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1. FC Nürnberg:Pragmatiker für die Wunderheilung

Keine allzu verwegene Idee: Jens Keller, 48, nimmt an diesem Mittwoch seine Arbeit als neuer Trainer beim Club auf. Der Fußball, den er spielen lassen will, ist für die zweite Bundesliga prädestiniert.

Dass es nicht Achim Beierlorzer werden würde, war schon klar. Ja, der Trainer stammt aus Mittelfranken; ja, er hat beim SSV Jahn Regensburg schon erfolgreich in der zweiten Fußball-Bundesliga gearbeitet; und ja, er wurde formal rechtzeitig beim Bundesligisten 1. FC Köln beurlaubt, um zum 1. FC Nürnberg gehen zu können. Das klingt nach Topf und Deckel - so schnell den Verein und auch noch die Liga zu wechseln, erschien Beierlorzer dann aber vielleicht nicht ganz geheuer. Jedenfalls verspürte er keine Lust auf den Club, was er ohne großes Grübeln mitteilte. So standen da viele Jas - und ein Nein.

Auch Markus Anfang wurde dann doch nicht der Mann für den Neuanfang am Valznerweiher. Er und die Klubverantwortlichen hatten in ihren Gesprächen zu unterschiedliche Ansichten offenbart, wie dieser Mannschaft noch zu helfen ist - dazu hatte laut einem Bericht der Bild-Zeitung auch das jüngste 1:5 gegen Bielefeld beigetragen. Da traf es sich gut, dass es noch einen weiteren Trainer gab, mit dem die Nürnberger offensichtlich parallel verhandelten: Jens Keller, 48, wird der neue Übungsleiter, wie der Club am Dienstagabend bestätigte. Am Montagabend hatte Sportvorstand Robert Palikuca die Personalie mit dem Aufsichtsrat abgestimmt, an diesem Mittwoch nimmt Keller seine Arbeit auf.

Ingolstadt, Deutschland, 31.03.2019, 2. Bundesliga 27. Spieltag, FC Ingolstadt 04 - SV Sandhausen, Trainer Jens Keller

"Keine Dankbarkeit": Seine 30 Jahre im Profigeschäft haben Jens Keller zu einer angemessen pragmatischen Herangehensweise verholfen.

(Foto: Roland Krivec/imago images/DeFodi)

Er erhält einen Vertrag bis zum 30. Juni 2021, begleitet wird er von seinem Assistenten Thomas Stickroth, 54. Jens Keller ist keine allzu verwegene Traineridee. Vor knapp einem Jahr hatte schon einmal ein schlingernder bayerischer Zweitligist den Gedanken, ihn zu verpflichten: der FC Ingolstadt 04. Auch wenn Keller den FCI, bei dem er in weitaus aussichtsloserer Lage startete als jetzt, nicht zu retten vermochte - für die angeschlagenen Nürnberger könnte er durchaus der richtige Mann sein. Schließlich schaffte er bereits in Oberbayern einen schnellen Stimmungsumschwung, sortierte ohne Sorge ums Klima den vormaligen Kapitän Marvin Matip aus und baute trotzdem aus einem Einzelkämpfer-Gebilde eine funktionierende Mannschaft.

"Wir wollten einen Trainer, der die Liga kennt und sich mit unseren Zielen identifizieren kann. Beides trifft auf Jens Keller zu", erklärte Palikuca: "Wir sind sicher, dass er der richtige Mann für unseren Weg ist." Der Fußball, den Keller spielen lassen will, ist jedenfalls für die 2. Bundesliga prädestiniert: konsequentes Pressing. "Das Schlimmste für mich ist, wenn man einen Abstand hält und so hingeht, als ob man sich zwei Meter vorher so ein bisschen aufs Klo setzt und abwartet", sagte er im SZ-Interview: "Ob du jetzt den einen Meter mehr gehst oder weniger, das entscheidet darüber, ob wir einen Ball gewinnen oder nicht." Der beim VfB Stuttgart sozialisierte Keller geht den Plan der flinken Gegenstöße aber nicht gar so forsch an wie seine Kollegen aus der Leipziger Schule. Der ehemalige Verteidiger setzt erst einmal auf die Defensive - was dem 1.

Fast zwei Jahre mit Köllner - die Trainer des 1. FC Nürnberg seit 2005

Hans Meyer 09.11.2005 - 11.02.2008

Thomas von Heesen 12.02.2008 - 28.08.2008

Michael Oenning 28.08.2008 - 21.12.2009

Dieter Hecking 22.12.2009 - 22.12.2012

Michael Wiesinger 23.12.2012 - 07.10.2013

Roger Prinzen 08.10.2013 - 21.10.2013

Gertjan Verbeek 22.10.2013 - 23.04.2014

Roger Prinzen 23.04.2014 - 10.05.2014

Valerien Ismael 05.06.2014 - 10.11.2014

Rene Weiler 12.11.2014 - 20.06.2016

Alois Schwartz 25.06.2016 - 07.03.2017

Michael Köllner 07.03.2017 - 12.02.2019

Boris Schommers 12.02.2019 - 18.05.2019

Damir Canadi 19.05.2019 - 05.11.2019

Marek Mintal 05.11.2019 - 12.11.2019

Jens Keller voraussichtlich ab 13.11.2019

FC Nürnberg durchaus entgegenkommen könnte. Obwohl Keller den FCI aufrichtete, den Spielern Sicherheit vermittelte und sie zumindest zeitweise zu überzeugenden Leistungen trieb, musste er den Verein schon nach vier Monaten wieder verlassen. Das lag allerdings mehr an internen Umstellungen als an seiner Trainerleistung: Thomas Linke kam im Schlussspurt der Saison als Sportverantwortlicher und stellte die Forderung, seinen ehemaligen Kollegen Tomas Oral als Coach zu verpflichten. Für Keller, zuvor in fünf engen Spielen ohne Sieg, war kein Platz mehr. Tage zuvor hatte der 48-Jährige noch mit Vorstandsboss Peter Jackwerth über eine mögliche Vertragsverlängerung auch im Falle des Abstiegs in die dritte Liga gesprochen. Entsprechend überrascht war er bei seiner Entlassung.

Und das ist so etwas wie der rote Faden, der sich durch Kellers Karriere zieht. Auch Tage vor seiner Trennung vom vorherigen Verein Union Berlin redete er noch über eine Vertragsverlängerung. Das Ende im Dezember 2017 überraschte viele: "Ich bin geschockt", sagte er, nachdem ihn Union freistellte.

Der Zweitligist war da Vierter. Diese Entscheidungen und seine 30 Jahre im Fußball-Geschäft, vor allem als Trainer von Schalke 04, haben ihn zum Pragmatiker werden lassen. "Es gibt im Fußball keine Dankbarkeit", sagt er. Er findet "die Spieler schlimm, die ihr Wappen am Trikot küssen. Weil ich sage: 'Heute liebst du den Klub - und morgen willst du weg?

'" In Nürnberg will er selbst sicher nicht so schnell weg, er wird hoffen, dass er als Gewohnheitsentlassener und der Club, zuletzt mal wieder als Dauerrausschmeißer aktiv, alte Muster beiseite legen können. In Ingolstadt betonte Keller zu seinem Amtsantritt: "Es ist nicht so, dass ich hier bin, die Hand auflege und dann alles gut wird." Der Satz würde auch etwa 80 Kilometer nördlich ganz gut passen an seinem ersten Arbeitstag. Obwohl sie beim Club einen Wunderheiler gebrauchen könnten.