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1. FC Nürnberg:Rückkehr der Kniffelgötter

VfL Osnabrück - 1. FC Nürnberg

Einbrüllen für die Heimreise: Manuel Schäffler (li. Enrico Valentini) kurbelt nicht nur das Spiel an, sondern auch die Stimmung im Bus.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Beim Sieg in Osnabrück scheinen die Franken den Ballast der vergangenen Saison abzulegen. Stürmer Manuel Schäffler deutet an, dass er dem Team Halt geben kann.

Von Thomas Gröbner

Es war eine Nacht, in dem Manuel Schäffler eigentlich reihenweise Viererpasch, Fünferpasch und Kniffel aus dem Becher purzeln mussten. Es wurde gewürfelt nach dem 4:1-Sieg in Osnabrück, schlafen konnte eh kaum einer beim Club, die Sonne ging schon fast auf, als der Bus nach 480 Kilometern ankam in Nürnberg. Wer mit den Kniffel-Regeln nicht vertraut ist - es war ein Abend, an dem Schäffler, dem Brecher im Sturmzentrum und Anführer der Kniffel-Bande, fast alles gelang.

Zwei Tore und eine Vorlage steuerte der überragende Zugang im Sturmzentrum bei zum ersehnten Sieg; "gelechzt" habe die Mannschaft danach, sagte Trainer Robert Klauß nach der Partie.

Der Club hatte ja vor dem Spiel eine kuriose Statistik: In allen sieben Spielen lag der FCN in Führung - und nur ein einziges Mal konnte er es über die Zeit bringen. Deshalb hatte Trainer Klauß vor dem Duell mit der ungeschlagenen Überraschungsmannschaft aus Osnabrück die Größenverhältnisse umgekehrt: "Es tut uns mal gut, nicht als Favorit gehandelt zu werden", tat Klauß kund; er verzwergte sein Team sozusagen. Und tatsächlich: Nürnberg spielte diesmal mit dem heißen Blut einer Mannschaft, die sich etwas beweisen will. "Ich hab heute so einen Willen gespürt", sagte Schäffler, "und so etwas merkt auch der Gegner."

"Damit können wir die Diskussion mit den verspielten Führungen auch beenden", findet Klauß

Die Energie setzte der Club schnell in Tore um: Nachdem ein früher Schäffler-Treffer wegen Abseitsposition nicht gegeben worden war, drückte der Angreifer eine Flanke von Enrico Valentini über die Linie (25.). Die Nürnberger pressten weiter und wurden dafür belohnt: Einen missglückten Rückpass des Osnabrückers Ajdini fing Fabian Nürnberger ab und erhöhte (29.). Vor der Pause dann schon die Entscheidung: Das Zuspiel von Johannes Geis ließ Schäffler auf Felix Lohkemper abtropfen, der kühl blieb vor VfL-Keeper Philipp Kühn (43.). Die Kombination Geis-Lohkemper-Schäffler funktionierte auch bei einem Freistoß - 4:0 (71.). Der ehemalige Nürnberger Sebastian Kerk blieb beim VfL dagegen bis zur Nachspielzeit unsichtbar - bis er einen in der Entstehung schmeichelhaften Elfmeter verwandeln durfte zum 4:1. "Damit können wir die Diskussion mit den verspielten Führungen auch beenden", findet Klauß. Einziger Wermutstropfen: Angreifer Pascal Köpke musste nach wenigen Minuten verletzt ausgewechselt werden, die bittere Diagnose kam am Dienstag: Kreuzbandriss im rechten Knie. "Die Mannschaft hat sich in der Kabine geschworen, den Sieg für Passi zu holen", auch das beeindruckte Klauß. Nach Köpkes Ausfall wird in den nächsten Monaten noch mehr Last auf den Schultern von Schäffler liegen, der für Klauß ein "Anker" im Spiel ist. Am Montagabend war er ein Wellenbrecher in vorderster Linie, aber auch kluger Passgeber und Torschütze. "Dafür haben wir ihn verpflichtet", sagte Klauß. Mit der Empfehlung von 19 Saisontoren für Absteiger Wehen Wiesbaden war Schäffler nach Nürnberg gekommen, er brachte aber auch eine Knieverletzung mit, vier Spiele verpasste er. Doch nun scheint Schäffler als Anführer in Schwung zu kommen - auch abseits des Platzes. Er werde jetzt die "Stimmung ankurbeln" im Bus, kündigte er vor der Heimfahrt an.

"Fußball als Nahtoderfahrung" - ein Buchtitel, der viele Club-Fans ansprechen dürfte

Dabei drohte vor dem Spiel die Lage langsam ungemütlich zu werden. Von der Aufbruchsstimmung, die Hecking und der neue Trainer Robert Klauß entfacht hatten, war schon nichts mehr zu spüren. "Einen Rucksack", vollgepackt mit schlechten Erinnerungen an die vergangene Horror-Saison, schleppe die Mannschaft mit sich mit, sagte Hecking vor dem Spiel. Wer es schon vergessen hat: Die Spielzeit mündete ja in einem dramatischen Finale gegen Ingolstadt, wo in letzter Sekunde der Absturz in die Drittklassigkeit verhindert werden konnte. "Fußball als Nahtoderfahrung" - gerade ist noch ein Buch mit diesem Titel auf den Markt gekommen, das sich nur mit dieser Partie beschäftigt. Der Titel dürfte viele Club-Fans ansprechen, 94 Minuten Drama auf 184 Seiten. Was die notorisch skeptischen Club-Fans dann aber am Montag sahen, dürfte sie gewärmt haben - und die Spieler ein Stück weit befreit haben vom Ballast der Vergangenheit. Den ominösen Relegationsplatz, auf dem sie schon wieder standen, haben sie nun Richtung Mittelfeld verlassen. Es waren die Dinge, die normalerweise zu Randnotizen verkommen bei einem Fünf-Tore-Spektakel: Als Tom Krauß, 19, auf der Höhe des Osnabrücker Strafraums einen Befreiungsschlag des Gegners blockte - und die Fäuste ballte mit einem Urschrei. Oder dass Innenverteidiger Lukas Mühl, der sonst hin und wieder einen Wackelkontakt im Nürnberger Spiel ausgelöst hatte, auffällig unauffällig spielte - und keinen einzigen Zweikampf verlor. Johannes Geis war es dann, der in der Euphorie als ehemaliger Fürther gleich schon an das Frankenderby am Sonntag dachte: "Wir wissen, dass es das wichtigste Spiel des Jahres ist."

© SZ vom 25.11.2020
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