Johannes Geis schiebt den Ärmel seines T-Shirts über den linken Oberarm und legt den Schriftzug frei, den er mittlerweile schon sein halbes Leben lang dort trägt. Unbedacht sei das gewesen, aus der Laune heraus, sagt Geis. Er war damals 16 und ging mit Felix Klaus, seinem Mitspieler im Nachwuchs der SpVgg Greuther Fürth, in die Nürnberger Innenstadt und ließ sich „God bless my family“ auf den Oberarm stechen.
Jetzt, 15 Jahre später, sitzt er auf der Tribüne des Schweinfurter Sachs-Stadions und grinst verlegen, als er die Geschichte erzählt. Damals habe es keine allzu große Bedeutung eingenommen, aber heute sei das anders. Die Familie stehe für ihn über allem, sagt Geis. Auch deshalb ist er jetzt hier in Schweinfurt. „Wenn man älter wird“, sagt Geis, „merkt man erst, was wirklich wichtig ist im Leben. Ich liebe es, Fußball zu spielen, aber wenn meine Tochter mit Fieber im Bett liegt, ist alles andere egal. Dann kommt es nicht darauf an, ob wir das letzte Spiel gewonnen oder verloren haben.“
Johannes Geis, 31, ist ein weitgereister Mann. Er hat in Fürth und in Mainz gespielt, auf Schalke und in Sevilla, in Köln und in Nürnberg. In diesem Sommer ist er nun aus Unterhaching nach Schweinfurt gekommen, in seine Geburtsstadt, dorthin, wo einst alles angefangen hat.
Damit steht Geis exemplarisch für die Schweinfurter Strategie, vor allem auf Spieler aus der Region zu setzen. Das ist die zentrale Idee des Drittliga-Aufsteigers, sein Wesenskern. Es geht um Identifikation und Ideale, um Verwurzelung und Verbundenheit, kurz: ums Herz.
Nur: Kann das gut gehen im Profifußball, der ja längst ein Ellenbogen-Betrieb geworden ist?
Geis lächelt. Natürlich stoße man irgendwann an Grenzen, doch gerade im ersten Jahr könne der Ansatz „ein großes Plus sein, weil es jeder sehr schätzt, für den Verein zu spielen“. Er hätte auch sagen können: spielen zu dürfen. So verstehen das ja viele Spieler hier. Für einige sind Punktspiele gegen Energie Cottbus, Hansa Rostock und den TSV 1860 München ein großes Privileg, kleine Abenteuer, von denen sie später ihren Enkeln erzählen werden.
Es ist aber nicht so, dass es den Schweinfurtern nur um Erlebnisse geht. Sie haben ja auch Ellenbogen. Und die werden sie an diesem Sonntag ausfahren, wenn sie bei Viktoria Köln zu ihrem ersten Spiel im Profifußball nach 8490 Tagen antreten.
Es könnte der Anfang eines schwierigen Jahres werden. Aber Geis ist davon überzeugt, dass die Mannschaft mithalten kann. Er sei guter Dinge, sagt er - gerade weil alle das Schweinfurter Trikot als Auszeichnung begreifen.
„Man muss immer bei sich selbst bleiben und darf nicht so viel darauf geben, was andere über einen sagen oder denken.“
Dort, wo Geis jetzt sitzt, sitzen sonst die Journalisten. Aber jetzt ist es der Mittelfeldspieler, der den Blick über den Rasen schweifen lässt. Auf einen wie ihn wird es da unten ankommen, wenn es ernst wird, wenn Spiele auf der Kippe stehen. Dann muss er vorangehen: Johannes Geis, der frühere Champions- und Europa-League-Spieler.
Er hat schon viel erlebt, er weiß, wie es im Profifußball zugeht, wie rau und unerbittlich er geworden ist. Auch deshalb sagt er jetzt: „Wenn ich bedenke, wie schnell man mittlerweile ausgetauscht wird, bin ich schon stolz darauf, was ich alles erleben und mitnehmen durfte.“ Er hat in Barcelona, in Madrid und in Manchester gespielt, in Stadien, von denen die meisten seiner neuen Mitspieler nur träumen können. Aber jetzt schätzt er es, wieder so nah bei seiner Familie zu sein. „Das ist nicht selbstverständlich im Profifußball“, weiß Geis.
Als er das sagt, rollt gerade ein Rasenmäher über den Platz. Irgendwo hämmert jemand, überall auf dem Gelände stehen Bagger und LKWs. Es sind Zeiten des Umbruchs in Schweinfurt, der Klub macht sich fit für die dritte Liga, die nach 23 Jahren im Amateurfußball in gewisser Weise zwar eine Traumwelt ist – Luftschlösser bauen die Nullfünfer aber nicht, im Gegenteil. Sie rüsten sich mit aller Ernsthaftigkeit. Und so ist es nicht nur Nostalgie, dass Johannes Geis jetzt wieder für seinen Jugendverein spielt. Er will zeigen, dass er es noch kann, dass er das Team weiterbringt. Das eint ihn mit Erik Shuranov und Manuel Wintzheimer, die ebenfalls in Franken verwurzelt sind. Auch für sie ist Schweinfurt eine Chance. Und das ist der eigentliche Grund, warum sie hier sind: Sie wollen es wissen und nicht bloß ihren Eltern und Freunden zuwinken, wenn sie oben auf der Tribüne sitzen.
Früher hat Geis bei einem Revierderby vor 80 000 in Dortmund seinen Mann gestanden und eine Abstiegsrelegation mit dem 1. FC Nürnberg mitgemacht, als die Zukunft dieses großen und stolzen Vereins auf dem Spiel stand. Schon da musste er die Ärmel hochkrempeln - und zwar nicht, um das Tattoo auf seinem Oberarm zu zeigen, sondern um dagegenzuhalten.
Fragt man ihn jetzt, was er auf seinem Weg mitgenommen hat, entgegnet er: „Man muss immer bei sich selbst bleiben und darf nicht so viel darauf geben, was andere über einen sagen oder denken.“ Im Kopf ist Geis jetzt wieder im Oktober 2015, bei seinem schweren Foul gegen André Hahn, dem eine Hetzjagd folgte. Es sei „keine Absicht“ gewesen und habe ihm „unheimlich leid“ getan, sagt Geis – aber das habe niemanden interessiert. Die Bild-Zeitung stempelte ihn als „Knochenbrecher“ ab, Gladbach-Fans drohten ihm: „Wir suchen dich.“ Es war das einschneidendste Erlebnis seiner Karriere, ein Tiefpunkt, doch auch das hat ihn geprägt und schließlich zu dem Johannes Geis gemacht, der an diesem Sonntag das Schweinfurter Hemd überzieht. Das Trikot als Auszeichnung, auch er, der Mann aus der großen Fußballwelt, weiß es zu schätzen.

