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1. FC Nürnberg:Mausgroße Dinosaurier

1. FC Nürnberg v SV Sandhausen - Second Bundesliga

„Richtig befreit“: Der 1:0-Siegtreffer schüttelte bei den Spielern und Fans viel Last ab.

(Foto: Adam Pretty/Getty Images)

Der Club vergibt gegen Sandhausen zahlreiche Chancen und siegt durch ein spätes Tor. Das Personal der vergangenen Saison spielt wie verwandelt auf.

Von Thomas Gröbner

Am Ende blieb ja nur noch Lukas Mühl übrig, alle anderen Nürnberger hatten gegen Sandhausen so etwas wie Befehlsverweigerung betrieben, nachdem sie von ihrem Trainer Robert Klauß doch den Auftrag bekommen hatten, ein Tor zu schießen. Ecke, Kopfball Mühl, einfach sah das aus in der 77. Minute, was vorher so schwierig erschienen war. Der 1:0-Siegtreffer schüttelte beim Club viel Last ab, "richtig befreit" sei die Mannschaft nach dem ersten Heimsieg seit Februar gewesen, berichtete Klauß.

Es scheint, als sei der Club mit diesem Sieg jetzt angekommen in dieser Saison, die ja so anders sein soll als die beiden vergangenen Jahre, in denen die Nürnberger jedes Mal an den Abgrund zum Abstieg taumelten. "Wir wissen jetzt, wir sind auf dem richtigen Weg", sagte Torschütze Mühl, es klang nach Aufbruch, ein neues Gefühl.

Dabei hatte das zunächst ganz anders ausgesehen gegen Sandhausen. Klauß hatte gewarnt, den Gegner "nicht abzutun als graue Maus der Liga", der Klub sei ja ein Dino in der zweiten Bundesliga und habe eine "gewachsene Art, Fußball zu spielen". Damit sind sie so etwas wie die Antithese zum FCN, der gerade dabei ist herauszufinden, wofür man steht am Valznerweiher. Und mit der Sandhäuser Art hatte Nürnberg zunächst gewaltige Probleme.

Den nur 6505 Club-Fans im Max-Morlock-Stadion - fast 10 000 hätten kommen dürfen - musste es zunächst bange werden, denn der SVS verwickelte die Nürnberger immer wieder in Scharmützel und drohte in den Anfangsminuten die nervöse Abwehr fast zu überrennen. Schlussmann Christian Mathenia musste gegen Nikolas Nartey und Denis Linsmayer einen frühen Rückstand verhindern.

Feinfüßigkeit gegen Wucht, das war die Ausgangslage, der Ball sammelte zunächst einige Flugmeilen, für gewöhnlich ist dies das Hoheitsgebiet der Sandhäuser, die mit dem wohl ausgefuchstesten Außenverteidigerpärchen der Liga versuchten, die feinfüßigen jugendlichen Club-Angreifer um Robin Hack zu stoppen. Diego Contento, 30, und Dennis Diekmeier, 30, sollten beide den ehemaligen Fürther Angreifer Daniel Keita-Ruel mit Flanken füttern, am ersten Spieltag hatte das glänzend geklappt: Keita-Ruel hatte gleich dreimal getroffen. "Wir wussten: Wenn wir es nicht schaffen, sie vom Tor weg zu halten, wird es schwierig", sagte Klauß danach. Das gelang nach 20 Minuten immer besser, langsam drehte sich das Spiel, und nicht nur Gästetrainer Uwe Koschinat notierte nach und nach eine "wahnsinnige Zahl" an Torchancen für Nürnberg. Denn der Club übernahm die Kontrolle im Mittelfeld, ackerte und erkämpfte sich immer wieder die Bälle in aufreibenden Zweikämpfen. Das Erstaunliche: Es war das Personal der abgelaufenen missratenen Saison, das am Sonntagnachmittag wie verwandelt aufspielte, kein einziger Zugang schaffte es in die Startelf, das überraschte auch Trainer Klauß: "Das ist mir gar nicht aufgefallen." Auch Bayern-Leihgabe Sarpreet Singh und Leipzig-Zugang Tom Krauß nahmen auf der Bank Platz, sie wurden durch Felix Lohkemper und Tim Handwerker ersetzt, beide sollten "besser zur Idee passen", die sich Klauß ausgedacht hatte.

Die Idee verfing, aber blieb lange ohne Lohn. Tore zu schießen, das sei ja die "Königsdisziplin" im Fußball, der schwerste Part im Spiel, hatte Klauß um Nachsicht geworben vor dem Spiel gegen Sandhausen: "Wir brauchen das Gefühl von Leichtigkeit." Dass die Beine vorm Tor bleischwer wurden, dafür gab es in der ersten Hälfte viel Beweismaterial: Hack scheiterte nach einer Flanke von Fabian Schleusener zweimal an Sandhausens Schlussmann Fraisl (29.). Der parierte auch noch gegen einen Schuss von Fabian Nürnberger (36.), auch Stoßstürmer Schleusener verzweifelte nach einer kurz ausgeführten Ecke, während Sandhausen sich nur noch zaghaft nach vorne wagte. Und am Ende der ersten Hälfte hätte das Dino-Duo die Partie fast auf den Kopf gestellt: Flanke Diekmeier, am zweiten Pfosten musste der ehemalige Bayern-Profi Contento den Ball nur noch ins Tor schieben - er produzierte stattdessen eine Rückgabe.

Der Chancenwucher der Nürnberger setzte sich nach der Pause fort. Sandhausen war nun eingeschnürt und wirkte tatsächlich wie eine verängstigte Maus vor der Katze. Dennoch hatte der SVS noch eine Großchance, Keita-Ruel traf nur den Pfosten. Auf Nürnberger Seite war es Nikolai Dovedan, der Freigeist im Offensivspiel, der den Ball nur ans Außennetz setzte. Handwerker (68.) und erneut Dovedan (69.) scheiterten an Fraisl. Die Zeit verstrich, die Gelegenheiten blieben ungenutzt, und gemäß des alten Mantras "Der Club is a Depp" erwarteten die treusten Anhänger auf der Tribüne schon gewohnheitsmäßig den Nackenschlag in Form eines Gegentors. Bis Lukas Mühl endlich traf und die Nürnberger erlöste.

© SZ vom 28.09.2020

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