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1. FC Nürnberg:Überfall als einzige Lösung

Das 2:2 beim FC St. Pauli zeigt: Noch ist das Spiel des Zweitligisten 1. FC Nürnberg unter dem neuen Trainer Robert Klauß zu eindimensional.

Von Thomas Hürner, Hamburg

Es gibt leichtere Aufgaben als so ein Auswärtsspiel im Millerntorstadion, gelegen am Puls der Hansestadt Hamburg, zwischen Reeperbahn, Sternschanze und allerlei weiteren linken Szenevierteln. Die Vibrationen waren am Montagabend auch mit gerade einmal 1000 zugelassenen Zuschauern noch zu spüren, unter ihnen war auch Kalle Schwensen, eine ebenso schillernde wie anerkannte Kiez-Legende. Nein, das klingt nicht unbedingt nach einem Milieu, in dem sich manche Menschen aus dem Frankenland wohlfühlen, und dieser Eindruck verfestigte sich auch während des Zweitligaspiels zwischen dem FC St. Pauli und dem 1. FC Nürnberg.

Das für den Club am Ende glückliche 2:2 fasste Mittelstürmer Manuel Schäffler hinterher sehr prägnant zusammen, auch wenn er eigentlich von seiner eigenen Leistung gesprochen hatte: Abgesehen von seinem Treffer zum zwischenzeitlichen 1:0, so sein Wortlaut im Interview bei Sky, habe er ziemlich "scheiße gespielt".

Ein etwas zu hartes Selbsturteil, dennoch ließ sich anhand des Debütanten einiges über die Arithmetik im Nürnberger Spiel ablesen. Schäffler, 31, war im Sommer vom SV Wehen Wiesbaden verpflichtet worden, mit der Empfehlung von immerhin 19 Treffern in der vergangenen Zweitliga-Saison und für eine Ablöse in Höhe von gerade mal 800 000 Euro. Ein echtes Schnäppchen, auch in diesen Zeiten, zumal es beim Club eindeutig an der notwendigen Expertise im Torabschluss gemangelt hatte.

FC St. Pauli - 1. FC Nürnberg

Richtig abgehoben: Nürnbergs Fabian Nürnberger (li.) lässt St. Paulis Daniel-Kofi Kyereh staunen.

(Foto: Selim Sudheimer/dpa)

Nach der zurückliegenden Horror-Spielzeit, die in der Relegation fast mit dem Sturz in die Drittklassigkeit geendet wäre, also eine naheliegende Verstärkung für die Mannschaft des neuen Trainers Robert Klauß. Nach einer Knieverletzung lief Schäffler nun erstmals auf, und schon in der achten Minute zeigte sich, wohin die Reise mit ihm gehen kann: nach vorne, in höchstem Tempo und mit mechanischer Präzision. Als Mittelfeldspieler Johannes Geis einen Fehlpass der Heimelf annahm, hatten Angreifer Felix Lohkemper und Schäffler bereits zum Sprint in Richtung gegnerisches Tor angesetzt. Zwei Ballkontakte von Geis, inklusive eines Zuspiels in den Rückraum der St. Pauli-Defensive auf Lohkemper, der mit zwei weiteren Kontakten den freistehenden Schäffler im Strafraum bediente - dem 1:0 für den Club ging einer dieser formvollendeten Überfallangriffe voraus, wie sie im RB-Fußballimperium gelehrt werden. Was natürlich kein Zufall ist: Klauß lehrte und lernte als Co-Trainer von RB Leipzig-Coach Julian Nagelsmann.

Sieht schick aus, keine Frage, ist in sich immerzu wiederholender Abfolge aber auch etwas eindimensional und erwartbar. Die Analyse des Trainers Klauß beinhaltete daher einen Punkt, der eigentlich auch für bislang alle anderen Nürnberger Spiele gelten kann. Er sagte: "Wir haben mit dem Ball noch nicht die Lösung gefunden, die wir uns vorgestellt haben." Ein alternativer Plan zu den schnellen Kontern scheint bislang nicht vorhanden zu sein, unabhängig von den verschiedenen Versuchsanordnungen auf dem Platz.

Club mit Gewinn in der Saison 2019/2020

Der 1. FC Nürnberg hat die Saison 2019/20 trotz des Abstiegs aus der Bundesliga und der Corona-Krise mit einem Gewinn beendet. Er verzeichnete einen Überschuss von 1,8 Millionen Euro, wie Finanzvorstand Niels Rossow am Dienstag bei der Mitgliederversammlung des Zweitligisten verkündete: "Wir konnten der ersten Corona-Welle standhalten", sagte Rosow. Das Eigenkapital stieg dadurch von 8,6 auf 10,4 Millionen Euro. Der Umsatz sank im Vergleich zur vorangegangen Saison in der höchsten Spielklasse auf 55,2 Millionen Euro (2018/19: 72,9 Millionen), was den geringeren TV-Einnahmen, weniger Werbegeldern und den Corona-Folgen zugeschrieben wurde. Für das aktuelle Geschäftsjahr prognostizierte der Manager: "Wir werden wahrscheinlich nicht so eine Bilanz und so eine Gewinn-Verlust-Rechnung präsentieren können." dpa

Nürnberg begann in einem 4-2-3-1 System mit einer Doppelsechs bestehend aus Geis und dem erst 19 Jahre alten Zugang Tom Krauß, die beiden Außenverteidiger Tim Handwerker und Kapitän Enrico Valentini rückten weit auf. Das führte zwar zu einer numerischen Überlegenheit im Mittelfeld, allerdings ohne die gewünschten Vorteile im Spielaufbau, weil St. Pauli mit seinem Pressing viele Fehlpässe provozierte. Dem Ausgleich ging jedoch ein unnötiges Foul des jungen Krauß voraus, den fälligen Elfmeter verwandelte St. Paulis Rodrigo Zalazar (28.).

Es war einmal mehr diese Divergenz, die einen entscheidenden Anteil daran hatte, dass der Plan A des Clubs nicht über ein ganzes Spiel hinweg funktionieren wollte: Schnelles Umschaltspiel erfordert eine stabile Grundordnung, die Nürnberger hingegen wirken unter Druck noch fragil und bisweilen auch etwas naiv. Für diese Symptomatik spricht auch, dass Nürnberg gegen St. Pauli gleich zwei Führungen verspielte. Nach dem Elfmetertor von Geis (49.) sah sich der Club einer Dauerbelagerung der Heimmannschaft ausgesetzt, die durch einen Kunstschuss von St. Pauli-Verteidiger Daniel Buballa mit dem verdienten Treffer zum 2:2 (78.) belohnt wurde. "Das haben wir uns selber zuzuschreiben", sagte Geis, "wir müssen da weiter nach vorne spielen und Druck machen." Es war das insgesamt dritte Spiel in der noch jungen Saison, in dem die Nürnberger eine Führung noch aus der Hand gaben.

Dabei hatte Trainer Klauß zur zweiten Hälfte eine Systemumstellung vorgenommen, die Sicherheit geben sollte: Krauß rückte ins Zentrum einer Fünferkette in der Abwehr, was Stürmer Schäffler ganz vorne aber endgültig vom Geschehen isolierte. "Wenn wir mehr zweite Bälle gewinnen, dann kommen wir auch öfter in Umschaltsituationen", lautete die Gleichung des Trainers. Den Fans am Millerntor dürfte es recht gewesen sein, dass den Nürnbergern ein Plan B fehlte. Für sie war es vielleicht so etwas wie ein vorläufiges Abschiedsspiel: Die Corona-Fallzahlen in Hamburg steigen, das Publikum muss wohl bald wieder draußen bleiben.

© SZ vom 21.10.2020
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