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1. FSV Mainz 05:Investition ins Nichts

Robin Zentner (Mainz) kommt zu spaet: Der Ball springt knapp hinter die Mainzer Torlinie zum 1:0 fuer Leverkusen FSV Ma

Knapp, aber deutlich drin: Mainz’ Torwart Robin Zentner versucht vergeblich, den Ball vor dem Überschreiten der Torlinie zu stoppen.

(Foto: Eibner/imago images)

Viertes Spiel, vierte Niederlage: Dennoch sieht der neue Mainzer Trainer Jan-Moritz Lichte bei der 0:1-Niederlage gegen Bayer Leverkusen schon erste Fortschritte - und legt sich dafür auch in Ruhe mit den Zuschauern an.

Von Frank Hellmann, Mainz

Torwart Robin Zentner brüllte kurz vor Spielende: "Männer, wir kriegen noch unsere Chance!" Es lief die Nachspielzeit, der Torwart des FSV Mainz 05 witterte die letzte Möglichkeit, die vierte Niederlage im vierten Ligaspiel noch abzuwenden. Dummerweise ertönte Sekunden danach der Schlusspfiff, weshalb sich der Schlussmann flugs zu Schiedsrichter Bastian Dankert begab, um seine Beschwerde über eine zu kurze Nachspielzeit anzubringen. Die 0:1 (0:1)-Heimniederlage gegen Bayer Leverkusen vergrößert nicht nur die Sorgen in Mainz, sondern steigert auch den Redebedarf. Unter den ohnehin nur 250 zugelassenen Zuschauern beschwerten sich offenbar zwei Anhänger aus der Gruppierung "Mainzer Metzger" über die defensive Spielweise, weshalb Trainer Jan-Moritz Lichte den direkten Dialog vor der Gegentribüne wählte. Seine Handbewegungen verrieten hohen Erregungsgrad. Lichte, 40, sprach später von "Meinungsverschiedenheiten" bei der Frage, ob sich die Mainzer echte Torgelegenheiten herausgearbeitet hätten. "Ich habe ihnen gesagt, dass wir es nur gemeinsam schaffen. Es gab keine Beleidigungen, aber ich hatte das Gefühl, wir müssen darüber sprechen." Die restlichen Fans spendeten ohnehin artig Applaus, weil es ihnen reichte, wie die Nullfünfer mit einfachen Mitteln einen fußballerisch besseren Gegner auf ihr Niveau runterzogen. "Wir haben sehr, sehr viel investiert", sagte Lichte, "an den Daten sieht man, dass auch Leverkusen sehr viel investieren musste, um das Spiel zu gewinnen." Im Grunde entschied eine einzige Unaufmerksamkeit die Partie für die Gäste: Lucas Alario stand frei und durfte zum 1:0 einnicken (30.). "Dieser eine Standard ärgert uns maßlos", sagte Sportvorstand Rouven Schröder, "die Mannschaft hat gemeinschaftlich den Willen gehabt, jedem Ball nachzujagen. Es war wichtig, weil wir da in der Vergangenheit unsere Defizite hatten." Wichtig sei es, mit Blick auf das nächste Heimspiel gegen Mönchengladbach den Glauben zu behalten: "Das war ein erster Schritt, der hoffentlich bald mit Punkten belohnt wird."

Lichte hatte bei seinem Heimdebüt als Cheftrainer - anders als bei der vergeigten Premiere bei Union Berlin (0:4) - immerhin seine Handschrift durchgebracht. Torsicherung war erste Bürgerpflicht, Mainz arbeitete in zwei verzahnten Viererketten gegen den Ball. "Das muss auch die nächsten Wochen die Basis sein", erklärte Lichte, "wir können nicht immer drei, vier Gegentore kriegen." Man sei schon nah dran gewesen, bei nur einem Gegentreffer vielleicht ein glückliches Remis zu ergattern. Und dann tischte der Trainer noch eine gewagte These auf: "Es hört sich vielleicht komisch an: Auch unser Plan im Offensivbereich ist halbwegs aufgegangen."

Das Mainzer Offensivspiel? Zuspiele, Pässe und Flanken gerieten regelmäßig so unpräzise, dass es gerechtfertigt schien, dass Leverkusens Torwart Lukas Hradecky trotz zweistelliger Temperaturen mit einem warmen Unterziehpullover spielte. Er musste sich kaum bewegen - auch nicht in der von Robin Zentner herbeigebrüllten Nachspielzeit.

© SZ vom 19.10.2020

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