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1. FC Nürnberg:Spielkultur zur Leihe

Die ersten drei Zugänge sind Talente von RB Leipzig und vom FC Bayern. Sie sollen helfen, die Ideen des neuen Trainers Robert Klauß umzusetzen.

Von Sebastian Fischer

Sarpreet Singh ist am vergangenen Wochenende erstmals durch Nürnberg spaziert, eine Art Erkundungstour durch die neue Stadt, so hat der Neuseeländer das entsprechende Video in den sozialen Netzwerken betitelt: "Exploring the new city." Er wurde dabei gleich erkannt, was insofern bemerkenswert war, da er erst am Freitag zum 1. FC Nürnberg gewechselt ist, ein Jahr ausgeliehen vom FC Bayern. Dort war er bislang nicht zur Berühmtheit aufgestiegen, sondern nach zwei Bundesliga-Einsätzen eher dem Fachpublikum bekannt. Aber vielleicht verbinden die Menschen, die ihn jetzt schon erkennen, ja eine Hoffnung mit ihm.

Dieter Hecking, der frühere Nürnberger Trainer und neue Sportvorstand, hatte es in seiner Einstandspressekonferenz vor zwei Wochen noch etwas verklausuliert formuliert - was man ihm vergeben kann, es war für den langjährigen Coach schließlich das erste Mal als hauptberuflicher Manager. Hecking sagte, er habe damals, als Club-Coach zwischen 2009 und 2012, schnell gemerkt, was der Fan in Nürnberg sehen möchte: Leidenschaftlichen Fußball, und: "Er möchte auch den fußballerischen Aspekt im Spiel erkennen können." Übersetzt hieß das wohl so etwas wie: Die Nürnberger wollen schon gerne Spielkultur sehen, mehr taktischen Plan als Zufall - und gelegentlich mal eine Kombination. Singh, 21, könnte das sein: ein Spieler für Fußball mit gewissem Anspruch.

Vor ein paar Wochen wäre Nürnberg für Sarpreet Singh eher keine Option gewesen

Nun ist es natürlich in der Branche üblich und deshalb mit großer Vorsicht zu genießen, dass mit einer neuen Saison und neuem verantwortlichen Personal die Hoffnung auf Besserung verbunden wird, so wie es gerade beim Zweitligisten 1. FC Nürnberg ist, der eigentlich gerne ein Bundesligist wäre, vor rund einem Monat in der Relegation aber geradeso den Abstieg in die dritte Liga verhindert hat. Und doch lässt sich mit der Verpflichtung Singhs schon eine Entwicklung beschreiben. Noch vor ein paar Wochen nämlich wäre Nürnberg für den talentierten Mittelfeldspieler, der beim FC Bayern für die zweite Mannschaft spielte und seit November mit den Profis trainierte, eher keine Option gewesen. Nun war es für ihn offenbar die Möglichkeit, von der er glaubt, sie könnte für ihn mit Fußball spielen verbunden sein - nicht vordergründig mit kämpfen, wie es an anderen Orten, an die er sich wohl auch hätte ausleihen lassen können, zu vermuten gewesen wäre.

Hecking, 55, hat diese Entwicklung mit seiner Rückkehr als Nachfolger des glücklosen Robert Palikuca angestoßen, Heckings Name steht schließlich für Seriosität und Erfahrung, wenn auch noch nie als Sportvorstand. Er hat als erstes Robert Klauß als neuen Trainer verpflichtet, zuletzt Assistent von Julian Nagelsmann und Ralf Rangnick bei RB Leipzig. Als Klauß in seiner ersten Pressekonferenz seine Idee vom Fußball erklären sollte, sprach er davon, dass die "sehr nah" an den Ideen von Rangnick und Nagelsmann sei. Er führte aus: Aktivität in allen Spielphasen, hohe Organisation in der Verteidigung und dann: "Wild werden, wenn es in Umschalt-Momente geht", "richtig auf dem Gaspedal" sein. Wer ein paar Spiele aus der Vorsaison gesehen hatte, dachte nun: Das könnte ein weiter Weg sein, ausgehend vom oft behäbigen Nürnberger Hauruckfußball.

Was ihn auszeichnet? Christian Früchtl spricht nicht von Paraden, sondern vom Spielaufbau

Nach Klauß kam dann als erster Zugang Mittelfeldspieler Tom Krauß, 19, zur Leihe aus Leipzig. Und als mit Singh auch Torwart Christian Früchtl, 20, zur Leihe vom FC Bayern kam, war ein Muster zu erkennen. Es ist eine Strategie, die zunächst mal finanziell sinnvoll wirkt für einen Klub, der nach dem Bundesliga-Abstieg 2019 den dritten Trainer und den zweiten Sportvorstand beschäftigt und auch mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie ringt. Es war außerdem schon mal die erfolgreiche Strategie, in ähnlich sparsamen Zeiten: als Hecking den Club trainierte.

Doch auch sportlich scheint das Leihen aktuell einem Plan zu folgen: Als etwa Früchtl fürs vereinseigene "Club-TV" erklären sollte, was ihn auszeichnet, da sprach er sofort davon, sich am Spielaufbau zu beteiligen und länge Pässe des Gegners abzufangen. Früchtl soll Stammkeeper Christian Mathenia Konkurrenz machen, der unter Palikuca zwar einen Vertrag bis 2024 unterschrieb, zuletzt aber nicht von Kritik verschont blieb.

In Singh sehen sie in Nürnberg einen Achter im Mittelfeld, für den Drittligameister Bayern II kam er in 22 Spielen auf sieben Tore und sieben Vorlagen, bei den Profis spielte er am 33. Spieltag erstmals von Beginn an. Nach München kam er vom neuseeländischen Klub Wellington Phoenix auch erst im vergangenen Sommer, die Bayern hatten ihn während der U 20-WM in Polen entdeckt. Er flog mit den Profis ins Trainingslager in die USA, überraschte mit fußballerischer Stärke, hatte aber körperlich noch Nachholbedarf. Zuletzt hat er angeblich an Muskelmasse zugelegt. Einmal soll er nach 21 Uhr versucht haben, fürs Krafttraining in die Turnhalle auf dem Bayern-Campus zu kommen, die aber schon verschlossen war - und danach Tag und Nacht für ihn zugänglich gemacht wurde.

Jedenfalls was das Fitnesstraining angeht, kann Sarpreet Singh ganz ähnlich weitermachen wie bisher: Athletiktrainer Tobias Dippert wechselte vergangene Woche vom FC Bayern nach Nürnberg.

© SZ vom 12.08.2020

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