Süddeutsche Zeitung

Bundesliga:So was von verdiente Abstiege

Selten ist eine Mannschaft atmosphärisch und sportlich so überzeugend abgestiegen wie Hannover 96. Und der 1. FC Nürnberg baut seinen Rekord aus.

Hannover 96 ist das Opfer eines großen Irrtums geworden. Gab es doch Prognostiker, und es waren nicht wenige, die die Mannschaft anfangs als Kandidat für einen stabilen Mittelfeldplatz gehandelt hatten. Eine Spielzeit fernab aller Sorgen - das hörte sich gut an, so sollte es sein. An Europa wollte in Hannover kaum jemand denken, aber mit dem Abstieg sollte diese Mannschaft auch nichts zu tun bekommen.

Eine Vorhersage, die sich bitter rächen sollte. Denn was im Klub und in der Stadt seither geschah, lässt sich am besten so zusammenfassen: Hannover hat sich herausragend intensiv um den Absturz in die Zweitklassigkeit bemüht! Auf allen Ebenen: sportlich, operativ, in der Außendarstellung. Wäre die zweite Bundesliga ein Job, die 96er hatten bereits ziemlich früh in der Saison ihre Bewerbungsmappe mit den allerbesten Referenzen zusammen.

Dabei geht es um weit mehr als nur den Fußball, den die Mannschaft zu präsentieren wagte. Der war bestenfalls bieder, bis auf sehr wenige Ausnahmen. Das 3:0 am vorletzten Spieltag gegen bereits gerettete Freiburger war der erste durchweg entschlossene Auftritt seit Wochen - er kam viel zu spät. Weil Stuttgart parallel gegen Wolfsburg ebenfalls 3:0 siegte und sich jetzt auf die beiden Relegationsduelle gegen den Zweitliga-Dritten einstellen darf, steht seit Samstag, kurz nach 17 Uhr, definitiv fest: Hannover (Vorletzter) und Nürnberg (Letzter) müssen mal wieder runter.

Die Begleitmusik ähnelte einem Trauermarsch

Die Hannoveraner haben den Franken momentan eigentlich nur eines voraus: Ihre Statistik ist weniger grausam. Der FCN stieg 1969 erstmals aus der Bundesliga ab - als deutscher Meister. Das ist einmalig. Längst dürfen sie sich mit dem fragwürdigen Siegel "Rekordabsteiger" schmücken: Neunmal nahm der Club nun schon den Fahrstuhl nach unten, auch dieses Mal blieb er nur eine einzige Spielzeit. Es war ein Intermezzo, für das der Aufsteiger, im Gegensatz zum Mit-Aufsteiger Fortuna Düsseldorf, nicht vorbereitet und nicht reif genug war.

Während der Club sportlich bereits bei Saisonstart, neben der Fortuna, als Abstiegsfavorit galt, kündigte sich in Hannover das Schicksal bald schon besonders jenseits des Rasens an. Die Begleitmusik ähnelte einem Trauermarsch. Da war besonders der permanente Streit zwischen Geschäftsführer (vormals Präsident) Martin Kind mit Teilen der Fans über die Macht im Verein und die sogenannte 50+1-Regel. Es ging höchst verbittert ums Eingemachte, um die Eigentumsverhältnisse. Öffentlich wurde monatelang gestritten, über Pressemitteilungen, Anwälte, Gerichte. In der Arena herrschte wegen eines Stimmungsboykotts ein frostiges Klima - mühelos waren die wenigen Gästefans die oft die lauteren Besucher. Erst im Frühjahr beruhigte sich der Konflikt, als die Opposition per Mitgliedervotum die Herrschaft im Klub übernahm und Kinds Machtgebaren einbremste. Da wurde deutlich, wie viel Widerstand der autoritäre Kind im Klub tatsächlich provoziert hatte.

Hannover setzte simpelste Anstandsregeln außer Kraft

Zudem entwickelte Kind eine eigentümliche Rhetorik, um die verunsicherte Mannschaft doch noch zu motivieren. Schon im März, als der Nichtabstieg rechnerisch noch möglich war, bezeichnete er das Team als "kaputt, schlecht zusammengestellt und gescheitert". Das ging an die Adresse von Manager Horst Heldt. Von dem wusste jeder in Hannover, dass er eigentlich längst gerne die Klubs in Köln oder in Wolfsburg organisiert hätte. Erst wurde Heldt zum Bleiben verdonnert, später alles andere als gesichtswahrend aus dem Amt befördert. Die simpelsten Anstandsregeln wurden außer Kraft gesetzt: So wollte der Klub Heldt zum Abschied einen Großteil der Schuld am Niedergang zuschieben, auf dass sich andere Klubs besser dreimal überlegen, ob sie diesen Funktionär verpflichten wollen. Das scheint bislang gelungen zu sein.

Der Traditionsklub Hannover ist jetzt bereits zum sechsten Mal aus der Bundesliga abgestiegen; wie schon 2016 müssen sich die 96er in der zweiten Liga wieder neu erfinden. Damals gelang der direkte Wiederaufstieg - und diesmal? Unwahrscheinlich war bislang, dass Trainer Thomas Doll bleiben wird, zumal der 53-Jährige die Mannschaft seit der Amtsübernahme von André Breitenreiter im Februar nur zu drei Siegen geführt hat. Der Neue fiel mehr durch den übermäßigen Gebrauch gängiger Fußballfloskeln auf ("Gras fressen", "Bock umstoßen") als durch eine tragende spielerische Idee. Nach dem letzten Spiel wollen Kind und Doll klären, wie es weitergeht.

Auch sportlich ist der Abstieg von Hannover 96 somit voll und ganz verdient. Nur 21 Punkte aus 33 Spielen dokumentieren ein Scheitern auf ganzer Linie. Und wer ein überzeugendes Resultat, dieses 3:0 gegen Freiburg, erst dann vorlegt, wenn es zu spät ist, der liefert weitere Fakten dafür, dass sein Timing nicht gestimmt hat. Dass er sich verkalkuliert hat, eine komplette Saison lang.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4442461
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 12.05.2019/jbe
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.