147. Deutsches Derby:Die Folgen des Regens

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Hamburg - Derby-Woche 2016

Sieg mit langem Nachspiel: Dario Vargiu (M.) auf Hengst Isfahan nach dem Deutschen Derby 2016.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Isfahan aus dem Quartier von Trainer Andreas Wöhler gewinnt das traditionsreiche Rennen in Hamburg. Favorit Boscaccio scheitert am tiefen Geläuf.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Die Entscheidung war gefallen, aber wer das 147. Deutsche Derby gewonnen hatte, wusste zunächst trotzdem keiner. Mit angemessener Aufregung hatte der Stadionsprecher das Finish auf der Galopprennbahn von Hamburg-Horn kommentiert, aber jetzt, da die Hengste angekommen waren, konnte er auch nicht sagen, wer der Sieger war nach dem Finale mit drei Pferden auf engem Raum. Das Zielfoto musste die Auflösung bringen. Die 18 000 Zuschauer warteten gespannt. Und wenige Augenblicke später brachen jene von ihnen in Jubel aus, die auf Isfahan mit Jockey Dario Vargiu gewettet hatten. Der Hengst vom Team Darius Racing, das die Eheleute Shahpar und Stefan Oschmann betreiben, gewann das wichtigste Rennen für dreijährige Vollblutpferde und die Siegprämie von 390 000 Euro vor Savoir Vivre und Dschingis Secret. Es war der vierte Derby-Sieg für den erfahrenen Trainer Andreas Wöhler und eine beträchtliche Überraschung, denn als Favorit hatte vor dem Rennen ein ganz anderes Pferd gegolten.

Es regnete nicht zum Abschluss der Derby-Woche am Sonntag. Schon dieser Umstand hatte Nachrichtenwert, denn der Regen war in den Tagen zuvor sehr gegenwärtig gewesen. Immer wieder ging er nieder über der versammelten Pferdsportgesellschaft, trieb Zuschauer unter die Dachvorsprünge der Wettbuden, beeinträchtigte manche Rennpferde, weil sie mit der tiefen Bahn nicht zurecht kamen. Und am Freitag schwemmte der Regen sogar den gesamten Renntag weg: Absage, nichts zu machen. "Das Geläuf ist nicht praktikabel", sagte Eugen-Andreas Wahler, der Präsident des Hamburger Renn-Clubs, im gewählten Ton des Galoppsport-Adels. In Wirklichkeit hätte er wahrscheinlich gerne vernehmliche Flüche ausgestoßen. Es war der erste Komplettausfall eines Renntags beim Derby seit 2007 und ein ziemlicher Schlag fürs Wettgeschäft, das bis dahin ohnehin nicht gut gelaufen war.

Am Sonntag blieb es endlich trocken bei Wind, Wolken und Schwüle. Die Biertische vor dem Pressezelt waren gedeckt. An der Rennbahn hatten Zuschauer ihre Campingstühle aufgestellt. Die Damen konnten ihre ehrgeizigen Hutprojekte spazieren führen, ohne Angst haben zu müssen, dass der nächste Wolkenbruch sie ruinierte. Es herrschte insgesamt eine aufgeräumte, sommerliche Stimmung rund um die Horner Rennbahn, die sich die Besucher auch nicht dadurch kaputt machen ließen, dass die Jugend- und Aktionsgruppe des Hamburger Tierschutzvereins vor dem Eingang mit Plakaten und Flyern gegen den Pferderennsport demonstrierte.

Aber auch wenn der Regen sich verzogen hatte: Das Geläuf war auch am Derby-Tag noch tief. Und am Ende musste man feststellen, dass dieser Umstand die Vergabe des Blauen Bandes entscheidend beeinflusst hatte. Denn Boscaccio, der 29:10-Favorit, kam nicht richtig voran auf dem aufgeweichten Turf. Sein junger Jockey Dennis Schiergen, 21, musste sich im Sattel fühlen, als galoppiere er durchs Watt. Boscaccio konnte sich nicht richtig abdrücken, er kam nicht wie gewohnt auf Tempo, und so versanken alle Prognosen im Morast.

Es hatte vor dem Derby fast schon so etwas wie einen Hype um Boscaccio gegeben. Der Mount Nelson-Sohn hatte Fakten geschaffen vor dem prestigeträchtigen Termin: vier Siege in vier Rennen bei unterschiedlichen Bedingungen. In zahlreichen Interviews stellten die Verantwortlichen das Talent des Hengstes aus dem Langenhaner Quartier von Trainer Christian Sprengel heraus. Sprengel selbst lobte Boscaccio in der Fach-Zeitung Sport-Welt als "freundlich, ruhig, relaxt": "Man könnte sich das nicht besser wünschen." Sein Mehrheitseigner Rainer Hupe antwortete auf die Frage, ob er Zweifel habe, dass Boscaccio Probleme mit der Derby-Distanz von 2400 Metern haben könnte: "Nein, nicht im Geringsten."

Und nun? Platz acht. Traurig verließ Dennis Schiergen die Bahn. Hupe tröstete ihn und nahm ihm die Aufgabe ab, der Presse das Scheitern zu erklären: "Dennis hat gesagt, mit dem Boden ging das einfach nicht." Hupe fand das okay. "Keine Enttäuschung, wirklich nicht", sagte er, "das Wichtigste ist, dass Boscaccio gesund ist." Gegen das Werk des Wetters kommt eben keiner an, und der stolze Gewinner-Trainer bestätigte, dass der seifige Grund ein Faktor war bei diesem Derby, bei dem der Sieger erst auf den zweiten Blick zu erkennen war. Isfahan brauche nicht dringend tiefen Boden, sagte Andreas Wöhler, aber: "Wenn das Geläuf so ein bisschen nachgibt, ist das sehr hilfreich."

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