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1. FC Nürnberg:Lange nach den Tagesthemen

Bei der nächtlichen Aufsichtsratswahl ist der Vorsitzende Thomas Grethlein der große Gewinner. Das hat mit dem neuen Sportvorstand Dieter Hecking zu tun.

Von Markus Schäflein

Als alle Bewerbungsvideos der 18 Kandidaten abgespielt waren, meldete sich der Wahlleiter Gerd Lederer: "Ich darf schon fast Guten Morgen sagen jetzt." Es war 1.26 Uhr, als die Wahl der drei neuen Aufsichtsräte des Fußball-Zweitligisten 1. FC Nürnberg durchgeführt wurde. Die erste Online-Mitgliederversammlung der Vereinsgeschichte dauerte da bereits sieben Stunden an. Es war mit Spannung erwartet worden, wie viele der rund 24 000 Mitglieder teilnehmen würden, Finanzvorstand Niels Rossow hatte mit bis zu 8000 gerechnet, zwischenzeitlich waren es rund 4000. Aber dann kamen ab 18.30 Uhr: ein Film zur 120-jährigen Clubhistorie, im Wortsinn stundenlange Erklärungen zur Logik und zum technischen Verlauf der Abstimmungen, ausführliche Reden von Sportvorstand Dieter Hecking und Rossow, zahlreiche Anträge und Fragen per Chat, schließlich die Entlastung sämtlicher Vorstände und Räte - auf Antrag eines Mitglieds in Einzelabstimmungen. Und die Einschaltquote sank im Laufe der Zeit wie im Fernseh-Abendprogramm nach dem Tatort und den Tagesthemen. Als schließlich über den Aufsichtsrat abgestimmt wurde, waren noch 1969 Stimmberechtigte da - kaum mehr als in Vor-Corona-Zeiten bei den Präsenzveranstaltungen in der Meistersingerhalle.

26 05 2007 DFB Vereinspokal Pokalfinale Finale Endspiel VfB Stuttgart 1 FC Nürnberg FCN Club; Chhunly Pagenburg Nürnberg Aufsichtsrat FCN 1. FC Nürnberg

18 Pflichtspiele und ein DFB-Pokalsieg mit der ersten Club-Mannschaft von 2006 bis 2008: Der ehemalige Fußballer Chhunly Pagenburg will „sportliche Expertise“ in den Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg einbringen.

(Foto: Sportfoto Zink/imago)

Schließlich wurde der bisherige Vorsitzende Thomas Grethlein mit 1108 Stimmen wieder in das Gremium gewählt. Auf dem zweiten Platz (799 Stimmen) zog ein Kandidat mit einer spannenden und passenden Vita in das Gremium ein: Matthias Fifka, Professor für Strategisches und Werteorientiertes Management ("Ich weiß, das hört sich ein bisschen umständlich an. Es geht um Strategie, und es geht um Werte").

Grethlein hatte in seiner Rede zuvor betont, den Club seit 2014 finanziell saniert zu haben - was nun dazu beitrage, die Corona-Zeit zu überstehen. Finanzvorstand Rossow hatte für die sportlich so erfolglose Saison 2019/20 einen Gewinn von 1,8 Millionen Euro vermeldet - in erster Linie zustande gekommen durch große Transfergewinne. Für die laufende Saison droht hingegen ein Minus im unteren siebenstelligen Bereich, weil dieser Effekt nicht mehr greift - und weil die TV-Gelder durch die schlechte Endplatzierung gesunken sind.

1. FC Nürnberg - Präsentation Hecking

Als Aufsichtsrat beim 1. FC Nürnberg bestätigt: Thomas Grethlein wurde bei der virtuellen Mitgliederversammlung mit 1108 Stimmen für drei weitere Jahre gewählt.

(Foto: dpa)

Dass die Konsolidierung um ein Haar fast ganz zerstört worden wäre, verschwieg Grethlein nicht: "Ein Abstieg in die dritte Liga hätte die finanziellen Erfolge der vergangenen Jahre zunichte gemacht - in einem außerordentlichen Ausmaß." Der Club sei "knapp an der größten denkbaren Katastrophe vorbeigeschlittert". Letztlich erhielt Grethlein trotz des langen Festhaltens des Gremiums an Sportvorstand Robert Palikuca und dessen Trainern einen deutlichen Vertrauensbeweis. So gut wie alle anderen Kandidaten lobten ja auch die Entscheidung des Aufsichtsrats, nach der Fast-Katastrophe auf Hecking zu setzen - am Ist-Zustand gab es also wenig auszusetzen, zumal der neue Sportvorstand einen überzeugenden Auftritt bei der Versammlung hingelegt hatte.

Matthias Fifka 1. FC Nürnberg Aufsichtsrat

"Es geht um Strategie, und es geht um Werte": Matthias Fifka, neuer Club-Aufsichtsrat und Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

(Foto: OH)

Grethleins Gegner mussten daher - erwartbar erfolglos - auf Nebenschauplätze ausweichen. Er hatte sich auf Nachfrage zu äußern, weshalb der Fanverband eine Wahlempfehlung für ihn abgegeben hatte. Er habe "keine Kenntnis davon" gehabt, sagte er, "es ist jedem Verband freigestellt, Empfehlungen zu geben oder zu unterlassen". Auch zur Kritik seiner Gegner an seinem Auftreten beim Relegationsspiel gegen den FC Ingolstadt äußerte sich Grethlein: "Ich rauche jetzt seit 30 Jahren bei jedem Spiel eine Zigarre - in den Stadien, wo es erlaubt ist. Bier trinke ich nicht so oft, aber in dem Fall hat mir eine Halbe gut getan. Ich wüsste nicht, was daran vereinsschädigend sein soll."

Damit war sein prominenter Kritiker, der Pharmakologe Fritz Sörgel, mit dem Vorwurf, Grethlein habe die schlimmsten legalen Suchtmittel der Menschheit konsumiert, ebenso abgekanzelt wie mit seinen Anträgen. Sörgel wollte die Wahlen verschieben, um mehr Zeit zu haben, eine Opposition aufzubauen - die Tagesordnung ging aber mit 2573:342 Stimmen durch. Und die 17 satzungsändernden Anträge, hauptsächlich von Sörgel und anderen Kritikern, wurden gar nicht behandelt. Ein Mitglied hatte beantragt, sie aus Zeitgründen und wegen der Premiere der virtuellen Form zu verschieben - 2600:613.

So kam es auch nicht zu dem Antrag, dass für einen Verkauf des Vereinsgrundstücks oder Teilen davon eine Zustimmung der Mitgliederversammlung nötig sein soll. Rossow beschwichtigte entgegen der Gerüchte: "Es gibt keine Bestrebungen, große Teile, alles oder kleine Teile davon zu verkaufen." Der Club habe ja "signifikant in den Standort investiert".

Auch der Unternehmer Hanns-Thomas Schamel, der sich zwar nicht als Gegenspieler Grethleins positionieren wollte, in der Vergangenheit aber öfters mit ihm aneinandergeriet, verpasste den Einzug in den Aufsichtsrat deutlich. Er landete unter den 18 Kandidaten nur auf Rang acht. "Die Mitglieder, die zu dieser Zeit noch dabei waren, haben sich klar für ein Weiter so entschieden", sagte Schamel, "das muss man in einem Verein akzeptieren." Und sie wünschten sich einen ehemaligen Spieler im Aufsichtsrat; Martin Driller (684 Stimmen) und Marc Oechler (368) platzierten sich weit vorne. Und dem früheren Stürmer Chhunly Pagenburg (696), dem am wenigsten Prominenten aus dem Trio, gelang überraschend gar knapp der Einzug in das Gremium. Der 33-jährige Immobilienunternehmer will, natürlich, "sportliche Expertise" einbringen.

© SZ vom 22.10.2020
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