1. FC Nürnberg Neue Legenden gesucht

Der Club steigt ab, die Fans singen trotzdem, der Sportvorstand plant schon den Wiederaufstieg. Dafür soll das Gerüst des Kaders bestehen bleiben - und in dieser Woche ein Trainer präsentiert werden.

Von Sebastian Fischer, Nürnberg

Robert Palikuca aus Bückeburg in Niedersachsen lebt noch nicht so lange in Nürnberg, aber spätestens seit Samstagabend um kurz vor sechs weiß er, was den Menschen in der Stadt ihr Fußballverein bedeutet. Der Sportvorstand des 1. FC Nürnberg stand neben der Auswechselbank und schaute nach links, in die Fankurve. Dort sangen die Nürnberger Anhänger Lieder für die Mannschaft, die gerade nach einem 0:4 gegen Borussia Mönchengladbach in die zweite Bundesliga abgestiegen war. Sie sangen und sangen und rührten die Spieler zu Tränen, sie schenkten ihnen Schals und T-Shirts, auf denen "Mission Wiederaufstieg" stand. Palikuca schaute grimmig. Und obwohl er meistens so schaut, konnte man in seinem Gesicht diesmal Entschlossenheit lesen.

Nichts geht mehr: Die Club-Profis Georg Margreitter (von links), Patrick Erras und Hanno Behrens müssen den Abstieg des 1. FC Nürnberg aus der ersten Bundesliga hinnehmen.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images)

Es ist nicht mal einen Monat her, dass Palikuca, 40, seine Arbeit beim Club begann, es war ihm also von Beginn an klar, dass die Saison mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem neunten Abstieg der Vereinsgeschichte enden wird. Das Spiel hatte nochmals für die ganze Saison gesprochen, wie Verteidiger Georg Margreitter sagte. Nürnberg hielt eine Halbzeit gegen eine Mannschaft mit Ambitionen auf die Champions League immerhin mit. Seit dem Trainerwechsel von Michael Köllner zu dessen vorherigen Assistenten Boris Schommers im Februar spielte der Club defensiver und damit oft konkurrenzfähig. "Wir haben uns zu spät taktisch neu ausgerichtet", sagte Margreitter. Doch Torchancen spielte die schwächste Offensive der Liga auch gegen Gladbach nicht heraus, auch unter Schommers gelang in zwölf Spielen nur ein Sieg. Als Nürnberg in der zweiten Hälfte mehr riskierte, fiel ein Gegentor nach dem anderen. Das 0:1 erzielte der frühere Club-Stürmer Josip Drmic, das 0:2 war ein Eigentor von Lukas Mühl. Die weiteren Treffer von Thorgan Hazard und Denis Zakaria fielen fast ohne Gegenwehr.

Die meisten Abstiege aus der Bundesliga

9 Abstiege

1. FC Nürnberg

7 Abstiege

Arminia Bielefeld

6 Abstiege

MSV Duisburg, Hertha BSC, VfL Bochum, Karlsruher SC, 1. FC Köln, Hannover 96

5 Abstiege

KFC Uerdingen, FC St. Pauli, Fortuna Düsseldorf

"Wenn du nach dem 33. Spieltag mit 19 Punkten dastehst, hast du es nicht verdient, nächstes Jahr Bundesliga zu spielen", sagte Schommers. Der Interimstrainer hatte bis zuletzt zumindest öffentlich daran geglaubt, den nun acht Punkte entfernten VfB Stuttgart auf dem Relegationsplatz einzuholen. Palikuca hat längst mit Priorität für den Wiederaufstieg geplant.

Schon in der Halbzeit am Samstag, als sich der Abstieg durch Stuttgarts parallele 1:0-Führung andeutete, sagte er im Sky-Interview: "Wir werden in der Lage sein, eine gute Mannschaft zusammenzustellen." Er werde noch vor dem letzten Spieltag den Trainer für die kommende Saison bekanntgeben, sagte er außerdem. Es spricht wenig dafür, dass es sich dabei um Schommers handelt, der zuletzt gesagt hatte, gerne bleiben zu wollen. Angeblich ist der Österreicher Damir Canadi, 49, der in dieser Saison Atromitos Athen in Griechenland trainierte, ein Kandidat. Und angesprochen auf Peter Hermann, derzeit Assistenztrainer beim FC Bayern, sagte Palikuca, das sei ein "interessanter Mann". Hermann, 67, soll Gerüchten in Nürnberg zufolge Kaderplaner an Palikucas Seite werden. Beide kennen sich aus gemeinsamen Jahren bei Fortuna Düsseldorf, wo Palikuca bis April im Management arbeitete und Hermann bis 2017 als Co-Trainer.

Was dem Kader fehlt, das konnte der Sportvorstand in den vergangenen Wochen gut beobachten. Einerseits attestierte er dem Großteil der Spieler eine "hohe Qualität für die zweite Liga, dieses Grundgerüst werden wir verwenden und uns drumherum verstärken". Kapitän Hanno Behrens etwa soll unbedingt bleiben. Verteidiger Margreitter, bis Februar Stammspieler, sagte, er werde seinen noch zwei Jahre gültigen Vertrag erfüllen. Und das Ziel sei klar: Die Mannschaft habe nun "Blut geleckt", sagte der Österreicher, 30, der seine erste Bundesligasaison spielt. "Ein Verein wie Nürnberg wird sich nie damit zufriedengeben, in der zweiten Liga zu spielen." Andererseits werden Spieler gehen. Mittelfeldspieler Eduard Löwen zum Beispiel, in der ersten Halbzeit bester Nürnberger, hat seine Erstligatauglichkeit bewiesen. Und in der Offensive braucht die Mannschaft auch in der zweiten Liga Verstärkung; Spieler, "die Tore schießen", wie Palikuca sagt. Es ist weiterhin sein Plan, den am Samstag verletzten Rechtsaußen Matheus Pereira, in den vergangenen Wochen an fast allen Nürnberger Toren beteiligt, noch ein Jahr von Sporting Lissabon auszuleihen. Pereiras Vertreter Virgil Misidjan, im Sommer immerhin für drei Millionen Euro gekommen, unter Schommers zuvor aber nie in der Startelf, gelang gegen Gladbach nicht eine gefährliche Aktion. Doch nach dem Spiel stand auch Misidjan minutenlang gerührt vor der Nürnberger Fankurve, es fiel kein böses Wort. "Absteigen ist ziemlich das Hässlichste im Fußball", sagte Margreitter, aber es sei "beeindruckend", wie die Fans reagierten. Um seinen Hals hing der Schal, den die Spieler geschenkt bekommen hatten, ein Schal mit einem Bild von Max Morlock drauf. Der Weltmeister von 1954, nach dem in Nürnberg das Stadion benannt ist, wäre am Samstag 94 Jahre alt geworden. Die Vergangenheit ist in Nürnberg eben größer als die Gegenwart. Aber das kann ja auch Motivation für die Zukunft sein. "Die Legende wird wieder auferstehen", stand schließlich auf dem größten Plakat.