1. FC Nürnberg:Die Konjunktiv-Mannschaft

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1. FC Nürnberg: Unterlegen: Die Nürnberger, hier Erik Wekesser (u.) gegen Bakery Jatta, verloren gegen den HSV.

Unterlegen: Die Nürnberger, hier Erik Wekesser (u.) gegen Bakery Jatta, verloren gegen den HSV.

(Foto: Wolfgang Zink/Imago)

Nach dem 0:2 gegen den Hamburger SV bemüht sich der Club, das Gute zu sehen. Dafür braucht es keine Lupe - aber es empfiehlt sich, den Blick etwas zu weiten.

Von Sebastian Leisgang

Wann Dieter Hecking und Olaf Rebbe wohl das nächste Mal in ein Auto steigen und sich gemeinsam auf den Weg in den Norden machen, um dort für ein paar Tage bei ihren Familien abzuschalten? Am Freitag spielt der 1. FC Nürnberg bei Eintracht Braunschweig, durchaus denkbar also, dass der Sportvorstand und der Sportdirektor schon mit etwas Vorlauf aufbrechen und dann wieder an jener Raststätte von der Autobahn abfahren, an der sich Hecking zur Mittagspause stets eine Bratwurst gönnt.

Danach wäre es bestimmt ein Genuss, sich auf der Rückbank einzurichten und während der Fahrt einfach ein bisschen zu lauschen, wie sich Hecking und Rebbe über die ersten Saisonwochen austauschen. Wie oft sich Hecking wohl in Rage redet, wenn er daran denkt, wie der Club gerade dasteht? Und wie oft Rebbe wohl aufs Gaspedal tritt, um wenigstens auf der Straße ins Rollen zu kommen, wenn es der Mannschaft schon nicht auf dem Fußballplatz gelingt?

Nach dem 0:2 gegen den Hamburger SV hat der Club nur sieben Punkte auf seinem Konto. Das sind zwar immer noch vier mehr, als die Fürther haben - trotzdem ist es keine allzu gewagte These, wenn man behauptet, dass der Nürnberger Saisonstart durchaus das Zeug hat, um Hecking den Appetit auf Bratwürste zu verderben. Der Sportvorstand hatte ja schon vor dem HSV-Spiel davon gesprochen, dass es für seinen Geschmack dann doch ein bisschen mehr Spielkultur sein dürfe. Hecking vermisste die fußballerische Note und nahm deshalb vor allem die Mannschaft in die Pflicht. Wie waren dann also diese 90 Minuten am Samstagabend zu bewerten?

Im Grunde hat das Nürnberger Spiel ein klares Profil: Trainer Robert Klauß stammt aus der Leipziger Gegen-den-Ball-Schule

So ganz einig waren sich die Spieler da nicht. Während Christoph Daferner nach der Partie davon sprach, dass die Mannschaft "mit dem Ball nicht immer gute Lösungen gefunden" habe, war Florian Hübner der Meinung, dass der Club "in der zweiten Halbzeit vor allem mit Ball ein sehr gutes Spiel gemacht" habe.

Grundsätzlich waren die Nürnberger nach dem 0:2 gegen den HSV sehr bemüht, das Gute zu sehen. Dafür brauchte es keine Lupe, weil auch die Zuschauer mit eigenen Augen feststellen konnten, dass sich dem Auftritt einiges abgewinnen ließ -aber es empfahl sich, im Nachgang auch mal das Fernglas zur Hand zu nehmen und den Blick etwas zu weiten.

Im Grunde hat das Nürnberger Spiel ein klares Profil. Trainer Robert Klauß stammt aus der Leipziger Gegen-den-Ball-Schule, er steht für einen aufwendigen, physischen und nach vorne gerichteten Sprinterfußball, der sich in erster Linie über das Widerborstige und seine Überfallartigkeit definiert. Das kann durchaus attraktiv sein und die Zuschauer auf den Tribünen abholen, doch momentan muss sich der Club erstmal damit abfinden, dass er bis auf Weiteres eine Was-wäre-wenn-Mannschaft ist.

Assistenztrainer Tobias Schweinsteiger steht vor einem Wechsel zum VfL Osnabrück

Wer sich den Nürnberger Kader zu Gemüte führt, darf grundsätzlich ja schon die Phantasie haben, dass dieses Team guten Fußball spielen und Hecking nicht nur Raststättenwürste schmackhaft machen kann, sondern auch die hauseigenen. Derzeit muss sich der FCN aber anerkennen, dass der Konjunktiv an ihm haftet. Nach den ersten sechs Spielen stellt sich ja durchaus die Frage, wie es wohl um den Club bestellt wäre, wenn er nicht derart vom Verletzungspech heimgesucht werden würde, wie es derzeit der Fall ist. Und auf welchem Stand könnte die Mannschaft eigentlich sein, wenn sich die Spieler schon gefunden hätten?

Im Sommer haben Hecking, 57, und Rebbe, 44, den Kader auf einigen Positionen verändert. Jetzt sehen sich die Nürnberger besser aufgestellt als im Vorjahr, doch nach den ersten sechs Spielen ist der Club erstmal mittendrin statt oben dabei. Das lässt es zwar noch nicht zu, ein Fernglas herzunehmen und schon jetzt vorauszusagen, wie die Mannschaft wohl im Mai dastehen wird - trotzdem sah Kapitän Christopher Schindler schon am Samstag die Zeit gekommen, um einen Appell loszuwerden. "Wir müssen zusehen, dass wir eine konstante Leistung finden, bei der viele Spieler an ihrer Leistungsgrenze sind", sagte Schindler, "das ist uns bisher noch nicht so gelungen."

Selbst innerhalb eines Spiels leistet sich die Mannschaft noch zu viele Schwankungen. Auch das könnte ein Thema sein, wenn Hecking und Rebbe mal wieder für ein paar Stunden nebeneinander im Auto sitzen. Wenn die beiden dieser Tage in Richtung Norden aufbrechen sollten, könnten sie Tobias Schweinsteiger möglicherweise gleich mitnehmen und sich dann noch ein letztes Mal seine Meinung einholen. Nürnbergs bisheriger Assistenztrainer steht unmittelbar vor einem Wechsel zu einem Verein, der ebenfalls im Norden zu Hause ist: Schweinsteiger, 40, soll den Drittligisten VfL Osnabrück übernehmen.

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