Historie des 1. FC Nürnberg:Der Schatz im Keller des Club

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Historie des 1. FC Nürnberg: Am 17. November 2012 ehrten Nürnbergs Ultras Jenö Konrad mit einer großen Choreographie. Vielen Club-Fans wurde erst damals bewusst, welch unrühmliche Rolle der Fußball im Nationalsozialismus gespielt hatte.

Am 17. November 2012 ehrten Nürnbergs Ultras Jenö Konrad mit einer großen Choreographie. Vielen Club-Fans wurde erst damals bewusst, welch unrühmliche Rolle der Fußball im Nationalsozialismus gespielt hatte.

(Foto: Bernd Müller/Imago)

Weil ihn der Hausmeister auf verstaubte Kartons in einem Vereinsraum aufmerksam macht, entdeckt Bernd Siegler die Karteikarten der jüdischen Mitglieder des 1. FC Nürnberg. Im Buch des Sozialwissenschaftlers kommen nun 142 Schicksale ans Licht.

Von Christoph Ruf

Als Archivar müsse man manchmal auch Glück haben, sagt Bernd Siegler. Der Sozialwissenschaftler, Journalist und Buchautor hatte genau dieses Glück, als ihm 2021 der Hausmeister des Vereinsgeländes begegnete und ihn bat, er möge sich doch mal 15 Kartons anschauen. Die hatten zuvor jahrzehntelang in einem bis dato ungenutzten Kellerraum vor sich hin gestaubt. Darin fand Siegler, "mit zitternden Händen", wie er schreibt, die Karteikarten aller Mitglieder von 1928 bis 1955, darunter auch diejenigen der jüdischen Club-Mitglieder. Ihre Schicksale, ihre gesamte Existenz, waren, wie überall sonst im deutschen Fußball, auch in Nürnberg in Vergessenheit geraten.

Vielerorts sind die Vereinsarchive in den Kriegswirren oder nach Umzügen verloren gegangen oder von interessierter Seite vernichtet worden. Es spricht Bände, dass der FCN seit dem Zufallsfund neben Hertha BSC der einzige Verein aus der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga ist, der über eine vollständige Mitgliederkartei aus den Jahren des Nationalsozialismus verfügt.

Lange war selbst die Geschichte des jüdischen Club-Trainers Jenö Konrad, der der Hetze des in Nürnberg verlegten NS-Blattes "Stürmer" ("Der 1. Fußballklub Nürnberg geht am Juden zu Grunde") besonders stark ausgesetzt war, weitgehend unbekannt. Nachdem Siegler vor einigen Jahren Kontakt zu dessen in New York lebender Tochter Evelyn herstellen konnte und der Verein sich des Themas annahm, ehrten die FCN-Ultras Konrad 2012 mit einer großen Choreographie. Vielen Club-Fans wurde erst damals bewusst, welch unrühmliche Rolle der Fußball im Nationalsozialismus gespielt hatte.

Mit seinem im Starfruit Verlag erschienenen 470 Seiten starken Buch "Heulen mit den Wölfen, der 1. FC Nürnberg und der Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder" holt Siegler nun 142 jüdische Frauen und Männer aus der Anonymität heraus, um "den bislang namenlosen und unbekannten jüdischen Mitgliedern des Clubs eine Geschichte und ein Gesicht zu geben". Die Einzelporträts bilden den Hauptteil des gelungenen Werkes. Zuvor und danach referiert Siegler den historischen Rahmen, die Geschichte des FCN im Nationalsozialismus, die Eskalation der Schreckensherrschaft, die Geschichte der Deportationen, der Morde.

Der FCN machte sich bereits drei Monate nach der Machtergreifung daran, die jüdischen Mitglieder aus dem Verein zu werfen. Am 27. April 1933 wurde deren Ausschluss beschlossen, drei Tage später war er vollzogen - offenbar mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Rathaus, das die nötigen Daten zugeliefert haben muss. Schließlich war die Konfession der Mitglieder auf den Karteikarten beim Club nicht verzeichnet. "Vorauseilenden Gehorsam" attestiert Siegler hier. Im benachbarten Fürth hatte man es beispielsweise nicht so eilig.

Franz Cahn, Werner Gruber, Gerda Schloss: Es sind die einzelnen Schicksale, die den NS-Rassenwahn erst wirklich greifbar machen

In einigen Fällen beschränken sich die Geschichten der 142 Jüdinnen und Juden zwangsläufig auf einen grobkörnigen Lebenslauf, in weitaus mehr Fällen bekommt man beim Lesen ein Gefühl für die Person und damit für die Vielzahl der Tragödien, die der Rassenwahn in NS-Deutschland schuf. So wurden auch jüdische Mitglieder wie Dr. Franz Cahn, der die Club-Satzung maßgeblich miterarbeitet hatte und 1937 mit Mühe und Not nach England fliehen konnte, dort erst mal als "feindliche Ausländer" kaserniert.

Anrührend auch die Geschichte von Werner Gruber, Sohn eines evangelischen Vaters und einer jüdischen Mutter, der "als Junge keine Ahnung hatte, wer ein Jude war und wer nicht", als 16-Jähriger von Hamburg aus nach New York geschickt wurde und zeitlebens nicht verstand, was nicht zu verstehen ist: "Es war so schockierend für mich, ich war so jung, so unschuldig." Als eine von 32 Frauen wird Gerda Schloss vorgestellt, die an jenem 30. April als Schülerin aus der Schwimm-Abteilung geworfen wurde, nach Palästina emigrierte und sich dort am Aufbau eines sozialistischen jüdischen Staates beteiligen wollte. Schloss, die nun Chaya Arbel hieß, starb 2006 als eine der berühmtesten Komponistinnen Israels.

Historie des 1. FC Nürnberg: Nachdem Bernd Siegler (re.) Kontakt zu Jenö Kondrads in New York lebender Tochter Evelyn Konrad (Mitte) herstellen konnte, nahm sie im Januar 2013 an der Gedenkveranstaltung für ihren Vater in Nürnberg teil. FCN-Vorstand Martin Bader (li.), Ultra-Mitglied Christian Mössner (2. v. li.) und FCN-Pressesprecherin Katharina Wildermuth (2. v. re.) komplettierten das Bild.

Nachdem Bernd Siegler (re.) Kontakt zu Jenö Kondrads in New York lebender Tochter Evelyn Konrad (Mitte) herstellen konnte, nahm sie im Januar 2013 an der Gedenkveranstaltung für ihren Vater in Nürnberg teil. FCN-Vorstand Martin Bader (li.), Ultra-Mitglied Christian Mössner (2. v. li.) und FCN-Pressesprecherin Katharina Wildermuth (2. v. re.) komplettierten das Bild.

(Foto: Imago)

Es ist noch gar nicht so lange her, da hätten die meisten Bundesligavereine zumindest mit gemischten Gefühlen reagiert, wenn Originaldokumente aus der Nazizeit aufgetaucht wären. Bis der Fußball seine 68er-Revolution erlebte und den Mantel des Schweigens über seiner Vergangenheit zu lüften begann, dauerte es gut 20 Jahre länger als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Möglich war das durch die noch heute gerne verbreitete Sichtweise, wonach Sport und Politik getrennte Bereiche seien.

Dabei sind auch hier die Parallelen offensichtlich. Wie in der Politik gab es auch im Fußball personelle Kontinuitäten zwischen der NS- und der Nachkriegszeit, in der allzu oft "Persilscheine" aus überzeugten Braunen blütenweiße Demokraten machten. Und in der sich die Fußballvereine selbst bescheinigten, eigentlich ja Opfer des NS-Regimes gewesen zu sein. So war es auch in Nürnberg, wo der damalige Erste Vorsitzende Hans Hofmann allerdings 1948 auch zarte Selbstkritik übte. Man habe das Verschwinden der Juden und der Demokraten hingenommen und "mit den Wölfen geheult".

Das waren für die damalige Zeit schon deutliche Worte und noch vor 20 Jahren hätte ein Vereinsfunktionär wohl allenfalls verdruckste Formulierungen gebraucht, wenn es um die eigene Vergangenheit ging. Auch Helmut Kohl, der immerhin bis 1998 Kanzler war, sprach immer nur von "Verbrechen im deutschen Namen", als hätten sich fremde Völker zwölf Jahre lang eine deutsche Identität zugelegt. Insofern ist es ebenso selbstverständlich wie erfreulich, dass sich FCN-Geschäftsführer Niels Rossow heute in aller Deutlichkeit zur Vergangenheit des Vereins äußert: "Dieses Buch trifft uns in unserem Innersten, legt es doch ein schwarzes Kapitel unseres Vereins offen." Der Club habe "Schreckliches getan und Schuld auf sich geladen", sagt er. Alle damals ausgeschlossenen jüdischen Vereinsmitglieder sind mittlerweile gestorben. Der FCN, der bei Sieglers Buch als Herausgeber fungiert, hat sie nun posthum wieder aufgenommen.

Bernd Siegler, "Heulen mit den Wölfen, der 1. FC Nürnberg und der Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder", Fürth, 2022, 470 Seiten, 28 Euro

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