gegründet, in der außer der Geschäftsführung noch Vertreter beider Gesellschafter vertreten sind. Und wie bei vielen Fußball-Drittligisten steht nun auch an der Grünwalder Straße Kurzarbeit an. Diese sei "eine der Lösungen, die wir gerade diskutieren", sagt Sport-Geschäftsführer Günther Gorenzel. "Wir haben ein tragfähiges Modell entwickelt, mit dem wir - wenn alle mithelfen - den Fortbestand von 1860 München sichern können." Von der Kurzarbeit würde "niemand ausgenommen", erklärte Gorenzel auf coronafreie schriftliche Anfrage - also auch nicht die Profifußballer: "Ich habe vom wichtigsten Spiel unserer Laufbahn gesprochen. Dieses Spiel findet leider nicht am grünen Rasen statt und ist eigentlich auch kein Spiel. Alle Beteiligten sollten sich im Sinne von 1860 solidarisch zeigen." Dazu war und ist offenkundig einige Überzeugungsarbeit nötig.

Der TSV 1860 könne dazu "niemanden zwingen", sondern "nur an die Vernunft und an die Solidarität des Einzelnen appellieren", erklärte Gorenzel. Es gebe "bei uns ja keinen Tarifvertrag wie bei großen Konzernen". Und eben auch keinen Betriebsrat für die Fußballer, der sich in ihrem Namen sofort für Kurzarbeit hätte aussprechen können. 1860 wolle "den besten Kompromiss anbieten, um einerseits das Überleben des Vereins zu sichern und andererseits die Einschnitte so gering wie möglich für den Einzelnen zu halten", erklärte Gorenzel. Geplant ist, das staatliche Kurzarbeitergeld von 60 bzw. 67 Prozent so weit aufzustocken, dass jeder zumindest noch 80 Prozent seines Grundgehalts bezieht. Kurzarbeit ist selbst dann möglich, wenn - wie zuletzt beim Ligakonkurrenten Waldhof Mannheim - einzelne Akteure sie ablehnen; gewünscht ist aber eine einheitliche Regelung für alle, um die Mannschaft nicht zu spalten. Sie muss ja in einer hoffentlich nicht allzu fernen Post-Corona-Zeit wieder als Einheit Fußball spielen.

Die Planung für die kommende Saison, wie sie zu dieser Jahreszeit üblich wäre, hat Gorenzel in seinem Home-Office auf Eis gelegt - Gespräche über Vertragsverlängerungen oder mit potenziellen Zugängen seien "ein nachgelagertes Thema", meinte er: "Aktuell ist ja noch nicht einmal absehbar, wie lange wir noch pausieren müssen. Momentan liegt unser ganzer Fokus darauf, diese Saison mit dem geringsten finanziellen Schaden für 1860 zu Ende zu bringen." Die Auswirkungen der Coronavirus-Krise auf den Transfermarkt im Sommer seien zudem noch völlig offen.

Gorenzel hofft, "nachdem die erste Ankündigung für finanzielle Hilfen verpufft ist, dass auch der DFB Lösungen gerade für die dritte Liga anbietet". Der Fußball in Deutschland, "in der Form in der wir ihn alle lieben und schätzen", habe "nur dann eine Chance auf Fortbestand, wenn nicht stetig Zuständigkeiten weitergeschoben werden und jeder in seinem Verantwortungsbereich konkrete Lösungen anbietet. Gerade die Rolle der dritten Liga als Ausbildungsliga für viele Talente sollte dabei nicht unterschätzt werden."

Hauptgesellschafter Hasan Ismaik bekräftigte auf Facebook, "dass ich bereit bin, meinen Beitrag zu leisten. Dazu stehe ich." Sollte er mit Beitrag einen Betrag gemeint haben, den er gewillt wäre zu überweisen, so gelten bei 1860 in Zeiten von Corona leicht andere Bedingungen als vorher. Nicht auszuschließen ist beispielsweise, dass der Deutsche Fußball-Bund seine Vorschrift vorübergehend aufweicht, dass Fußballklubs ihre Eigenkapitalquote nicht verschlechtern dürfen. In diesem Fall könnte 1860 sogar ein Rettungs-Darlehen von Ismaik annehmen wie in den guten alten Geldverbrennungszeiten. Denkbar auch, er bietet ein Darlehen an und wandelt es unmittelbar in Genussscheine.

Nicht geändert haben sich in Coronazeiten die Regeln, wie man am Verhandlungstisch clever argumentiert. Dass Ismaik in der Sport-Bild versicherte, eine Insolvenz der Fußballfirma sei auszuschließen, erschwert in jedem Fall die Verhandlungsposition der Geschäftsführung gegenüber Sponsoren, die wegen der ausgefallenen Partien auf Rückzahlung von Geldern pochen werden. Oder gegenüber Dauerkartenbesitzern beim Appell, kein Geld zurückzufordern. Denn wenn eine Insolvenz selbst in diesen ungewissen wirtschaftlichen Zeiten bei 1860 auszuschließen ist, dann kann die Not ja nicht allzu riesig sein.

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Gorenzel sagt, er erwarte "Lösungen unter Einbeziehung aller Kräfte" - was ja auch heißt: unter Einbeziehung Ismaiks. "Ich bin mir jedoch sicher, dass sich alle Beteiligten dieser großen Verantwortung bewusst sind." Ismaik dürfte daher eine Chance erkennen, wieder mehr Einfluss bei 1860 zu bekommen. "Jetzt ist nicht die Zeit für politische Grabenkämpfe, jetzt schlägt die Stunde der Löwenfamilie. Lasst uns zusammenstehen", schrieb er. Bei einer seit über einem Jahr diskutierten Form des Zusammenkommens, einer Kapitalerhöhung in der Fußballfirma, sind die Gesellschafter dem Vernehmen nach in ihren Verhandlungen noch nicht entscheidend weitergekommen. Sie verhandeln noch immer über die Ausformulierung einer Absichtserklärung ohne bindende Wirkung.

Gorenzel beschäftigt sich indes auch mit der Frage, wie die Saison noch zu Ende gespielt werden kann. "Ein Abbruch ist für 1860 keine Option. Wir müssen zu einem Modus kommen, wie die Meisterschaft zu Ende gespielt werden kann", sagt er. "Egal ob mit stetigen Englischen Wochen oder auch in Turnierform. Mit etwas gutem Willen ist das sicherlich umsetzbar." Denn "bei einem Abbruch der Meisterschaft wäre für uns - neben dem Verlust einer möglicherweise historischen Aufstiegschance - auch der wirtschaftliche Schaden am größten".

© SZ vom 27.03.2020/sonn

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