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1. FC Nürnberg:Unruhestifter unerwünscht

1. FC Nürnberg - VfB Stuttgart

Ein Bild der Einsamkeit: Trainer Jens Keller beim 0:6 des 1. FC Nürnberg gegen den VfB Stuttgart.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Die Trennung von Trainer Jens Keller soll beim Club schon vor dem entscheidenden Spiel in Kiel feststehen, Sportvorstand Palikuca stützt ihn öffentlich.

Jens Keller hatte für seine Verhältnisse viel gebrüllt, mit wachsender Fassungslosigkeit hatte er das 0:6 seiner Mannschaft gegen den VfB Stuttgart am vergangenen Sonntag beobachtet. Von einer "indiskutablen Leistung" sprach der Trainer des Zweitligisten 1. FC Nürnberg danach, aber er wahrte die in solchen Momenten übliche Etikette. "Ich werde mich nach wie vor vor mein Team stellen", sagte er. Allerdings stellt sich in der Woche vor dem letzten Spieltag, an dem es darum geht, am Ende einer missratenen Saison den Absturz auf den Abstiegsrelegationsplatz zu vermeiden, offenbar so mancher in Nürnberg nicht mehr vor den Trainer.

Am Dienstag berichtete die Bild-Zeitung, dass die Trennung von Keller, 49, nach der Saison bereits feststehe, selbst wenn der Klassenverbleib gelingen sollte. Eine Trainerentlassung werde im Aufsichtsrat schon seit Wochen diskutiert, heißt es weiter, es gehe nur noch um den Zeitpunkt. Demnach könnte gar schon vor zwei möglichen Relegationsspielen am 7. und 11. Juli der Trainer wechseln.

Sportdirektor Robert Palikuca klang am Dienstagnachmittag dementsprechend natürlich nicht besonders begeistert, als er am Nachmittag über den Artikel und die entstandene Aufregung sprach. Keller genieße "das Vertrauen der Mannschaft und mein Vertrauen. Alles andere ist einfach nur Unruhestiften", sagte er der SZ.

Doch auch Palikuca selbst steht in Nürnberg in der Kritik. Der 42-Jährige war in der vergangenen Saison kurz vor dem Bundesligaabstieg von Fortuna Düsseldorf gekommen. Er holte einen neuen Trainer, Damir Canadi, den er im November wieder entließ; dann verpflichtete er Keller. Doch die Leistungen der Mannschaft, von Palikuca mit zahlreichen Zugängen für das Ziel Wiederaufstieg 2021 zusammengestellt, wurden kaum besser. Und so schwach wie am Sonntag, als Stuttgart im Max-Morlock-Stadion den durch das 6:0 fast sicheren Aufstieg feierte, war der FCN wohl lange nicht mehr. Der Club verspielte damit die zuvor mit einem 6:0 gegen den SV Wehen Wiesbaden erarbeitete Ausgangsposition im Abstiegskampf, ein um fünf Tore besseres Torverhältnis als der Karlsruher SC auf dem Relegationsplatz. Sollte der KSC am Sonntag - ausgerechnet beim Nürnberger Rivalen Fürth - gewinnen, bräuchte der FCN einen Sieg in Kiel, um die Relegation zu vermeiden.

"Es war kein gutes Jahr, und wenn es kein gutes Jahr war, dann ist es normal, dass auch meine Arbeit als Verantwortlicher hinterfragt wird", sagt Palikuca. Mit dem Aufsichtsrat pflege er "einen guten, ehrlichen und konstruktiven Austausch". Doch das sei alles gerade nicht das entscheidende Thema. "Wir tun gut daran, uns voll auf das Spiel zu konzentrieren." Nur so viel: In der Personalplanung für die kommende Saison sei man sich "in vielen Sachen schon sehr klar".

Über die Personalplanung hatte Palikuca auch vor dem Spiel am Sonntag kurz gesprochen und im Sky-Interview die Frage verneint, ob die TSG Hoffenheim eine Rückkaufoption für Robin Hack besitze. Der Angreifer ist einer der wenigen überzeugenden Zugänge. Da eine entsprechende Vereinbarung mit seinem früheren Klub abgelaufen ist, könnte der FCN wohl mit einem der offenbar vielen am U21-Nationalspieler interessierten Klubs eine Ablöse aushandeln. Es wäre eine der wenigen positiven Entwicklungen in diesen Tagen.

Das Spiel gegen Stuttgart hatte einmal mehr die negativen Entwicklungen unterstrichen und gezeigt, dass die Nürnberger Mannschaft als solche nicht funktioniert. Dass sie zu viele Fehler macht, sich einzelne Spieler danach scheinbar aufgeben, kaum noch kommunizieren. Das 6:0 in Wiesbaden zuvor hatte durchaus das Vorhandensein individueller Klasse bewiesen, doch das 0:6 war das repräsentativere Abbild der Saison. Und Trainer Keller änderte daran in den vergangenen Monaten wenig, auch seine Aufstellungen gaben oft Rätsel auf, sein Festhalten am eher erfolglosen, mit dem technischen Anspruch der zweiten Liga manchmal überfordert wirkenden Stürmer Michael Frey etwa. "Wenn man 6:0 verliert, ist man als Trainer auch nicht fehlerlos", sagte Keller am Sonntag.

Palikuca will das alles analysieren, nur nicht in der vielleicht letzten Woche der Saison. "In der hoffentlich letzten Woche der Saison", sagt er.

© SZ vom 24.06.2020

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